In Deutschland leben heute etwa 14 Millionen Menschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden. Die meisten von ihnen sind ganz wesentlich durch die Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs geprägt. Als Kinder ängstigten sie sich in Luftschutzkellern, erlebten Bombenangriffe und sahen für sie unbegreifliche Zerstörungen. Besonders schwer hatten es die Kinder, die mit Eltern und Verwandten als Flüchtlinge oder Vertriebene ihre Heimat verlassen mussten. Viele Kinder verloren ihren Vater im Krieg - ein Verlust, der sicher den größten Einfluss auf ihre Entwicklung in Kindheit und Jugend hatte. Wenn sich die heute lebende Generation dieser "Kriegskinder" an diese Zeit erinnert, stellt sie fest, dass viele der Schreckensbilder im Laufe der Jahre verblasst sind, dass positive und erfreuliche Erlebnisse überwiegen. Das liegt sicher daran, dass wir Kinder die Grausamkeiten des Krieges teilweise noch gar nicht verstanden, dass wir nichts über die Ursachen der schrecklichen Entwicklungen wussten. Wir haben - so gut es eben ging - in den Tag hinein gelebt und waren froh, wenn wir nicht hungern und frieren mussten und einen Freund zum Spielen fanden.
In den ersten Jahren nach dem Krieg standen in den meisten Familien die gemeinsamen Anstrengungen um die notwendigste Versorgung mit Nahrungsmitteln und Heizmaterial im Vordergrund. Wir Kinder wurden in diese Mühen je nach Alter einbezogen und haben die großen Schwierigkeiten dieser Zeit sehr bewusst miterlebt. Die Solidarität der Menschen und ihre Improvisationskunst in den Nachkriegsjahren sind uns lebhaft im Gedächtnis geblieben.
Die politische Neuorientierung ließ auch nach der Gründung der beiden deutschen Staaten bis in die fünfziger Jahre hinein immer noch einen gewissen Spielraum im gesellschaftlichen Leben zu. Diese Entwicklung spiegelte sich mehr oder weniger auch in unserer Erziehung wider, insbesondere im Hinblick auf die pädagogische Ausrichtung und die gesellschaftlichen Aktivitäten an der Schule. In der DDR erlebten wir zwar die Gründung und den Aufbau der zentralen Jugendorganisationen, aber in den Anfangsjahren waren deren Einflussnahme und Anforderungen noch relativ begrenzt. Wir haben von den später viel häufigeren Drucksituationen wenig gespürt und in dieser Hinsicht eine verhältnismäßig unbekümmerte Jugendzeit erlebt.
Wolfgang Radloff