Vorwort
Liebe 75er!
Na, auch schon auf einer "Ü-30-Party" gewesen? Ja, ja, meine Lieben, es geht langsam los mit dem Sich-Zurück-Erinnern und mit den Weißt-du-Noch-Gesprächsrunden. Sei es beim Klassentreffen, bei Geburtstagsfeiern oder im Urlaub, wenn man auf Gleichaltrige stößt, gehört das jetzt einfach schon dazu. Sind die dann noch aus dem Osten, ist man ganz schnell bei Themen, die nur ein "Insider der Szene", also ein in der DDR Geborener kennen, schätzen, hassen oder lieben kann.
Wir 75er sind schon etwas ganz Besonderes, denn wir sind in zwei völlig verschiedenen Gesellschaftssystemen groß und erwachsen geworden. Zum Glück, werden die meisten von uns sagen, denn unsere Kindheit fand in einem kinderfreundlichen Staat statt, in dem wir uns nicht von der Stasi bedroht fühlten und wo wir keineswegs glaubten, dass ein Urlaub auf den Malediven für unsere kindliche Seele unbedingt notwendig wäre. Uns ging es gut, auch wenn wir auf vieles verzichten mussten. Aber bekamen wir dann doch mal eine Stone-Washed-Jeans, ein Glas Nutella, eine Roxette-LP oder eine BRAVO, dann freuten wir uns wie die Schneekönige. Es waren die kleinen Dinge von außen, die uns das Leben versüßten.
Ansonsten genossen wir das Gemeinschaftsleben mit den vielen kleinen privaten Nischen, wir kannten es ja nicht anders und wir wollten es auch nicht anders, noch nicht. Die Wende kam mit unserem Jugendweiheschwur zum Sozialismus - es war schon paradox, aber wir haben es gemeistert. Haben anfängliche Ängste über die Zukunft ebenso schnell ausgeräumt wie die allzu große Euphorie beim Anblick des unüberschaubaren Konsumangebotes jenseits des Eisernen Vorhangs.
Vieles wurde für uns schneller zum Alltag als für unsere Eltern. Vieles vergaßen wir aber auch schneller als unsere Eltern. Lasst uns deshalb gemeinsam noch einmal durch unser Leben bummeln in dem deutschen Staat, den es seit 1990 auf keiner Landkarte mehr gibt.
Michael Schulz
Martina Güldemann