Vorwort
Dieses Buch kam zustande dank den Menschen, die den Mut hatten, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ihnen widmen wir das Buch - und mit ihnen allen Menschen, die es möglich machen, dass diese Welt trotz allem funktioniert.
Das Jahr 2003 war in Bolivien besonders schwierig. Es herrschte allgemein die Sorge, dass die sozialen Unruhen zu einem Bürgerkrieg führen könnten. Die Gemüter waren erhitzt und die extrem gegensätzlichen Positionen schienen unversöhnlich. Die Aufstände und Proteste eskalierten, es gab viele Tote, und im Oktober musste Gonzalo Sanchez de Lozada das Land durch die Hintertür des Regierungsgebäudes fluchtartig verlassen.
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, viele bolivianische Menschen aus verschiedensten Gebieten und Ethnien, mit ganz individuellen Schicksalen, ihre Geschichte erzählen zu lassen. Auch heute gibt es viele Bolivianerinnen und Bolivianer, die nur gerade ihr eigenes enges Umfeld kennen und wenig wissen über andere Volksgruppen und deren Lebensweise. Wir meinten, dass das gegenseitige Wahrnehmen für ein besseres Verständnis und mehr Toleranz gegenüber anderen hilfreich wäre.
Die Idee fand Akzeptanz. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) finanzierte die Recherchen für die Porträts, die dann ein Jahr lang alle zwei Wochen in den Sonntagsausgaben verschiedener bolivianischer Tageszeitungen erschienen.
Die Zeitungsserie wurde zu einem großen Erfolg. Die Zeitungen erhielten viele positive Zuschriften, auch aus dem Ausland.
So beschlossen wir, die Geschichten in Buchform herauszugeben. Dazu wurden alle Porträts mit einem kurzen Hintergrundtext versehen, der das jeweilige soziale, wirtschaftliche und geografische Umfeld vermitteln sollte. Das Buch fand dann im ganzen Land Verbreitung und wurde Lesestoff in vielen Schulen und sozialen Organisationen.
Die bunt zusammengewürfelten Geschichten sind aber auch für einen europäischen Leserkreis interessant, geben sie doch ein eindrückliches Bild von vielen einfachen Menschen Boliviens und von der großen kulturellen Vielfalt dieses Landes. Vor allem aber kommen Menschen zu Wort, die normalerweise keine Stimme haben. Es sind die stillen Helden einer Gesellschaft, die ohne sie nicht vorstellbar wäre, ohne ihren Mut, ihre Solidarität, ihre Würde und ihre Fantasie im täglichen Kampf ums Überleben.
Inzwischen hat sich die politische Situation Boliviens wieder um 180 Grad gedreht. 2006 ist Evo Morales, der Vertreter der einfachen Menschen Boliviens, zum Präsidenten gewählt worden. Sicher wird sich damit für diese vieles verbessern. Doch bis sich für alle eine spürbare Wirkung zeigt, braucht es viel Geduld, und die im Buch beschriebenen Qualitäten werden weiterhin entscheidend sein.
Elisabeth Hüttermann, Luciérnaga
Die NGO Luciérnaga, die die Originalversion dieses Buches in Bolivien herausgegeben hat, arbeitet seit 1984 im Bereich der Kommunikation. Unter ihrem Dach wurde monatlich während vierzehn Jahren die Kinderzeitschrift Chaski herausgegeben. Es entstanden viele Trickfilme mit kulturellen Inhalten, pädagogische Texte und Filme. Zuletzt der Film Caminar en Democracia von Jesus Pérez und das Buch Historia de Bolivia von Manuel Vargas.