Liebe 36er!
Wenn wir unsere Kindheit Revue passieren lassen, so stellen wir fest, dass sich unsere Erinnerungen nicht in jedem Falle gleichen. In der DDR sind wir ja nur zum Teil "aufgewachsen", denn wir waren schon zwölf oder 13 Jahre alt, als der Staat gegründet wurde. Wir sind eher in unseren Staat "hineingewachsen". Zuvor lebten wir reichlich vier Jahre in der sowjetischen Besatzungszone. Geboren wurden wir im Deutschen Reich, doch schon hier tun sich gravierende Unterschiede in unseren Biografien auf. Erblickten wir das Licht der Welt in Thüringen oder in Ostpreußen? In Mecklenburg oder im Sudetenland? In der Stadt oder auf dem Lande? Als Kind einer Bäuerin oder einer Magd? Eines Fabrikanten oder eines Proletariers? Blieb unsere Familie in der Heimat oder gibt es für uns zwei Heimatorte? Ja, wie waren sie eigentlich, unsere Kindheits- und Jugendjahre?
Von der mütterlichen Geborgenheit sind in der Erinnerung ein paar Bruchstücke erhalten. Vielleicht Korn- und Kleefelder mit rotem Klatschmohn rundum. Vielleicht Zinkbadewannen, Karussells, Musikkapellen. Männer in schicken Uniformen, rote Fahnen mit Hakenkreuzen und imposante Marschmusik. Spätestens zwischen unserem sechsten und neunten Lebensjahr war es dann selbst mit den letzten süßen Kindheitserinnerungen vorbei. Wir mussten erleben, was "Krieg" wirklich bedeutet. Und Bomben, Angst, Hunger, Kälte, Tote, Verwundete. Was gestern noch stimmte, war heute nicht mehr wahr. Dennoch mischen sich Episoden dazwischen, die zu den Bildern jener Jahre überhaupt nicht zu passen scheinen: Das Wohlgefühl in Mutters Armen. Der Saft eines frischen Apfels. Die wundervolle Wärme eines kleinen Feuers.
Wir waren Kinder. Wir überlebten. Zum Glück! Dann war der Krieg "vorbei". Was jetzt werden würde, wussten wir nicht, denn so lange wir denken konnten, war eben Krieg gewesen. Wir wuchsen hinein in die DDR. Vielleicht weil unsere Eltern es richtig fanden. Weil sie, als arme Schlucker, doch eher hier Hoffnung auf bessere Zeiten hegten als anderswo. Vielleicht auch, weil es ganz einfach ihre Heimat war. Auch wir selbst hatten noch Zeit, über unser Leben zu entscheiden. Zu entscheiden, ob wir nach unserer abgeschlossenen Berufsausbildung oder dem Studium "abhauen" würden. Damals ging das ja noch recht unkompliziert. Wir sind geblieben und haben die Ärmel hochgekrempelt. In der Tat, wir DDR-36er sind schon ein eigener Menschenschlag.
Sieglinde Mörtel
Egon Pauer