Liebe Leserinnen und Leser,
eine typische Düsseldorfer Kindheit und Jugend gab es in den 60er und 70er Jahren ebenso wenig wie es eine typische Kindheit in Hamburg oder Stuttgart gab. Die Nachkriegsära ging auch in Düsseldorf in die Zeit der "Swinging Sixties" über. Die Hochachtung, mit der unsere Eltern die Waren aus randvollen Geschäftsregalen griffen, konnten wir nicht teilen. Wir sahen in Produktvielfalt und Massenwaren keinen Luxus mehr. Der Großeinkauf an Mutters Hand gehörte zum Alltag wie der Griff in den niemals leeren Kühlschrank. Waren wir beim Zug durch die Läden "schön brav", gab es als Belohnung einen Riegel "Mars" oder ein "Capri"-Eis. Die Langnese-Flagge an den noch zahlreich existierenden Tante-Emma-Läden wies uns den Weg. Machten wir Ärger, gab es weder Mars noch Capri, sondern eine "getachelt". In der Erinnerung waren die Sommer heiß, die Winter kalt. Von Juni bis August regierte die Sonne, über Weihnachten fiel Schnee, blieb einige Tage liegen, manchmal sogar Wochen. Die Abfahrten im Grafenberger Wald und an den Rheinufern waren in der nahezu ebenerdigen Stadt schnell von Holzschlitten übersät. Alle zwei Wochen ging es zum Friseur um die Ecke, wo die Jungs einen millimetergenauen und dank "Seborin" schuppenfreien Scheitel verpasst bekamen. Die Welt war nicht immer heil, aber berechenbar.
Was unseren Alltag während der wilden 60er und der hippigen 70er von Lebensläufen in anderen Städten unterschied, waren die großen kulturellen und sozialen Gegensätze, auf die wir früher oder später trafen: hier Schützenfeste und Ausgelassenheit, dort reiche Damen im Nerz, die auf der "Kö" Obdachlosen eine Mark zusteckten; hier Arbeiterstadtteil mit Schrebergarten-Charme, dort Schicki-Micki- und Intellektuellen-Szene. Der Reiz, zwei Autoren mit unterschiedlichen Lebensläufen mit diesem Band zu betrauen, macht vor diesem Hintergrund Sinn: Zum einen liegt ein Schwerpunkt auf dem Leben im noblen Ortsteil Oberkassel, zum anderen auf den Arbeitersiedlungen Flingerns und den Neu-Siedlungen in Wersten. Der Mix aus Großstadt- und Stadtteilleben bildet ein Mosaik, das ein wenig von der farbigen und facettenreichen Stadt am Rhein widerspiegeln soll.
Thomas Bernhardt und Wolfgang Schmitz