Einleitung
Die Idee zu diesem Buch
Basteln mit Kindern macht Spaß! Jeder kennt es, mit Klebstoff, Schere und Malstiften am Tisch zu sitzen und tolle neue Dinge entstehen zu lassen. Ob Fensterbilder oder Laternen, Faltboote oder Wäscheklammertiere, Hampelmänner oder Weihnachtssterne - die Kinder bekommen leuchtende Augen bei dem Erlebnis, etwas selbst zu bauen und zu basteln. Als Ausgangsmaterialien dienen meist Tonkarton oder Bastelpapier in bunten Farben, Moosgummi und lustige Pfeifenreiniger, Styroporbällchen und Holzstäbchen, Filz, Stoff- und Lederreste und dazu natürlich Bunt- und Fasermalstifte sowie Tusche und Wachsmaler.
Die Welt unserer Kinder ist heute sehr bunt. Sie ist voll von Glitzer, reich an unterschiedlichsten Geräuschen und häufig weit entfernt vom direkten Bezug zur Natur. Welches Kind weiß heute, dass Papier aus Holz hergestellt wird oder dass Moosgummi mit Moos wenig zu tun hat?
Besonders in unserer hektischen Zeit des Wandels und der ständigen Veränderungen müssen wir den Kindern Zeit geben, in Ruhe und ausdauernd zu spielen oder sich intensiv einem Bastelangebot hinzugeben. Den Kindern Zeit zu schenken, fördert ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Durchhaltevermögen. Es stärkt ihr Selbstwertgefühl, denn sie können in Ruhe Dinge und Zusammenhänge entdecken und werden nicht immer wieder aus ihren Tätigkeiten herausgerissen.
In Wald kinderg ä rten wird dies berücksichtigt. Sie verzichten weitgehend auf "künstliches" Bastelmaterial und basteln stattdessen mit den Schätzen der Natur. Von denen gibt es im Wald genügend: Zweige, Zapfen, Blätter, Kastanien, Bucheckern, Nüsse, Tannennadeln, Steinchen, Moos und Rinde. Klebstoff und Schere sind natürlich auch hier notwendige Bastelutensilien. Ergänzend können Märchenwolle, Filz, Wolle, Bindfaden und Holzperlen hinzugenommen werden. Neben einer neuen Verbundenheit zu unserer natürlichen Umwelt erfahren die Kinder eine besondere Förderung ihrer Feinmotorik sowie ihrer sinnlichen Wahrnehmung und der Reizleitungssysteme. Das Werkeln mit Naturmaterialien fördert die ganzheitliche Entwicklung der Kinder.
Dieses Buch richtet sich an Erzieherinnen* aus gewöhnlichen Kindergärten, die mit ihren Kindern Wald oder Wandertage unternehmen möchten. Darüber hinaus ist es für Eltern gedacht, die Freude haben, gemeinsam mit ihren Kindern Naturmaterialien zu sammeln, um zu Hause daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Das Buch richtet sich aber natürlich auch an Waldpädagoginnen, die neugierig sind auf neue Ideen und Anregungen für ihre tägliche Arbeit. Die Idee zu diesem Buch entwickelte sich aus meiner Tätigkeit als Erzieher in einem Waldkindergarten. Die Ideen wurden ergänzt durch den Austausch mit meinen Kolleginnen. Mir fiel auf, dass es kaum ganzheitliche Literatur zu der Thematik "Gestalten mit Naturmaterialien" gibt, sondern meist reine Bastelbücher. Das vorliegende Buch bietet mehr. In jedem Themenkapitel finden Sie:
Die Anleitungen, Kinder-Sachinfos und Geschichten sind an die Kinder gerichtet formuliert. So können Sie das Buch einfach mit in den Wald, den Kindergarten oder die Schule nehmen und direkt einsetzen. Sie brauchen sich keine kindgemäße Formulierung der Werkelanleitungen mehr zu überlegen.
Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Improvisationsgeschick und Kreativität hervorragende Begleiter sind, um aus "nichts" ganz viel zu machen. Haben Sie keine Angst vor dem Einsatz von einfachem Werkzeug oder vor der Anfertigung größerer Werkstücke. Trauen Sie den Kindern etwas zu. Auf diese Weise können Sie mit ihnen spannende Stunden im Wald verbringen. Ganz häufig fallen auch den Kindern selbst Geschichten und Ideen ein, was sie mit diesem Ast oder mit jenem Zapfen anstellen können. Für Kinder vermischen sich hierbei Basteln und Spielen miteinander. Es macht viel Spaß, sich als Erwachsener von den Kindern einladen zu lassen und in ihre Fantasiewelten mit einzusteigen.
Sie suchen ganz konkret nach einem Lied, einem Spiel oder einer Bastelidee? Dann schauen Sie im Index auf die Seiten 154/155, dort sind alle Ideen noch einmal übersichtlich aufgeführt.
Sicherheitshinweise
Bei einigen Angeboten in diesem Buch arbeiten auch schon kleine Kinder mit zum Teil scharfen Werkzeugen, wie Bohrern, Schnitzwerkzeugen oder Nägeln. Das Vertrauen in das eigene Leistungsvermögen der Kinder, das wir Eltern oder Erzieherinnen ihnen damit entgegenbringen, bewirkt eine große Steigerung des Selbstbewusstseins der Kinder. Sie spüren, dass ihnen Verantwortung übertragen wird, und fühlen sich ernst genommen und wertgeschätzt. Zudem kann durch die Vermittlung des richtigen Umgangs vermieden werden, dass sich Kinder zu Hause selbst (heimlich) an diese Werkzeuge heranwagen und dabei verletzen. Wenn die Kinder kindgerecht herangeführt und ihnen der richtige, ungefährliche Umgang gezeigt sowie konsequent darauf geachtet wird, dass die vereinbarten Sicherheitsregeln eingehalten werden, lassen sich Unfälle vermeiden.
Basteln für die Sinne
Das Basteln mit Naturmaterialien ist nicht nur kostengünstig und leicht umsetzbar, vor allem fördert es in hohem Maße die Kreativität der Kinder. Basteln mit Naturmaterialien regt ihre Fantasie an und stärkt die kindliche Verbundenheit mit der natürlichen Umwelt. Kinderleicht nen Jungen wie Mäd chen, achtsam mit den Pflanzen und den Schätzen un serer Wälder umzu gehen und sie in vielfältiger Weise zur Verwirklichung ihrer eigenen Ideen einzusetzen.
Aus pädagogischer Sicht sind der Kontakt und der Umgang mit Naturmaterialien besonders förderlich für eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes und für die optimale Herausbildung aller Sinne. Hier werden Tast- und Geruchssinn, Augen und Gehör in stets ausgeglichener Weise gefordert. Die einseitige Beanspruchung eines einzelnen Sinns, wie es beispielsweise beim Fernsehen oder beim Computer-Spielen geschieht, unterbleibt. Deswegen gehen auch erwachsene Menschen immer wieder gerne im Wald spazieren, da bei einem solchen Spaziergang alle Sinne ausgewogen und ganzheitlich angesprochen und stimuliert werden.
Greift ein Kind beispielsweise einen Tannenzapfen auf, so fühlt sich dieser schwer und feucht oder leicht und trocken an, schuppig oder glatt, fest oder locker, groß oder klein, angenehm oder unangenehm. In jedem Fall fühlt er sich völlig anders an, als beispielsweise ein Zweig. Das fühlt jeder sofort, selbst mit verbundenen Augen.
Sowohl die äußere Form, als auch die Struktur im Detail fordern von den Kindern höchst differenzierte Wahrnehmungsvorgänge. Werden die Kinder nicht bewusst auf das Ertasten des Gegenstandes gelenkt, so findet dieser Wahrnehmungs-, Erkennungs- und Identifizierungsprozess in jedem Fall und immer wieder in Bruchteilen von Sekunden im Unterbewusstsein statt.
Die taktile und visuelle Wahrnehmung unterstützen sich hier gegenseitig. Der Gehörsinn nimmt das Knistern und Knacken wahr. Diese Geräusche sind je nach Größe, Beschaffenheit, Feuchtigkeit und Struktur des gewählten Gegenstandes verschieden. Ergänzt wird das Wahrgenommene durch den Geruchssinn. Es duftet nach Wald am Basteltisch!
Dieser Ausflug in die Welt der Sinne macht deutlich, dass immense Unterschiede zwischen gekauftem Kartonpapier oder Styroporkugeln und gefundenen Waldmaterialien bestehen.
Nur durch die ausgewogene, natürliche Stimulation der Sinne wird das Kind in der Lage sein, sein Wahrnehmungs- und Nervensystem differenziert und im Zusammenspiel miteinander auszubilden.
Waldwerkeln organisieren
Das Experimentieren und Basteln mit Naturmaterialien geht am besten mitten in der Natur. Besonders gut geeignet ist beispielsweise ein Waldwiesenstück oder eine kleine Lichtung zwischen Laub- und Nadelbäumen. Gras, Moos, Tannennadeln, Blätter, Rindenstücke, Zweige, Äste und vieles mehr machen den Platz zu einem reichhaltigen, schönen Bastelort. Als Arbeitsplätze bieten sich dicke Baumstümpfe, ein Picknickplatz oder mitgebrachte Holzbretter an. Zum Schutz vor Feuchtigkeit und vor der Kühle des Waldbodens eignen sich kleine Stücke von einer Isomatte als Knie oder Sitzunterlage.
Naturmaterialien, die in dem ausgewählten Waldabschnitt nicht zu finden sind, oder ergänzende Bastelmaterialien, wie Filz und Märchenwolle, sowie Bastei-Werkzeuge können Sie im Rucksack oder in einem kleinen Bollerwagen mitbringen. Dann kann der Natur-Bastelspaß beginnen.
Einige Materialien müssen Sie einkaufen: z.B. Filz, Wolle in verschiedenen
Farben sowie Märchenwolle, Hanf, Bindfaden, Blumendraht, Holzperlen, Nägel, Alleskleber und Holzleim, Anstecknadeln, Ton, Lederbänder, Aquarellpapier. Außerdem benötigt man zum Basteln und Werkeln einige Werkzeuge, insbesondere Scheren, Hämmer, Sägen, Handbohrer und Schnitzmesser. Naturmaterialien, die Sie zuvor allein sehr kreativ für ihre Ideen ein. Solche Materialien können zum Beispiel sein: getrocknete und gepresste Blätter, feiner Sand, Fichtennadeln, Rindenstücke, besonders geformte und knorrige Äste, unterschiedliche Zapfen, Bucheckern, Federn, Steinchen, Kastanien und Eicheln, Skelettblätter (teilweise zersetzte Blätter, bei denen das Blattgerippe deutlich zu erkennen ist), Moos, Schneckenhäuser, Naturfarben, vorgesägte Holzscheibchen für Naturbroschen, Holzbretter und etwas größere Holzscheiben.
oder mit den Kindern gesammelt und mitgebracht haben, stellen Sie am besten übersichtlich bereit. Hierfür können Sie kleine Körbchen oder Kisten benutzen. Je besser die Materialien sortiert sind, desto leichter können sich die Kinder orientieren und zielgerichtet das eine oder das andere greifen. Die Kinder lassen sich gerne von den Materialien anregen und setzen sie Alle Natur-Bastelarbeiten können im Wald ohne Stromanschluss durchgeführt werden. Ist Klebstoff erforderlich, so eignet sich Alleskleber, Ton, Lehm, ein Stückchen Draht, Schnur oder Wolle. Einen Erste-Hilfe-Kasten sollten Sie sicherheitshalber auch mitnehmen.
Beim Waldbasteln genießen es die Kinder, sich in Ruhe dem Werkeln hinzugeben und fantasievolle Kreationen, Muster, Figuren und Gestalten entstehen zu lassen. Es ist ein angenehmes Miteinander, bei dem sich die Kinder gegenseitig Anregungen und neue Impulse geben. Für manche Kinder und Erwachsene hat das Basteln mit Naturmaterialien eine nahezu meditative Wirkung. Häufig dauert es eine Weile, bis sich ein Kind auf die Werkelmaterialien einlassen kann und bis es einen Zugang zu den eigenen Ideen und zu der inneren Kreativität gefunden hat. Lassen Sie ihm diese Zeit. Wem es gelingt, der möchte am liebsten gar nicht wieder aufhören. Wer bastelt, geht in seiner Arbeit völlig auf, vergisst Zeit und Raum und ist oftmals völlig überrascht, wenn die Zeit um ist.
Es macht Spaß und ist sinnvoll, wenn die Kinder sich am Ende eines Basteltages gegenseitig ihre Ergebnisse präsentieren. Sie können eine kleine Werkelausstellung aufbauen, durch die die Kinder hindurchgehen und nochmals Ideen und Anregungen erhalten. Ist genügend Zeit, so können die Kinder den anderen auch ihr Kunstwerk vorstellen, wodurch sie eine noch größere Wertschätzung erhalten.
In den folgenden Projekten stelle ich Ihnen verschiedene Bastei- und Werkelideen vor, die bei den Kindern besonders beliebt waren und immer wieder gut angenommen wurden.
Die zusätzlichen Geschichten, Spiellieder, Kinder-Sachinformationen zu dem jeweiligen Thema können Sie wahlweise als Einstieg in die Bastelstunden oder zur Abrundung eines Vormittags im Wald einsetzen.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern viel Spaß im Wald!
Ihr Björn Geitmann
| * | Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir in diesem Buch durchgehend die weibliche Form verwendet. Natürlich sind damit auch immer Männer gemeint, also Erzieher, Pädagogen und Fachanleiter etc. |