Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser!
Dies ist ein mathematisches Sachbuch. Es behandelt ein Thema der Mathematik, das Sie aus Ihrer Schulzeit wahrscheinlich nicht kennen, die Graphentheorie. Ihre Anfänge reichen zwar bis ins 18. Jahrhundert zurück, aber richtig intensiv haben sich die Mathematiker erst in den letzten Jahrzehnten mit diesem Teil der Mathematik beschäftigt. Wenn Sie dieses Buch lesen, befassen Sie sich also mit einem aktuellen Thema der Mathematik, und Sie werden auch auf Fragen stoßen, auf die heute noch niemand eine Antwort weiß.
Mathematik ist immer auch Spiel, natürlich ein Denkspiel. Dieser Aspekt kommt hier nicht zu kurz. Aber manches, was zunächst wie Spielerei aussieht, kann man nutzbringend verwerten, wie Sie sehen werden. Auch das Umgekehrte ist wahr: Viele Teile der Graphentheorie sind aus praktischen Bedürfnissen entstanden.
Braucht man Vorkenntnisse?
An einzelnen Stellen kommen Brüche und Klammerausdrücke vor, aber sonst brauchen Sie eigentlich keine mathematischen Vorkenntnisse. Am meisten wird bei der Untersuchung der platonischen Körper gerechnet, aber auch nur mit Brüchen, außerdem gibt es bei den chromatischen Polynomen einiges zu rechnen. Man kann diese Abschnitte auslassen und versteht den Rest trotzdem.
Wie liest man dieses Buch?
Im 1. Kapitel werden die grundlegenden Begriffe eingeführt, die später überall vorkommen. Damit sollten Sie anfangen. Danach können Sie das Buch Kapitel für Kapitel durcharbeiten. Es ist aber auch möglich in jedes andere Kapitel einzusteigen. Dabei werden Sie hin und wieder auf unbekannte Begriffe stoßen. Für diesen Fall ist die Liste der Definitionen ("Was ist was?") auf gelbem Papier am Ende des Buches gedacht.
Es darf nicht verschwiegen werden, dass jedes Mathematikbuch ein Arbeitsbuch ist. Sie sollten also bereit sein sich hin und wieder anzustrengen: Man muss nämlich die Begriffe genau kennen, um die Texte, in denen sie vorkommen, wirklich zu verstehen. Dazu dienen die Übungsaufgaben am Ende eines jeden Kapitels. Sie sollten einige von ihnen lösen. Suchen Sie sich die heraus, die Sie reizvoll finden! Lösungshinweise finden Sie jeweils nach den Aufgaben. Übrigens ist der Weg über Aufgaben und Anwendungen eine gute Möglichkeit in die Welt der Graphen einzudringen. Sie können deshalb auch versuchen, zuerst Aufgaben zu lösen und sich dann bei Bedarf die nötigen Informationen im vorangehenden Kapitel holen.
Das Wichtigste ist aber: Lassen Sie sich auf die hier vorgestellten Denkweisen ein, auch wenn es nicht immer einfach ist.
Ein Wort an die Mathe-Profis
Dies ist ein Mathematikbuch für Laien. Anders als in mathematischen Fachbüchern wird hier eher anschaulich vorgegangen. Wenn kein Fehler entstehen kann, werden manche Begriffe ohne exakte Definition benutzt, und auch die Beweise halten nicht an allen Stellen den strengen Augen eines professionellen Mathematikers stand. Das ist auch der Grund, warum ein Student, der sich von seinem Professor über Graphentheorie prüfen lassen möchte, dieses Buch gut zur Einstimmung und als Ergänzung lesen kann, sich aber dann ein richtiges Fachbuch vornehmen sollte.
Zusätzliche Informationen
Unter dieser Überschrift finden Sie am Ende der Kapitel präzisierende Hinweise. Sie sind für Leserinnen und Leser gedacht, denen die im Text angebotene Begriffsbildung oder die Beweisführung zu ungenau war. Vielleicht erhalten Sie wenigstens in einigen Punkten eine befriedigende Antwort. Aber es bleibt dabei: Lückenlose mathematische Strenge ist nicht das Ziel dieses Buchs, mathematisches Verstehen im Bereich der Graphen schon eher.
Hinweise für Lehrerinnen und Lehrer
Graphen bieten interessanten Stoff für einzelne Stunden, aber auch für längere Unterrichtseinheiten, und zwar in jeder Jahrgangsstufe, natürlich auch für Arbeitsgemeinschaften und Mathematik-Zirkel. Das Buch soll Ihnen - durch die im Vergleich zu Hochschul-Lehrbüchern vereinfachte Art der Darstellung und durch die große Zahl von Beispielen und Übungsaufgaben - die Unterrichtsvorbereitung erleichtern. Für Seminararbeiten in der Oberstufe und im Rahmen von selbstorganisiertem Lernen können sich aufgeweckte Schülerinnen und Schüler Teile von aktueller Mathematik selbst erarbeiten.
Mögliche Einstiege in das Thema können - wie in diesem Buch - bestimmte Linienzüge sein. Aber auch Probleme der Raum-Geometrie (GWE-Problem, platonische Körper) oder Färbungsaufgaben können am Anfang stehen oder auch das Einzige aus der Graphentheorie sein.
Eine Vereinfachung in der Begrifflichkeit und Formulierung mancher Sätze ergibt sich, wenn Sie das, was hier "einfacher Graph" genannt wird, als "Graph" bezeichnen. Bei Bedarf müssten Sie dann Graphen, die nicht einfach sind, "Multigraphen" nennen. Der Königsberger Brückengraph ist dann bereits ein Multigraph. Diese Alternative ist besonders dann interessant, wenn Sie nicht vorhaben, mehr als die Themen "Körper" oder "Farben" zu behandeln.
Zu den hier angebotenen Aufgaben können Sie sich leicht anspruchsvollere Alternativen ausdenken, wenn die hier angebotenen Aufgaben zu einfach erscheinen.
Das Thema ist geeignet die kreativen Fähigkeiten der Schüler zu fördern und das Problemlösen zu üben. "Zeichne Graphen mit der Eigenschaft . . .?" ist reizvoll genug und die Suche nach sämtlichen Lösungen ergibt sich oftmals von selbst. Manche Aufgaben lassen sich auch so umformulieren, dass sie offener sind und unterschiedliche Lösungen zulassen. Auch dass Schüler selbst Aufgaben erfinden, ist beim Thema "Graphentheorie" sehr gut möglich.
Im Gegensatz zum erklärenden Teil kommen in den Aufgaben viele Zählaufgaben vor. Auch hier wird die kreative Seite der Schüler angesprochen: Sie müssen selbst geeignete Zählstrategien suchen. Man kann diese kombinatorische Seite der Graphentheorie noch ausbauen.
"Graphentheorie macht mehr Spaß als Mathe", der Schüler, der das gesagt hat, hat wohl etwas nicht ganz verstanden, aber er drückt das aus, was viele Schüler im Unterricht über Graphen empfinden.
Danke!
Für geduldige fachliche Unterstützung danke ich Hans Mielke. Viele Verbesserungen von Formulierungen verdanke ich Birgit Mielke, und Reinhard Nitzsche danke ich für zahlreiche Computer-Hilfen. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mich bei meiner Arbeit beraten und vor allem ermutigt. Dank auch an Leserinnen und Leser der 1. und 2. Auflage, die mich durch diverse Anfragen zu einigen Umformulierungen veranlasst haben, und an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verlags Vieweg+Teubner für vielfältige Unterstützung.
Nicht zuletzt danke ich den Schülerinnen und Schülern des Beethoven-Gymnasiums in Berlin, die - ohne es zu wissen - mir manche Anregungen für Beispiele und Formulierungen gegeben haben.
Gegenüber der 1. und 2. Auflage enthält das Buch einige Ergänzungen und zusätzliche Aufgaben.
Und jetzt viel Spaß beim Lesen in einem Kapitel der aktuellen Mathematik!
Berlin, März 2009
Manfred Nitzsche