Vorwort
Eine phantasievolle Tante, die mir zum neunten Geburtstage eine Ausgabe von "Tausendundeiner Nacht" schenkte, erregte wohl die erste unruhige Sehnsucht.
Ungehegt und unbeachtet zog das so entzündete Flämmchen seine Nahrung aus heimlichen Träumereien. Der Zufall, etwa in Gestalt eines syrischen Missionars, der in unserer Nähe wohnte, erhielt es lebendig; und schließlich fachte es das Schicksal in langen Monaten von Krankheit und Muße zu einer Glut an, die hell genug war, mir auf meinem Weg durch die Labyrinthe der arabischen Sprache zu leuchten und mich endlich, gegen Ende 1927, an der Küste Syriens landen zu lassen.
Nun, so glaubte ich, waren alle Schwierigkeiten überwunden: Ich brauchte nur um mich zu schauen, zu lernen und zu genießen.
Und so wäre es auch gewesen, wären nicht jene Zwillingstugenden, die der "joie de vivre", der Lebensfreude, in unserem zivilisierten Westen so verderblich sind, das Verantwortungsgefühl und die einem wohlerzogenen Geist so teure Illusion, daß jede Handlung einen Zweck haben müsse - wären mir nicht diese Zwillingstugenden bei jedem Schritt mit der peinlichen Frage in den Weg getreten: "Warum bist Du hier so allein?" und: "Was beabsichtigst Du hier zu unternehmen?"
Ich darf es hier gleich gestehen: Nie hatte ich darüber nachgedacht, warum ich dorthin ging, viel weniger noch, warum ich allein dorthin ging. Und was den Gang meiner Unternehmungen betraf, so sah ich nicht ein, warum ich mir voreilig um etwas Gedanken machen sollte, das noch ganz im Nebel der Zukunft lag. Mein Verantwortungsgefühl war sehr mangelhaft entwickelt, und von Zielstrebigkeit war nicht die Rede. Wenn man mir allzu dicht auf den Leib rückte, fand ich als einzige Erklärung für meine so unerwünschte Anwesenheit auf asiatischem Boden ein Interesse an der arabischen Grammatik - eine Behauptung, die selten so naiv hingenommen wurde, wie ich sie den zweifelnden Fragern anbot.
Ich kam zu dem Schluß, daß man erbaulichere Gründe als die bloße Lust, sich zu amüsieren, anführen muß, wenn man in Frieden reisen will: Etwas zum Vergnügen tun schmeckt in dieser utilitaristischen Welt nach Leichtfertigkeit, um nicht zu sagen nach Unmoral.
Und obgleich ich persönlich glaube, daß die Welt unrecht hat, obwohl ich zutiefst davon überzeugt bin, daß es keinen besseren Grund für irgendeine Unternehmung gibt als die reine Freude daran, rate ich doch jedem, der auf ein ungetrübtes Verhältnis zu den Herren Paßkontrolleuren Wert legt, nicht ohne das entsprechende Etikett als Entomologe, Anthropologe, oder unter dem Geleit welcher "-ologie" auch immer, auszuziehen, das er für geeignet und förderlich hält.
Da dieses Buch sich aber an die Öffentlichkeit wendet und deshalb notgedrungen ehrlicher sein muß, gestehe ich offen ein, daß ich für meinen Teil jedenfalls ausschließlich zu meinem Vergnügen gereist bin. Ich habe mein kümmerliches Arabisch und dazu noch ein wenig Persisch zum Vergnügen gelernt und habe dann aus dem gleichen Grund die Burgen der Assassinen und die Bronzen von Luristan besichtigt, wie es in diesem Buch beschrieben wird. Und an dieser Stelle möchte ich den schwergeprüften, häufig beschimpften und nicht ohne Grund entrüsteten Beamten, mit denen ich zu tun gehabt habe, danken für ihre gleichbleibend freundliche, wenn auch nicht immer von Mißbilligung freie Nachsicht.
Ich habe meine Erlebnisse und Eindrücke, ganz wie sie sich mir geboten haben, so exakt wie möglich dargestellt. An dieser Feststellung ist mir besonders hinsichtlich der Schatzsuche in Luristan gelegen, die einem Leser, der an Überraschungen so reiche Gegenden wie diese nicht kennt, gut und gern als Phantasiegebilde erscheinen könnte. Ich habe in diesem Teil der Erzählung lediglich die Ortsangaben verändert, um die Lage der Höhle unkenntlich zu machen.
Vieler habe ich zu gedenken, die mir auf meiner Fahrt Gutes erwiesen haben, Engländer, Araber und Perser, deren Gegenwart in dem zauberhaften Bild jener Tage weiterlebt und deren oft bewiesene Herzlichkeit durch Worte nicht gewürdigt werden kann.
Villa Freia Asolo, Italien, 1934 | Freya Stark |
Der Royal Geographical Society habe ich für manche Hilfe und manchen Zuspruch, darüber hinaus aber für die Genehmigung zu danken, in diesem Buch zwei Karten zu benutzen, die die Gesellschaft zum ersten Mal veröffentlicht hat.