Liebe 37er!
Als wir geboren wurden, waren seit Ende des Ersten Weltkrieges noch keine zwanzig Jahre vergangen und unsere Eltern hofften, dass wir unter einem friedlichen Himmel aufwachsen würden. Doch es gab auch Menschen, die ahnten sehr wohl, dass die Nachkriegs- längst schon wieder eine Vorkriegszeit war. Wirklich? Ging es denn nicht spürbar bergauf nach den Zeiten der Not? Hatten unsere Väter nicht endlich wieder Arbeit? Konnten wir uns nicht satt essen?
Mit familienfreundlichen Verheißungen versuchte man, unsere Eltern zu ködern. Versprach dem deutschen Volk gar einen Platz an der Sonne. Aber bald schon zogen böse Schatten auf und es wurde sehr finster hierzulande und anderswo. Vater zog fort. Der Luftschutzkeller wurde unsere Zweitwohnung. Statt bunter Murmeln tauschten wir nun Granatsplitter. Sirenen heulten uns aus dem Schlaf. Und als sie endlich verstummten, waren viele von uns Waisen, heimatlos - Treibgut des Krieges.
Wir sahen und erlebten Dinge, die ein Kind nicht erleben sollte. Und wir mussten kämpfen: um einen Kanten Brot, ein Kochgeschirr voller Kohlsuppe, einen Brocken Kohle. Wir waren Bettler, Diebe, "Vaterlandsverräter" gar; standen wir doch als Erste an den Gulaschkanonen der Feinde. Sie hatten weder Schokolade noch Kaugummi zu verschenken, aber nach "chleb" fragten wir nicht vergeblich. Mit kindlicher Unbekümmertheit, Erfindungsreichtum und Spaß meisterten wir unser kleines hartes Leben. Spürten die Aufbruchstimmung um uns. Sie tat uns gut. Wir gingen zur Schule, um fürs Leben zu lernen und staunten später, dass sich das Leben oft einen alten Quark um unsere Schulweisheit kümmerte. Wir fanden einen Beruf. Nicht immer den, den wir uns erträumten. Wir studierten. Nicht immer das, was wir uns wünschten. Doch wir wurden alle gebraucht. Manche Sehnsucht, manche Hoffnung blieb unerfüllt? Trösten wir uns: Nicht einmal Prometheus reiften alle Blütenträume.
Liebe 37er, unsere Kinder- und Jugendjahre waren wohl nicht nur schwer und entbehrungsreich, sondern auch lustig, voller Fantasie und bunter Abenteuer. Reisen wir gemeinsam zurück in unsere schönste Zeit!
Karin Kopp