Vorwort zur Neuausgabe
Als das Buch unter dem Titel Was ist Kunst..? 1080 Zitate geben 1080 Antworten erstmals im Juli 1987 ausgeliefert wurde, trafen günstige Faktoren zusammen. Die documenta 8 hatte für hundert Tage die Pforten geöffnet, täglich wurde bundesweit über Kunst diskutiert - und darüber, ob das, was in Kassel gezeigt wurde, Kunst sei. Da erschien meine Sammlung gerade recht. Das Medienecho war groß, zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften bedienten sich aus dem Zitatenfundus und empfahlen die Quelle wohlwollend weiter. Das Buch wurde Bestand kunstwissenschaftlicher Institute im In- und Ausland. Als ich in der Bibliothek des Louvre ein Exemplar in Händen hielt, war ich gerührt.
Künstler nutzten die Zitate für Aktionen. Julia Wegat ließ hunderte von Definitionen während ihrer Performance Wie es Euch gefällt von einem unsichtbaren Männerchor (warum nur Männer?) rezitieren (Pasinger Fabrik München, November 1993). Die Frankfurter Museen für Bildende Kunst - Stadel, Liebieghaus und das Museum für Moderne Kunst - rüsteten 1999 ihre Werbekampagne mit Zitaten meiner Sammlung aus. Die Konfrontation der Statements mit Werken der bildenden Kunst kam beim Publikum an.
Die Basler Galerie Margrit Gass richtete im Juli 1997 eine Ausstellung mit dem Titel "Was ist Kunst?" aus, das Philosophicum Lech (Voralberg/Österreich) veranstaltete 1998 ein Symposium zur gleichen Frage. Jedesmal war mein Buch eine verläßliche Quelle der Inspiration. Reinold Schmücker gab seiner Dissertation, die er 1996/76 dem Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der Uni Hamburg vorgelegt hatte, den Titel Was ist Kunst? Eine Grundlegung (1998). Michael Hauskeller publizierte eine Reihe von Essays, die 1997/1998 in der FAZ erschienen waren, unter dem Titel Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Danto (1998). Im gleichen Jahr edierte auch Armin Thommes seine 96seitige Publikation unter dem Titel Was ist Kunst? Ein philosophisches Gespräch über Aristoteles, Leonardo, Danto und andere(s). In Fußnote 4 schreibt er: "Zu dieser Fragestellung ist bisher erst eine zusammenfassende Schrift erschienen: Mäckler, Andreas; Was ist Kunst? (...) Mäckler reiht hier lediglich eine Fülle von Zitaten aneinander. Eine problematisierende Diskussion, die die verschiedensten Aspekte der Fragestellung beleuchtet, erfolgt nicht. Dies wollen wir mit unserem kurzen, aber, so hoffen wir, dennoch prägnanten Gespräch nachholen." Ob Armin Thommes dies gelungen ist, oder ob sein Beitrag beim Wollen und Hoffen bleibt, mögen andere entscheiden.
Ich bin nach wie vor überzeugt, den Kunstbegriff radikaler als andere Publikationen gleichen Titels und Themas problematisiert zu haben. Was im Ansatz wie eine gewöhnliche Zitatensammlung aussieht - eine Anthologie, wie sie in anspruchsloser Beliebigkeit tausendfach publiziert werden kann -, darf den aufmerksamen Leser nicht täuschen. Nur jene Definitionen wurden aufgenommen, die den didaktischen Filter des unmittelbaren Bestimmungsurteils passiert haben: "Kunst ist ..." Weder die Fragen "wozu dient Kunst?" noch "was bewirkt Kunst?" finden formale Beachtung, ebensowenig die Frage, "was ist ein Kunstwerk? Was ist seine Minimalbedingung? Welche Voraussetzung muß etwas Beliebiges erfüllen, um als Kunst anerkannt zu werden?"
Diese Selektion hat enorme Konsequenzen: Grammatikalisch ist "Kunst" als einzige Konstante inmitten von Variablen mit jedem beliebigen Substantiv oder Adjektiv kombinierbar. Künstler und Philosophen haben die daraus folgenden Möglichkeiten zur Generierung von Vielfalt genutzt - vergleichbar mit einem Kettenspiel und Mosaik. So enthält mein Kompendium eine umfassende Abhandlung zu dem, was "Kunst" sein könnte, warum aber eine bestimmte Definition zu kurz greift, welche anderen Aspekte sie vernachlässigt, warum aber auch andere Definitionen, belegt an etlichen Beispielen, immer wieder Wesensteile außer acht lassen. Was mein Buch von anderen Publikationen gleichen Titels grundlegend unterscheidet, ist die authentische Ausdrucksform, mit jeder These zu belegen, daß sie vertretbar ist, bereits vertreten wurde und durch eine ebenso haltbare bzw. gehaltene widerlegt, ergänzt oder eingeschränkt wird.
Ich habe die Zitate aus mehr als zwei Jahrtausenden dialogisch geordnet, in ihrer Struktur gleichsam als Konzert potentiell unendlich vieler Stimmen und Meinungen, die sich aufeinander beziehen, ergänzen und widersprechen - im Namen der "Kunst" als einzigem Fixpunkt dieser literarischen Collage, die zudem wie ein Roman voller überraschender Wendungen zu lesen ist. Daß ihre Existenz auf einem grundsätzlichen Irrtum beruhen könnte, macht die Sammlung reizvoll. "Wenn Versuche, die Frage "Was ist Kunst?" zu beantworten, meist mit Enttäuschung und Verwirrung enden, dann ist vielleicht - wie so oft - die Frage falsch gestellt."1 (Nelson Goodman)
Ich danke Frau Dr. Maria Platte und dem DuMont Buchverlag für die Möglichkeit, mein Buch noch einmal gründlich zu überarbeiten und durch neue Beiträge zu ergänzen. Allen Künstlern und Autoren danke ich ebenso, die im Frühjahr 2000 zahlreiche Statements eigens für diese Neuausgabe geschrieben haben. Außerdem danke ich den Verlagen, die ihre Einwilligung zum Abdruck der Zitate gegeben haben. Jedes ist im Anhang bibliographisch ausgewiesen. Damit empfiehlt sich die Lektüre der Quellen ebenso, wie eine Weiterarbeit erleichtert und gefördert wird.
Andreas Mäckler, im Mai 2000
| 1 | zit. in Kunstforum International, Hrsg. Dieter Bechtloff. Ruppichteroth 1989, Bd. 100, S. 91 | |