Liebe 31er!
Wir vom Jahrgang 1931 haben unsere Kinder- und Jugendzeit in einschneidender Weise erlebt, nämlich während der zwölfjährigen Herrschaft der Nationalsozialisten im so genannten Dritten Reich und des Zweiten Weltkrieges. Wir sind in einer Diktatur aufgewachsen und wir sind Kriegskinder.
Doch wir Einunddreißiger unterscheiden uns von den anderen deutschen Jahrgängen noch in besonderer Weise: Man rechnet uns zu den "Weißen Jahrgängen". Das bedeutet: Wir waren am Ende des Zweiten Weltkriegs als knapp Vierzehnjährige zu jung, um noch als letztes Aufgebot zur Wehrertüchtigung, zu den Flakhelfern oder zum Volkssturm eingezogen zu werden, und später, nach dem Aufbau der Bundeswehr, waren wir schon in so fortgeschrittenem Alter, dass angesichts der vielen jüngeren Jahrgänge kein Anlass bestand, uns zur allgemeinen Wehrpflicht heranzuziehen.
Dieser Vorteil, der uns eine Ausbildung oder ein Studium ohne Verzögerung oder Unterbrechung durch den Staatsdienst ermöglichte, mag für den einen oder anderen von uns wesentliche Bedeutung gehabt haben, andererseits teilen wir mit den Altersgenossen der während der dreißiger Jahre Geborenen eine oft bedrohliche gemeinsame Erfahrung: Wir sind während der Herrschaft der Nationalsozialisten aufgewachsen, haben das gesamte Dritte Reich, also die Diktatur Adolf Hitlers und seiner NSDAP, als Kinder und Jugendliche erlebt und in ihm die Fährnisse und Schrecken des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 während dessen gesamten Verlaufs in schulpflichtigem Alter durchgestanden. Das heißt, wir haben überlebt! Manche von uns verloren in dieser Zeit ihre Eltern; der Vater an der Front gefallen, die Mutter in einer Bombennacht oder auf der Flucht aus den Ostgebieten umgekommen. Wir erinnern uns an nächste Verwandte, an Onkel, Tanten, Neffen und Nichten oder gar Geschwister, die diese Zeitspanne als Geschädigte, Flüchtlinge, Verletzte oder Tote hinterließ.
Wir 1931er sind ohne eigenes Verdienst im wahren Sinne "davongekommen". So erlebten wir, noch immer jung, die Wiederaufbaujahre der Bundesrepublik, die Währungsreform, die neue Warenvielfalt, das Wirtschaftswunder, den relativ problemlosen Zugang zu Lehrstellen, Ausbildungsplätzen und zu den Universitäten.
Unsere Kindheit und Jugend hat unseren späteren Weg als Erwachsene bis ins Alter geprägt. Folgen Sie mir in die Welt der Erinnerungen aus einer Zeitspanne, die sich vom Alltag unserer Gegenwart so grundlegend unterscheidet.
Gunter Péus