Vorwort und Dank
Diese Publikation beschreibt die gebräuchlichsten Techniken der Druckgrafik, ihre Möglichkeiten und Grenzen und möchte dem Kunstbetrachter zu verstehen helfen, wie ein druckgrafisches Werk geschaffen wird.
Jedes druckgrafische Werk entsteht unter besonderen technischen Bedingungen, mit denen sich Künstler und ausführende Drucker auseinandersetzen müssen. Die Produktion ist immer mit einem grossen Arbeitsaufwand verbunden: Manchmal ist der Herstellungsprozess sehr langwierig und langsam, und viele Arbeitsgänge sind notwendig, bis das fertig gedruckte Blatt vorliegt
Das Wissen um die Technik ist nicht nur für die Identifikation einer Druckgrafik wichtig. Das Verständnis für den Entstehungsprozess eines druckgrafischen Werks ermöglicht auch, es historisch einzuordnen und kritisch zu beurteilen. Es kann aber geschehen, dass beim Betrachten eines Blatts alle Kenntnisse nicht weiterhelfen. Vor allem in der zeitgenössischen Grafik findet sich manchmal ein bewusstes Verwischen der Herstellungsspuren. Dann müssen die Produzenten, also die Künstler, die Drucker oder Verleger, befragt werden, um den Herstellungsprozess nachvollziehen zu können.
Der Aufbau dieser Publikation entspricht der historischen Entwicklung des gedruckten Bildes: Auf den Hochdruck folgen der Tiefdruck, die Lithografie und der Siebdruck. Im Zentrum der Beschreibung der einzelnen Techniken steht die Herstellungsweise; historische Hinweise dienen der Verdeutlichung des Kontextes, in dem sie sich entwickelt haben. Schliesslich begleiten Schemazeichnungen diesen Teil und verdeutlichen den Produktionsvorgang.
In diese vier historischen Grundtechniken sind seit dem 19. Jahrhundert fotografische und in jüngerer Zeit digitale Verfahren integriert worden. Ihre Auswirkungen auf die manuelle Tradition und die Anwendung im industriellen Bereich werden im Rahmen der einzelnen Techniken besprochen. Ohne ideologische Vorbehalte werden auch Verfahren erwähnt, die eine Weiterentwicklung traditioneller Drucktechniken darstellen oder ausserhalb herkömmlicher Methoden stehen. Ein Künstler kann nämlich beispielsweise ein bestimmtes Offsetverfahren als ideales Medium für eine Edition betrachten, das eigentlich am ehesten zum Bedrucken von Kunststoffen geeignet ist und normalerweise im Kreditkartendruck eingesetzt wird.
Zum Schluss folgt ein fünftes Kapitel zu einigen fotomechanischen und digitalen Methoden, was damit zusammenhängt, dass einzelne Anwendungen nicht auf den herkömmlichen Drucktechniken basieren, ja teilweise nicht einmal auf das Prinzip des Abdruckens einer Druckform zurückgehen. Damit die vorliegende Publikation keinen enzyklopädischen Charakter erhält, orientiert sich die Auswahl weitgehend an den in der Praxis gebräuchlichsten Techniken, also an dem, was dem Kunstbetrachter im Allgemeinen begegnen wird.
Für die Abbildungen durften Autorin und Verlag aus dem reichen Fundus der Graphischen Sammlung der ETH Zürich schöpfen. Zu sehen sind sowohl künstlerische Druckgrafik der letzten Jahrzehnte als auch ältere Blätter. Letztere werden dort gezeigt, wo entweder die Technik heute keine Verwendung mehr findet oder wo es sich um Künstler handelt, die Meilensteine in der Geschichte der Druckgrafik geschaffen haben, ohne die eine Beurteilung zeitgenössischer Blätter nicht möglich wäre.
Paul Tanner, Leiter der Graphischen Sammlung der ETH Zürich, hat nicht nur die Auswahl der Abbildungen mit Rat und Tat unterstützt, sondern auch einen abschliessenden Beitrag geschrieben, der die aktuelle Situation des Mediums Druckgrafik aus langjähriger Erfahrung und berufener Sicht reflektiert. Bemüht sich der Haupttext um eine möglichst neutrale Darstellung der Bandbreite dessen, was im druckgrafischen Bereich zu finden ist, schildert Tanner das Spannungsfeld zwischen industrieller Reproduktion und künstlerischem Bilddruck, mit dem Künstler und Rezipienten heute konfrontiert sind. Er entdeckt nicht nur in der Erweiterung des Mediums durch fotografische oder digitale Mittel interessante Arbeiten, sondern zudem auch im Bereich der klassischen Techniken. In jedem Fall plädiert er jedoch leidenschaftlich für künstlerische Qualität als oberstem Auswahlkriterium.
Ein solches Buch kann nur durch die Hilfe und Unterstützung vieler grosszügiger Menschen entstehen. Jeder einzelne von ihnen könnte über sein Spezialgebiet ein Buch schreiben, das den Umfang des vorliegenden weit übertrifft - durch rigorose und auch subjektive Auswahl werden viele im Vorfeld ausführlich diskutierte Aspekte vereinfacht dargestellt. Allen, die mir Einblick in ihre Arbeit gegeben und den Text kritisch gelesen haben, sei auf jeden Fall nochmals ganz herzlich gedankt:
Lorenz Boegli, Atelier für Siebdruck, Zürich; Florian Dammeyer und Marcel Göhring, Druckwerk - Atelier für Druck und Gestaltung, Basel; Daniela Erni, Basel; Graphische Sammlung der ETH Zürich; Anita Haldemann, Basel; Dora Imhof, Basel; Oskar Kaelin, Basel; Stephan Kemperdick, Berlin; Eberhard W. Kornfeld, Bern; Kunstmuseum Basel Kupferstichkabinett; Guido Lengwiler, Basel; Peter Schnetz, Basel; Salome Schnetz, Basel; Susanne Stortz, Zürich; Paul Tanner, Zürich; Thomi Wolfensberger, J. E. Wolfensberger, Steindruckatelier, Zürich; Thomas Woodtli, Bildmanufaktur und Edition Hirschkuh, Kleinlützel/SO
Heiner Spiess hat sich dieses Buch gewünscht, seinem Andenken ist es gewidmet.