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Homöopathische Materia Medica für Veterinärmediziner
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VORWORT

Mit dem vorliegenden Text habe ich versucht, mir die mich seit 1986 faszinierende Homöopathie zu erarbeiten. Ich hatte damals peinigende Schmerzen in der Hüfte und befürchtete schon, meine erst seit einigen Jahren betriebene Praxis beenden zu müssen. Von Arzt zu Arzt und Spital zu Spital bekam ich immer stärkere Medikamente verabreicht, aber niemand konnte mir sagen, was mir fehlt und niemand konnte wirklich helfen. Bei einem Aufenthalt, in Brüssel war es mir unmöglich, die schönen Einkaufspassagen zu betreten, da sich, sobald ich eintrat, alles im Kreis zu drehen begann.

Krisen sind bekanntlich Anpassungen an veränderte Lebenssituationen und ein wichtiger Teil der Entwicklung. So hatte die Krankheit mich zu "neuem Denken" gebracht, denn ich beschloß, es mit einem homöopathischen Arzt zu versuchen. Es wurde mir klar, daß ich die Medikamente nicht mehr weiter nehmen durfte, weil sie mir schadeten. So hatte ich das unwahrscheinliche Glück, zu Frau Dr. Schwarzenberg in Wien zur Behandlung zu kommen. Sie schaffte es, mich von den starken Medikamenten und den Schmerzen zu befreien und mich bis heute ohne allopathische Arznei beschwerdefrei zu halten. Als Nebeneffekt verschwand noch dazu mein mich Jahr für Jahr quälender Heuschnupfen. Es hatte mich schwer getroffen, als ich in der Zeitung von ihrem furchtbaren Schiunfall las, wo man ihr als Folge eines Halswirbelbruches Lähmung der Beine und Arme vorhersagte. Eine Ärztin, die mir und so vielen Menschen auf ihre wunderbare Art geholfen hat, gelähmt und auf die Hilfe anderer angewiesen! Gott sei Dank gelang es ihr, durch richtige Behandlung und ihren eisernen Willen wieder auf die Beine zu kommen. Ein zweiter, durch die Heilung für mich prägender Umstand war, daß ich seit dieser Zeit prinzipiell keiner Heilweise mit Vorurteilen gegenübertrete und so Zugang zur Akupunktur gefunden habe. Auch hier hatte ich das Glück, an die richtige Adresse zu gelangen. Ich hörte, so oft es mir die Zeit erlaubte, Vorlesungen an der Veterinärmedizinischen Universität von Professor Oswald Kothbauer und versuchte, das Gehörte in meiner Praxis umzusetzen. An ihm hat mich sein selbst erarbeitetes Wissen und sein Einsatz für die Durchsetzung dieser Methode an unserer Universität fasziniert. Man muß sich vor Augen halten, daß es, als er sich 1956 mit dieser Methode zu beschäftigen begann, kaum Informationen und Literatur über dieses sehr komplexe Gebiet der Medizin gab. Ich konnte seine vielen Blätter Papier sehen, in denen er sich Akupunkturpunkt für Akupunkturpunkt durch dauernde Überprüfung an sein heutiges Wissen heranarbeitete. Er ist nun eine international geachtete und anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet. Es wird wenigen Wissenschaftlern gelingen, selbst in das Mutterland der Akupunktur, nach China, eingeladen zu werden. Unvergessen werden mir auch die vier Wochen bleiben, die ich 1994 mit ihm an verschiedenen Universitäten in Brasilien verbringen durfte. Dort konnte er die jungen Studenten mit seinem Wissen so fesseln, daß sie alles stundenlang wie ein Schwamm aufsogen, und keiner dachte an das Nachhausegehen.

Wenn man eine Heilung am eigenen Körper erlebt hat, glaubt man, daß mit dieser Methode alles zu heilen ist. Es folgte aber dann ein langer, oft frustrierender Weg der Misserfolge. Da ich alles machen wollte - Homöopathie, Akupunktur - aber nicht entsprechend ausgebildet war, mußte ich zwangsweise scheitern. So war ich versucht, alles hinzuschmeißen oder der Methode die Schuld zu geben, bis ich als naturheilkundlich interessierter Anfänger erkennen musste, daß der Weg zur Beherrschung dieser Heilmethoden ein sehr mühseliger ist.

Auf jeden Fall braucht man ein solides Fundament, und das ist eine gute schulmedizinische Ausbildung. Erst wenn man die Schulmedizin und die komplementären Methoden beherrscht, kann man entscheiden, welche Behandlungsmethode man zum Wohle des Patienten anwendet.

Bei Homöopathie und Akupunktur handelt es sich um Formen der Regulationsmedizin. Das heißt, sie können nur wirken, wenn es noch etwas zu regulieren gibt. Nach Bergsmann ist Gesundheit durch ungestörte Regelvorgänge gekennzeichnet. Jede Krankheit beginnt mit einer Veränderung der Regelvorgänge, die schon lange vor der Feststellung massiver klinischer Symptome feststellbar ist. Organ bzw. Organismus müssen noch reaktionsfähig sein. Ein völliger Zusammenbruch der Regulationsmechanismen blockiert zwangsläufig jede homöopathische Arzneimittelwirkung.

Beide Methoden, Homöopathie wie Akupunktur versuchen, durch Anamnese, Befundaufnahme und diagnostische Untersuchung aus dem gesamten physischen Bild und den Verhaltenssymptomen des Patienten einen therapeutischen Ansatzpunkt abzuleiten. Die Homöopathie bedient sich der Arzneimitteldiagnose, die Akupunktur der Energiediagnose.

Beide Methoden suchen nach Leitsymptomen, Modalitäten, Verhaltensänderungen usw. Die Entscheidung, ob noch etwas zu regulieren ist, kann aber nur ein geschulter Arzt nach einer gründlichen Untersuchung treffen.

Homöopathie und Akupunktur wollen nicht Krankheitssymptome beseitigen, sondern Heilungsprozesse in Gang setzen, wobei möglichst das ganze Krankheitsbild zum Verschwinden gebracht werden soll. Das verlorene Gleichgewicht soll wiederhergestellt werden, wodurch der Organismus in die Lage versetzt wird, sich selbst zu helfen. Die Homöopathie geht davon aus, daß eine Unterdrückung die Eigenregulation verhindert. Der Allopathie fehlt das System der Aktivierung der Selbstheilungskräfte. Es kann sein, daß es in einigen Fällen nicht zu verantworten ist, mit komplementären Methoden zu behandeln. Anderseits müssen auch Schulmediziner zugeben, daß sie die Erfolge der komplementären Methoden in Staunen versetzen. Leider ist es oft so, daß gerade jene Ärzte, die sich wenig oder überhaupt nicht mit komplementären Methoden beschäftigt haben, diese Behandlungen am meisten kritisieren. Man sollte einen Sachverhalt nur dann beurteilen, wenn man Kenntnis darüber besitzt. Hier haben die in der Komplementärmedizin arbeitenden Ärzte den großen Vorteil, daß sie über beide Methoden, Schulmedizin und Komplementärmedizin, Bescheid wissen müssen. Man kann sich dabei nicht auf die Plazebowirkung berufen, denn diese fällt bei den Tieren vollkommen weg. Überdies wurden von Frau Wurmser und Prof. Lapp in Straßburg tierexperimentelle Vergiftungsstudien durchgeführt, bei denen Labortiere mit toxischen Substanzen vergiftet und durch homöopathische Potenzen derselben Substanz geschützt bzw. entgiftet wurden, weil die homöopathische Potenz die Ausscheidung des Giftes im Urin und im Stuhl signifikant gesteigert hat.

Ich schreibe über Homöopathie auch deshalb, weil ich immer wieder erleben muß, daß viele glauben, man könne die Homöopathie wie ein Kochrezept anwenden. Wer das glaubt, hat das Wesen dieser Methode nicht verstanden. Geht man nach sogenannten Kochrezepten vor, um den sehr komplizierten Weg der Similefindung zu umgehen, wird man scheitern, und wieder der Methode die Schuld geben. Es gibt zahlreiche Bücher über die Gesundheit unserer Haustiere, bei deren Umsetzung in die Praxis der Leser bald bemerken wird, daß er mit dem Gelesenen nicht viel anfangen kann, obwohl drinnen steht, was man bei Durchfall usw. geben soll. Verläßt man den Pfad der genauen und komplizierten Arzneimitteldiagnose und vergisst man die Tatsache, daß Homöopathie eine Individualtherapie ist, bei der jeder Krankheitsfall einen Einzelfall darstellt, darf man sich über Mißerfolge nicht wundern. Man begibt sich damit auf den Weg "homöopathischer Wahrsagerei", mit derselben Trefferquote wie sie Zukunftsdeuter erreichen. Nähert man sich der Homöopathie aus "naturwissenschaftlich-kritischer Sicht" mit einer vorrangig klinischen Diagnose, ohne eine homöopathische Gesamtanamnese zu erstellen, und therapiert man mit einer organotropen Behandlungsweise, wird man ebenfalls bei der Similefindung Probleme bekommen.

Eines der größten Probleme bei der Anwendung der Homöopathie ist die mangelnde Geduld der Tierbesitzer. Selbst können sie keinen noch so kleinen Schmerz ertragen, sodaß jeder kleine Infekt oder der geringste Kopfschmerz sofort mit schweren Mitteln, ohne Rücksicht auf die Folgen, behandelt wird. Zum Teil wurden sie leider von Ärzten dazu erzogen. Es wird, wie es so schön heißt, "mit Kanonen auf Spatzen geschossen". Das gleiche Denken wird auf das Tier übertragen. Man will sofort einen Erfolg sehen und man will ständig etwas zu sich nehmen. Medikamente müssen voluminös und möglichst bunt sein. Wie oft mußte ich mir anhören: "Herr Doktor, geben sie gar keine Spritze?" Wenn Sie ein großes Haustier mit Globuli behandeln, werden Sie, wenn der Tierbesitzer von Homöopathie noch nichts gehört hat, garantiert als "völlig verrückt geworden" eingestuft. Keiner will mehr auf die Signale des Körpers hören. Der Körper teilt uns eine Botschaft mit. Er will sagen: "Es stimmt etwas nicht!", oder der Schmerz signalisiert: "Bleibe ruhig, bewege dich nicht!" Die Ursachen liegen immer tiefer, wollen aber nicht zur Kenntnis genommen werden, weil das mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Es wäre eine Umstellung eines bisher gewöhnten und vertrauten Weges vonnöten, und da tun wir uns alle schwer.

Menschen können - bei Erkennen - die Ursachen abstellen. Was sollen aber Tiere in einer Intensivhaltung tun? Eine Kuh in Anbindehaltung sieht ihr Leben lang nur ein Stück Mauer; wenn sie noch dazu verdammt ist, auf einem Kurzstand zu stehen, kann sie - abgesehen vom Bewegungsmangel - ihr Leben lang nicht bequem liegen. Sie kann sich ihre Nachbarin, ihr Futter usw. nicht aussuchen. Die einzige Chance, sich zu wehren, ist die Verweigerung, und so bleibt sie nicht trächtig.

Das zweite große, aber für mich interessante Problem ist, daß Tierbesitzer kommen und sagen: "Ich war bei fünf Tierärzten, keiner konnte helfen, jetzt versuche ich es noch mit Ihnen, ich habe gehört Sie machen Homöopathie". Das Wort Homöopathie wird von Laien, die Homöopathie nur aus Zeitschriften kennen, in den häufigsten Fällen nicht richtig ausgesprochen. Man kann die kuriosesten Sachen hören wie "Homöopathologie" bis "Hemopathie".

In diesen Fällen kann man wunderbare Überzeugungsarbeit leisten oder das Vorurteil bestätigt bekommen, "daß man sich gleich gedacht hat, daß das zu nichts taugt!" Jedenfalls hat man es aber immer mit sehr komplizierten Fällen zu tun, bei denen andere Ärzte resignieren. Ist man aber hier erfolgreich, hat man das Vertrauen des Besitzers gewonnen. Die zweite Sache ist, daß es sich bei manchen Fällen um tatsächlich unheilbare Krankheiten handelt, wo man auch mit Homöopathie nicht mehr helfen kann.

Homöopathie zu erlernen, setzt das gründliche Studium der Arzneimittelbilder voraus. Mit bewährten Indikationen kommt man nicht weit. Man muß sich täglich Arzneimittelbilder durch den Kopf gehen lassen, so lange, bis man in Arzneimittelbildern denkt, wobei es nützlich erscheint, die Arzneimittelbilder nach Wirkstoffgruppen zu ordnen. Es ist auch notwendig, eine Beziehung zu den Arzneien aufzubauen und deren Wesen zu erkennen, wie Gawlik das so schön gelingt. In seinem Buch "Götter, Zauber und Arznei" spannt er einen Bogen von der griechischen Mythologie über das Wesen der Arzneien und kommt zu dem Schluß, daß es immer das gleiche Mittel war, welches man über tausende von Jahren bei bestimmten Krankheiten gegeben hat. Es hat sich nur die Betrachtungsweise im Lauf der Zeit geändert, bis man zum konkreten, im naturwissenschaftlichen Zeitalter beweisbaren, meßbaren und reproduzierbaren Arzneimittel gelangt. In der griechischen Mythologie findet man eine Geschichte, in welcher ein kleinasiatischer König Telephos durch den Speer von Achilles verletzt wurde und die Wunde nicht heilen wollte. Er befragte dann das Orakel und bekam die Antwort: "Wer die Wunde schlug, wird sie auch heilen!" Der König begab sich zu Achill, um ihn um die Heilung der Wunde zu bitten. Dieser schabte von seinem Speer einige Späne, um sie dann auf die Wunde zu streuen, und sie heilte. Eine schöne Geschichte, die das Simileprinzip erahnen läßt. Hahnemann, ein sehr umfassend gebildeter Mensch, war sicher mit der griechischen Mythologie vertraut und mag hier seine ersten Ahnungen über das von ihm entworfene Heilsystem bezogen haben.

Falls nicht, so ist doch anzunehmen, daß er sich mit Hippokrates auseinandergesetzt hat; in einer Textstelle behauptet dieser, "... daß die Anwendung von Entgegengesetztem die Krankheitssymptome behebt, während ähnlich Wirkendes eine Krankheit heilt!"


 
   


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