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Der veräppelte Patient?
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Vorwort des Verlegers

Dieses Buch wird polarisieren - und muß es wohl auch: weil das Denken des mittelalterlichen Menschen und jenes der in der Ära der Nachaufklärung Lebenden, also unser sogenanntes rationales und naturwissenschaftliches Denken, einander diametral gegenüberstehen: wie Wissenschaft und Glaube übrigens. Das war ja auch das Wesentliche der Aufklärung vor rund dreihundert Jahren: den Primat der Vernunft festzuschreiben und den Primat des Glaubens, wie er vor allem die Scholastik dominierte, zurückzudrängen.

Dieser Prozeß scheint allerdings bis heute nicht abgeschlossen zu sein, sonst fänden sich nicht in fast jeder Boulevardzeitung ein oder gar mehrspaltige Horoskope, baumelten nicht Christophoruse oder andere Amulette in vielen Wageninneren vor den Windschutzscheiben (und verengen damit die freie Sicht auf das Verkehrsgeschehen) und suchte man in den Flugzeugen vieler Fluglinien nicht vergeblich die Sitzreihe 13. Auch daß die Esoterikwelle zur Zeit boomt, ist nicht gerade ein Zeugnis dafür, daß die Aufklärung nachhaltig und voll gegriffen hätte.

Aber: Wer behauptet, daß der Primat der Vernunft die Ultima ratio ist? Um genauer zu sein: daß der Primat der Vernunft für alle Bereiche unseres täglichen Lebens diese Ultima ratio ist? Läßt sich Liebe mit Vernunft erklären? Die Hoffnung? Der Glaube (welcher auch immer, und sei es der an die Wissenschaft) als solcher? Die alten Lateiner haben schon formuliert: Dum spiro, spero - solange ich atme, hoffe ich. Und welcher (Krebs-)Kranke hoffte nicht - auf ein Wunder, müßte man hinzusetzen? Und welcher Eifersüchtige oder Betrogene oder Liebeskranke hoffte nicht genauso (verzweifelt?), daß die/der Geliebte zu ihm zurückkehren möge?

Liebe, Hoffnung und Glaube, egal woran, prägen unser tägliches Leben weit mehr, als die rationale Überlegung. Sonst führen nicht immer mehr Lenker betrunken mit dem Auto, hoffend, nicht dabei erwischt zu werden. Sonst rauchten nicht weltweit Milliarden ihr tägliches Nikotin, obwohl - zumindest die Aufgeklärten - wissen, daß ihre Chancen, als Folge ihrer täglichen Gesundheitssünde nicht krank zu werden, minimal sind.

Von Alkoholikern gar nicht zu reden.

Und wie ist es mit dem Primat der Vernunft bei den kirchlichen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen bestellt? Wie ist es mit dem - religiösen - Glauben überhaupt? Da wird doch offen und sogar dogmatisch verkündet, daß der Mensch »ewig lebe«, »auferstehe« und seine »Seele« ... tja, was nun mit ihr? Die Wissenschaft, also die Vernunft, ist hier fehl am Platz: sie hat von »Gott«, einer »unsterblichen Seele«, ja vielfach sogar vom eigenem Ich abgesehen.

Soviel also zum rationalen Denken in unserer Zeit.

Nun ist dieses Buch geschrieben worden von einem Arzt, der sich seiner Wissenschaft, der Medizin, absolut verpflichtet fühlt und der den Primat der Vernunft sehr, sehr ernst nimmt. Sein Argument: Nur absolut sorgfältig durchgeführte Untersuchungen und Experimente, Doppelblindversuche, »randomisiert«, wie man das nennt, und mit signifikanter statistischer Aussagekraft läßt er gelten, wenn er davon spricht oder schreibt, diese oder jene Behauptung habe wissenschaftlichen (also rationalen!) Wert, sei intersubjektiv (!) überprüf- und nachweisbar, wirke also wiederhol- und erwartbar, wenn auch vielfach nur in statistisch signifikanter Mehrzahl (!) der Fälle. Die Medizin ist nun mal über weite Strecken nur eine statistische Wissenschaft.

Der Ausgangspunkt des Autors ist also klar und deutlich: Alles, was behauptet (und nicht nur innerhalb der Medizin!) wird, muß strengen, nach genau vorgegebenen Bedingungen angelegten Untersuchungen standhalten. Und es muß wiederholbar sein - unter gleichen Bedingungen.

Haben Sie schon einmal die Liebe Ihrer Frau/Ihres Mannes zu Ihnen so überprüft? Ist diese überhaupt nach solchen Kriterien überprüfbar? Natürlich nicht. Es wird Ihnen eine derartige »Überprüfung« auch herzlich egal sein - Hauptsache, Sie glauben geliebt zu werden; wissen werden Sie es nie. Dieser Glaube ist aber weit gewisser - in vielen Fällen nachgerade unbedingt - als jeder wissenschaftliche Beweis (der in diesem Fall ja gar nicht möglich wäre; siehe oben) sein könnte: Er ist nämlich mehr als ein bloßer Beweis: Er ist Überzeugung!

Das ist der erste Knackpunkt dieses Buches: In ihm prallen wissenschaftliche Beweisbarkeit und hoffender Glaube aneinander mit einer Heftigkeit, die erschrecken läßt. Und so werden auch die einen seiner Leser erleichtert sein (die an den Primat der Vernunft glauben - sic! Auch an diesen Primat kann man nämlich nur glauben!) und die anderen empört (die an den Primat des Glaubens glauben - richtig, auch an diesen kann man nur glauben).

Offenbar scheint der Glaube (als Gewißheit verstanden!) der Vernunft doch vorausgesetzt zu sein.

Auch andersherum argumentiert ergibt sich das gleiche Ergebnis: Wie viele Entscheidung pro Tag treffen Sie »aus dem Bauch heraus« (also nach Lust und Laune, Vertrauen, Gewohnheit und Hoffnung) - und wie viele überlegen Sie rational und wägen sie nach bestem Wissen und Gewissen ab? Die Antwort ist leicht zu geben: Sehen Sie!

Der zweite Knackpunkt des vorliegenden Buches läßt sich auf die folgende Frage reduzieren: Steigen Sie in ein Flugzeug, weil Sie wissen, daß es bestens gewartet ist und - zumindest nach menschlichem Ermessen - auch klaglos funktionieren wird, oder weil Sie bloß glauben (in diesem Zusammenhang mit »hoffen« synonym), daß es fliegen und ergo auch wieder gut landen wird?

Auch diese Antwort ist leicht zu geben: Sehen Sie!

Warum geht der angeblich so aufgeklärte Mensch des Nachmittelalters (von »Neuzeit« zu sprechen erscheint mir angesichts des Esoterik-Booms fast schon unverantwortlich zu sein) aber oft so sorglos - und gar nicht so penibel wie beim In-ein-Flugzeug-Steigen - mit seiner Gesundheit um? Indem er sich nämlich (!)

  • zumindest nach wissenschaftlichen Kriterien - unbewiesenen und unbeweisbaren »Therapien« freiwillig ausliefert? Immerhin

  • und auch das ist eine Kernaussage der Medizin und letztlich aller Wissenschaft - scheint unser Organismus nach unserem Ursache-Wirkungs-Denkmodell zu funktionieren, reagiert also (zumindest statistisch relevant) gleich bis ähnlich auf gleiche Ursachen.

Dieses Ursache-Wirkungs-Denken, also die Kausalität, ist eine ganz und gar rationale Methode. Sie wird zu einer wissenschaftlichen, wenn in den Untersuchungsergebnissen die statistische Signifikanzschwelle bei experimentellen Ergebnissen überschritten ist.

Nun kommen freilich auch Esoteriker nicht ohne die Kausalität aus - sie haben sich ihr mindestens genauso verschrieben, wie die rationalen Wissenschafter. Auch sie argumentieren innerhalb ihrer »Theorien« (eigentlich sind das ja allesamt nur Hypothesen, denn zu einer Theorie wird eine Hypothese erst durch ihre - wissenschaftliche - Überprüfbarkeit!) kausal. Und wie noch dazu! Viel unbedingter und völlig unbelastet von statistischer Signifikanz! Ihre Therapien wirken (fast?) immer und oft auch gegen (fast?) alles. Was anderes als kausales Denken wäre es denn, wenn etwa von der Wirksamkeit (und die ist immer kausal zu verstehen - was wirkte denn sonst, als eine Ursache?) von Bach-Blüten, der Homöopathie, der Akupunktur, von »Biophotonen«, »Schwingungen«, »Erdstrahlen« u. ä. gesprochen und deren Existenz (!) auch kühn behauptet wird? Immer klingt hier unausgesprochen mit, daß - selbstverständlich! - Ursachen vorliegen, die etwas bewirken - nämlich Krankheiten auslösen.

Jeder vernünftige (sic!) Mensch müßte aber nun argumentieren: Wenn etwas wirkt, muß ich die Ursache kennen, um von »Wirkung« sprechen zu können: denn ohne Ursache keine Wirkung! Kenne ich die(se) Ursache aber nicht oder behaupte ich sie nur - ist das dann noch vernünftig oder, noch schärfer formuliert: Ist das dann noch kausal? Offenbar nicht. Denn keine Ursache (oder eine bloß behauptete und nicht verifizierte oder gar verifizierbare) ergibt auch keine Wirkung.

So einfach ist das.

Fazit als Wer an esoterisch argumentierte Wirkungen glaubt, verläßt damit die Kausalität, nicht aber die Hoffnung. Er verläßt den Primat der Vernunft, verbleibt aber im Primat des Glaubens. Auch gut, mag jetzt so mancher sagen, Hauptsache es (= der Glaube) hilft. Er soll ja angeblich Berge versetzen ...

Auch gut, sagt hier Ihr Verleger - aber er argumentiert wie sein Autor: aber nur, wenn durch diesen Glauben zwischenzeitlich nicht nachweisbare, also echt kausale Veränderungen in Ihrem Organismus fortschreiten, Krebszellen also Metastasen bilden, während Sie noch immer glauben, keinen Krebs zu haben oder ihn mit irgendeiner esoterischen Therapie »bekämpfen«.

Als Primar Dr. Much beschreibt die verschiedenen alternativmedizinischen Theorien und Therapien das ganze Buch hindurch nur unter dem Blickwinkel des Primates der Vernunft - und er kritisiert sie stets nur als »persönliche Bewertung«. Er sagt nirgendwo »Diese Therapie ist wirkungslos.« Er hält nur so manche für wissenschaftlich nicht überprüfbar bzw. irrelevant

  • und manche sogar für gefährlich. Er erklärt (und erklären ist immer rational!) viele von ihnen mit dem Placeboeffekt (dem er ein eigenes Kapitel gewidmet hat) und der Selbstheilungskraft des Organismus. Primar Dr. Much glaubt an die Wissenschaft

  • unbedingt! Und das ist für einen Arzt ganz gut so - und wahrscheinlich noch besser für seine Patienten!

Es ist jedenfalls ein gravierender Unterscheid zwischen persönlichem Dafürhalten (also Glauben) und einer objektiven Aussage (intersubjektive Tatsache). Und eine persönliche Meinung darf- auch ein Arzt - doch wohl haben (vor allem, wenn es ihm um das Wohl seiner Patienten geht).

Klosterneuburg, 9 . Juli 2003

Univ.-Lektor Prof Mag. Dr. Walter Weiss


 
   


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