Vorwort
Die Jahre vergehen. In jedem Jahr hinterlässt jeder Tag, jede Stunde eine Spur von Gelebtem, Kampf und Geschenk, Schwierigkeiten und Überwindungen, Begegnungen und Beziehungen.
Das Eindringen in Problematiken und die Neugier auf Entdeckungen lassen die Zeit wie im Fluge vergangen erscheinen. Ich fühle: Es wird Zeit, noch einige wichtige Gedanken aufzuschreiben, Gedanken, die mein Werk abrunden sollen.
Seit meinem letzten Buch "Atemübungen - Wege in die Bewegung" sind zwölf Jahre vergangen. Zwölf Jahre, in denen ich in meiner praktischen Arbeit steckte, in denen ich neue Entdeckungen machte und ihnen nachging; zwölf Jahre, in denen ich vieles hinterfragte und weiter entwickelte. Ich merkte, dass es nicht genügte, nur Notizen zu machen, sondern dass es notwendig wurde, systematisch meine Arbeit zu überdenken. Ich bedauere, dass ich nicht kontinuierlich aufgezeichnet habe, denn eine kreative Arbeit bringt es mit sich, dass daraus immer wieder überraschende Erlebnisse und faszinierende Entdeckungen folgen. Nicht gleich notiert, versinkt manches jedoch schnell wieder im Vergessen.
Aus eigener Erinnerung weiß ich, wie sehr ich am Anfang meines Wagnisses, freien Ausdruckstanz anzubieten, dringend einer guten Struktur bedurfte, um Vorhaben beginnen und anleiten zu können. Ich erarbeitete mir einige Gedächtnisstützen; ich suchte in Büchern Hilfen und erinnere mich, dass mir plötzlich ein Werk von Rosemarie Haselbach in die Hände fiel, das mir Schlüsssei und Stütze wurde für meine eigenen Gehversuche. Dann, gewissermaßen in Gang gebracht, bin ich bald auf eigenen Füßen gestanden. In diesem Sinne könnte vielleicht auch mein hier vorliegendes Buch für einige schöpferisch Suchende Bestätigung oder Muster werden für das eigene Entdecken. Eine Grundeinstellung meines Lebens, meiner Vermittlung wie meiner therapeutischen Tätigkeit besteht darin: Ich zeige mich dir, ich bin da und ich lasse dich. Wenn ich dir helfe, helfe ich dir, dir selbst zu helfen, so dass du da sein kannst. So einfach ist das, obwohl bekanntermaßen das Einfache nicht immer das so ganz einfach zu Machende ist. Dieses Geheimnis zu entdecken, möchte ich spannend nennen, und in diesem Sinne erhoffe ich für meine Leserinnen und Leser eine spannende Lektüre.
Zu Beginn möchte ich kurz Aufbau und Zielsetzung des Buches umreißen. Durchgängig wird sich ein Grundprinzip zeigen und bestätigen. Die Wiederholungen, die dabei mitunter auftreten, sind beabsichtigt und können immer wieder neu von verschiedenen Gesichtspunkten aus das Prinzip bestätigen. Das ermöglicht, dass das Gelesene (oder Erprobte) für jede/n auf eigene Weise Eigentum werden und weitere eigene Entwicklung anregen kann. Doch welche Grundprinzipien tun sich auf? Und was sind die Grundlagen meiner Arbeit am Tanz?
| - | Wir sind Geschöpfe zwischen Himmel und Erde. Wir sind mit Himmel und Erde verbunden und ein Teil der Schöpfung von Elementen, Pflanzen und Lebewesen, mit der belebten Umwelt verbunden und auf sie angewiesen. | |
| - | Wir haben eine menschliche Gesamtentwicklung, wir haben eine Familiengeschichte und wir haben eine individuelle Entwicklung. | |
| - | In der Besinnung ist immer die momentane körperliche und seelische Verfassung vorrangig. | |
| - | Um Raum für die Besinnung zu erhalten, steht als Wichtigstes an: Abfuhr, Abgeben, Loslassen, Ausatmen, Leerwerden. | |
| - | Vorhandene oder verlorene Mitte (von der eigenen Körpermitte und von der seelischen Sammlung aus) ist herzustellen in der Grundverbindung zur Kraft aus der Erde, aus der wir geboren wurden und in die unser Körper zurückkehrt. | |
| - | Sowohl im Körper als auch im Prinzip des Lebens ist die Verbindung von unten her aufgebaut. Entlang der Chakren öffnet sich - von unten her sich belebend und ständig ergänzend - der Fluss der Energie bis zur völligen Öffnung, bis in die Verbindung zum Himmel, der die Erde ergänzt. | |
| - | Es gibt eine Dreiteilung des Raums, der offenbar von jeher der menschlichen Vorstellungsweise entspricht. Sei es in den Grundprinzipien der Religionen und Mythologien, in der Psychologie bei den Begriffen der Ich-Instanzen, in den menschlichen Vorstellungsweisen und Grundgefühlen. Hier sind körperbezogene Unterschiede in der Bedeutung der Kraftquellen vorhanden, denen wir uns spontan zuwenden: Unterschiede zwischen der nährenden Erde, dem helfenden Himmel oder der frontalen Begegnung. | |
| - | Im Tanz gelten die Orientierungen: unterer Tanzraum, mittlerer Tanzraum und oberer Tanzraum. Das Bewegungsvokabular von Rudolf von Laban bedient sich mit Selbstverständlichkeit dieser Begriffe. | |
Zunächst möchte ich auf folgendes Phänomen hinweisen: Vor jeder Benennung gab es bereits den Menschen, doch die Benennung schafft erst die bewusste Erklärung und Klärung seiner Bedeutung. Für das komplexe Gebilde Mensch sind immer wieder Benennungen geschaffen worden auf dem Gebiet der Religionen, der Philosophien, der Psychologien (so erweiterte beispielsweise C. G. Jung die Entdeckungen Sigmund Freuds und veränderte dabei auch die Sprache). Die Kunst als Medium und Äußerungsform hat ebenfalls auf verschiedene Weise ihre jeweiligen Formen und Benennungen erhalten. Da ist die ewig ungelöste und nicht zu lösende Frage: Was war (ist) zuerst: Tat - Wort; Himmel - Erde; Huhn - Ei; Mann - Frau; eine endlose Reihe sich bedingender Grundprinzipien könnte folgen.
Die Benennungen sind jeweils menschlich, auch wenn sie durch Eingebungen, Geistesblitze und Visionen göttlicher oder dämonischer Natur entstanden sein mögen. Sie werden zur Geschichte und müssen immer wieder neu gefunden werden aufgrund immer neuer Erscheinungsweisen. Zuerst ist das Lebewesen da, dann unsere Benennung. Das Lebewesen hat sich nicht nach den Benennnungen zu richten, sondern die Benennungen werden gefunden infolge sich ständig verändernder Tatsachen. Ein Mensch muss sich weder in vorgegebene Kategorien einordnen, noch sollte er in eine bestimmte Schublade gesteckt werden (was leider durch Vor-Urteile allzuoft geschieht). Dabei dienen die historischen Benennungen durchaus als Wegweiser. Eine Straße, die einmal gefunden wurde, ist nicht plötzlich verschwunden, kann aber, da einiges gewachsen ist, möglicherweise eine zusätzliche Bezeichnung vertragen. Doch welchem Wegweiser wir vorrangig folgen, muss jeweils neu und wach entschieden werden. Das bedeutet, um wieder auf die zuvor genannten Grundlagen zu sprechen zu kommen: Bei jeder Besinnung ist eine nicht zu unterschätzende Intuiton gefragt, um die momentane körperliche und seelische Verfassung, sowohl die eigene als auch die der anderen, neu und unvoreingenommen wahrzunehmen. Den eben genannten Satz möchte ich noch einmal wiederholen, weil er mir besonders wichtig ist: Welchem Wegweiser wir vorrangig folgen, muss jeweils neu und wach entschieden werden.
Dieses Buch versteht sich als Ergänzung zu meinen bereits erschienenen Werken. Es sind "Ergänzungen" eines langjährigen tanztherapeutischen Wegs. Schon der Titel verweist auf den Bezug zum "Buch der Wandlungen". Als Patenkind von Richard Wilhelm und im Pekinger Elternhaus aufgewachsen im lebendigen Geist altchinesischer Lebensweisheiten, wurde mir das "Leben aus der Mitte heraus" selbstverständlich. Doch als Kind jener Zeit spielte sich in mir in der Auseinandersetzung mit familiär-, kultur- und zeitbedingter Körperlichkeit und Atmung ein eigener Erfahrungsprozess ab. Der Drang zu Bewegung und Tanz führte mich später zu Mary Wigman, die Neugier auf den Hintergrund ließ mich früh Philosophie und später Psychologie studieren und die innere Verbindung zu C. G. Jung finden, der ja ein naher Freund Richard Wilhelms gewesen war. So liegen die Wurzeln dieser langjährigen leidenschaftlichen Ergründung bereits in meiner frühesten Kindheit, und alle seither betretenen Wege ergeben bis ins heutige tägliche Entdecken hinein mehr und mehr einen Sinn.
Was den Buchtitel spontan entstehen ließ, war die Einsicht, dass immer deutlicher wird, dass sich im Tanz - im authentischen Ausdruckstanz - strukturell die gleichen Regeln und Erscheinungsformen herausbilden, wie dies im "I Ging", dem "Buch der Wandlungen", geschieht. Das Grundphänomen des sich fortwährend wandelnden Lebens, im Sinne von lebendigem Fluss, vollzieht sich stets im Jetzt, im vollen Bewusstsein des Augenblicks. Die Energien, die zu einem bestimmten Tanzausdruck führen, motiviert durch den momentanen Seelenzustand, sind letztlich die gleichen verkörperten Urkräfte wie im I Ging und bestimmen das menschliche Leben in seinen wechselhaften Zuständen.
Diese bewusste Erkenntnis der momentanen Bedeutung einer spontanen Bewegung ist der Kern des Ausdruckstanzes und somit auch der Kern für eine deutliche Form der Gestaltung eines Tanzes. Sie ist aber auch gleichzeitig - das ist das Faszinierende - der Kern des therapeutischen Erkennens. "Ausdruckstanz" muss nicht zwangsläufig "Therapie" sein. Allerdings entstehen dort authentische Gefühle und es kann dort das Bedürfnis nach mehr Klarheit über sich und womöglich nach therapeutischer Hilfe erwachsen. Momentane Verwandlungen im Tanz können zu therapeutischen Einsichten führen mit der Chance notwendiger Veränderungen.
Die Psychoanalyse brach Anfang des vorigen Jahrhunderts die Schicht des Verborgenen auf, widersetzte sich gesellschaftlichen Tabus, leitete den Beginn einer breiten Bewusstseinswerdung ein und hatte einen wesentlichen Anteil an der wachsenden Erweiterung der Sicht auf das menschliche Sein. Sie führte über die Beobachtung körperlicher Symptome an die seelische Quelle von Unstimmigkeiten und Krankmachendem. Gleichzeitig erfuhr die Körperlichkeit eine Renaissance. Für die abgetrennte Seele wurde die Verkörperung immer wichtiger. Weltweit gewann der Körper an Bedeutung, sodass oft schon wieder das Seelische und die Gefühle verdrängt und vergessen werden. An deren Stelle treten Sport als Maximalleistung, Tanz als virtuose Form, Therapie als Fehlerbeseitigung ohne menschliche Zuwendung. Wesentliche Veränderungen brauchen aber immer lange Zeiträume, bedeuten Rück- und Fortschritte. Nie verschwinden Jahrhunderte alte Tabus plötzlich, es dauert Generationen, ehe Einsicht zur bewussten Handlung mit wirklicher Wandlung führt. Desgleichen braucht es beim Einzelnen Zeit und Geduld, Veränderungen wachsen zu lassen.
Mit C. G. Jung, seiner Erweiterung der Psychologie und seinen Gedanken über "die Wandlungen der Libido" eröffnete sich ein neues Kapitel der Psychotherapie. Wir verdanken Jung wesentliche Entwicklungen zur Tanztherapie. Indem er über den individuellen Schicksalsrahmen hinaus die tiefe archaische Verflechtung der menschlichen Seele aufdeckte, konnten sich mehr und mehr verwandte Gesetzmäßigkeiten zwischen Vorstellungen und Bildern der Seele und der jeweiligen Verkörperung offenbaren. Jung verwandte das Wort "Wandlungen" offensichtlich unter dem Einfluss von Richard Wilhelm, was für mich eine weitere Bestätigung meiner Arbeitsweise im authentischen Tanz darstellt.
Der Bogen zum Tanz spannt sich für mich auch insofern, als die Urkräfte des I Ging - wobei die Energien jeweils aus verschiedenen Yang- und Yin-Anteilen bestehen - mit den Kriterien der Kraft, die Rudolf von Laban in seinen Grundlagen der Bewegungsforschung entwickelt hat, identisch sind. Diese Dynamik verhält sich analog den Wandlungen im I Ging. Es entstand für mich ein immer lebendigerer Umgang mit all diesen Elementen. Ein Teil meines Buches enthält Beispiele und praktische Anleitungen sowohl für individuell Übende wie für Arbeitsgruppen. Daneben gibt es einen reichhaltigen Anhang für den Einstieg zu Improvisationen.
Wichtig für die kreative wie therapeutische Arbeit aber auch vordringlich für den Alltag erscheinen mir praktische Regenerationsübungen. Im Sinne meines spezifischen Ansatzes, sensitiv und differenziert mit der lebendigen Atmung umzugehen, möchte ich hervorheben, wie sehr jede/r Einzelne für sich selbst verantwortlich ist. Zugleich möchte ich mahnen, sich genügend abzugrenzen und für sich selbst zu sorgen. Vor allem aber wende ich mich denen zu, die mit anderen Menschen zu tun haben im tanztherapeutischen Bereich, aber auch als Lehrkräfte tätig sind - sowie all jenen, die sich wo auch immer verausgaben und einem burnout in ihren Berufen wie in ihrem Leben ausgesetzt sind.
Die fünfzig Morgenübungen, die den Abschluss des Buches bilden, sind jedoch für alle gedacht, vom routinierten Tänzer bis hin zum körperlich Behinderten, vom Beweglichen bis zum Unbewegten. Ein systematischer Aufbau der Übungen sorgt für eine Ganzheit, für eine Ergänzung des eigenen Körpers. Alle verkümmerten, scheinbar verlorenen, mehr oder weniger vernachlässigten Körperzonen werden mit Hilfe der atmenden Energie ergänzt. Manche Übungen sind dem Yoga ähnlich, vieles ist identisch mit den Grundlagen des Qi-Gong. Ein notwendiges, zeitweise schwieriges "Spüren" in den eigenen Körper hinein wird im buchstäblichen Sinne neu aufgebaut und möglich durch eine gezielte Wiederbelebung verlorengegangener Körperlichkeit.
Das Vorwort entstand zum Abschluss meiner Arbeit am Buch. Ich habe nach chinesischer Art mit dem Ende begonnen und bin systematisch von dort nach vorne vorgerückt, so als würde ich ein Buch von hinten nach vorne lesen. Das war bei meinen bisherigen Büchern nicht der Fall. Ob es bei dieser Zusammenfassung meiner bisherigen Lebensarbeit damit zusammenhängt, dass ich von Kindheit an die Gewohnheit habe, Bücher zuerst von hinten nach vorne durchzublättern, vermag ich nicht zu sagen. Aus den unbewussten Gefilden meiner Kindheit steigt die Erinnerung an Erwachsene auf, die die chinesischen Schriften selbstverständlich von rechts nach links lasen und schrieben. Aus denselben unbewussten Gefilden heraus hat sich mir wohl auch nach und nach die Selbstverständlichkeit meiner Arbeit und meines Lebens erschlossen.
So waren die sachlichen "Morgenübungen" das erste, das zu fixieren ich für notwendig erachtete. Und so ging es weiter - von hinten nach vorn. Hierbei sei mir eine kleine Anmerkung erlaubt. In bestimmten Abschnitten des Buchs verwende ich die Du-Form. Wenn es bei manchen Anweisungen um ein sehr persönliches inneres Spüren und Handeln geht, folgt die Ausführung keiner äußeren Anweisung, sondern einem ureigenen Impuls. So entsteht eine Art Selbstgspräch, wenn ich beispielsweise zu mir sage: "Ich gebe acht auf ..." oder auch "Gib acht auf ...!" Sicher würde ich jedoch niemals zu mir selbst sagen: "Geben Sie acht auf ..."
Ich möchte ungern in die esoterische Ecke gedrängt werden mit jenem Beigeschmack, den das Wort Esoterik für viele hat. Wenn ich Worte wie "Himmel" und "Erde" verwende, verstehe ich darunter die konkreten Begriffe aus dem I Ging und auch ihren symbolischen Charakter. Wenn ich das Wort "Mitte" gebrauche, dann meint das zwar durchaus den Begriff der inneren Ausgeglichenheit, aber eben auch konkret die Mitte des Körpers, des Rückens und des Bauchs. Und dort findet eine sachliche Arbeit statt.
Insgesamt hoffe ich, auch für Außenstehende, denen diese Arbeitsweise und der Umgang mit Atmung bisher fremd waren, verständlich genug zu sein. Zufrieden bin ich, wenn das Lesen dieses Buches Mut und Auftrieb geben kann.
Was erwartet also die (geneigten) Leser/innen oder die (neugierigen) Besucher/innen meiner Arbeitsweisen, die (auf Erweiterung bedachten) Tanzerfahrenen, die ganz einfach Lernenden (jedwelchen Grades) sei es in Tanz, Atmung oder Therapie - oder die (an Ergänzung und Vertiefung interessierten) Tanztherapeut/innen...?