Vorwort zur überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe 2006
Hyper-Writing - wieder so ein neumodisches Wort, werden Sie vielleicht spontan gedacht haben, als Sie den Titel dieses Buch lasen. Nun, so neumodisch ist der Begriff gar nicht: Im Internet finden Sie gut 700 Websites, die ihn in der einen oder anderen Form benützen; die ältesten dieser Einträge stammen von dem Anfang der Neunzigerjahre. Sie haben verschiedene Bedeutungen:
Die gängigste bezieht sich auf Publikationen, die nach Art des im Internet üblichen Hypertext-Formats gestaltet wurden - das heißt intern (innerhalb einer Website) oder extern (innerhalb des Internets) durch Hyperlinks miteinander verbunden sind.
Jemand möchte mit der Vorsilbe »hyper« einfach auf sich als »besonders interessanter« Autor aufmerksam machen - etwa im Sinn von »hypermodern«.
Ich benütze das Wort in einem nochmals anderen Sinn, der die zuerst erwähnten allerdings einbezieht. Die Vorsilbe hyper kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie »über, mehr als, über hinaus«. Hyper-Writing ist in meinem Verständnis in der Tat etwas, das um einiges hinausgeht über das übliche Kreative Schreiben und auch über das, was normalerweise in den Feuilletons unter Schreiben und Literatur verstanden wird. Am deutlichsten wird dies sichtbar in der von mir entwickelten Vier-Spalten-Methode. Doch mehr hierzu in den beiden neuen Kapiteln am Schluss des Buches.
Als dieses Buch 1989 erstmals erschien, war es das erste seiner Art, und ich war vermutlich der erste, der in Deutschland (ab 1979) Seminare dieser Art anbot. Kreatives Schreiben war Neuland bei uns - neu war sogar der Begriff selbst. Seitdem hat sich in diesem Bereich viel getan. Wenn man beim Internet-Buchhändler amazon. de das Stichwort »Kreatives Schreiben« eingibt, bekommt man nicht weniger als 232 Titel genannt (Stand: Juli 2006).
Die Dynamik dieser Entwicklung kann man an den Teilnehmerzahlen zweier Veranstaltungen Evangelischer Akademien ablesen: Als 1987 die Akademie Tutzing zum Thema »Kreatives Schreiben« einlud, kamen 45 Teilnehmer. Als drei Jahre später in Loccum gefragt wurde »Was bewegt die Schreib-Bewegung?«, da waren es schon mehr als 200 »Schreib-Bewegte«!Und heute, im Jahr 2006?
Aus kleinen Anfängen ist in der Tat eine richtige »Bewegung« geworden, mit Schreibseminaren und -Werkstätten an vielen Volks hochschulen und mit Literaturbüros in einer Reihe von Städten. Es dürften inzwischen in Deutschland jedes Jahr an die tausend solcher Veranstaltungen angeboten werden. Für Schulen gibt es bereits richtige Curricula zum Unterricht in Kreativem Schreiben (Schmitz 1998, 2001). Und sogar an manchen Universitäten gedeiht das Pflänzchen - wenn dort auch noch sehr fragil und wenig beachtet.
Die Innovation steckt in der Blockade
1993 kam ein Kapitel mit neuen Erkenntnissen über das kreative Geschehen und seine Störungen sowie Vorschlägen zu ihrer Behebung hinzu, resultierend aus der praktischen Arbeit in bislang rund 600 Seminaren und vielen Einzelberatungen, die meisten davon wegen Schreibblockaden. Wichtig hierzu die Erkenntnis: Was als Schreibblockade so unangenehm, so frustrierend erlebt wird, enthält in Wahrheit das eigentlich Kreative: In der Blockade steckt das Neue, welches Kern jeder Kreativität ist!
Das zusätzliche Kapitel »Vom Kreativen Schreiben zum Hyper-Writing«, das dieser gründlich überarbeiteten Neuausgabe jetzt angefügt worden ist, soll nicht nur die Erweiterung des ursprünglichen Titels erläutern, sondern klarmachen, dass inzwischen zum ursprünglichen creative writing, wie es in den USA und vielerorts auch bei uns in Europa verstanden wird, einiges hinzugekommen ist, was zur Verwendung der Vorsilbe »hyper« berechtigt. Dies wird beispielhaft demonstriert im da rauf folgenden, ebenfalls neuen Kapitel über die »Vier-Spalten-Methode«.
Dank
Bleibt mir noch, den vielen Lesern zu danken, die mir geschrieben und mit kritischen Anmerkungen geholfen haben, Fehler zu korrigieren. Die überwiegende Zahl der Zuschriften zeigt mir, dass ich einen Bereich behandle, der für immer mehr Menschen von großer Bedeutung ist:Schreiben müssen immer mehr Menschen im Beruf (haben aber wesentliche Aspekte davon in Schule und Ausbildung nie gelernt - siehe den sinnvollen Umgang mit Schreibblockaden).Schreiben wollen immer mehr Menschen, weil sie spüren, dass sie auf diese Weise ihre Lebensgeschichte besser ordnen und den Sinn darin entdecken können.Schreiben sollten schließlich immer mehr Menschen, weil es eine sinnvolle Gestaltungsmöglichkeit ihrer immer häufiger werdendenfreien Stunden ist (Schreiben als Hobby oder gar als Einstieg in eine neue berufliche Karriere - oder eventuell sogar als Schriftsteller oder Journalist).
Dank gebührt schließlich auch den Teilnehmern der Seminare, die mich an ihren kreativen Prozessen teilnehmen ließen.
München, im Juli 2006
Jürgen vom Scheidt