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Vorwort



Schrift - dem Leben angepaßt

Schriftzeichen als höchste Form der visuellen Kommunikation.
Zu Besuch bei Adrian Frutiger

Wir können lesen, weil wir uns bekannte Elemente und Formen wahrnehmen und erkennen. Dennoch beeinflussen viele andere Teilaspekte das Lesen dieser zu Lettern geformten Elemente. In Ansätzen ist uns dies alles bekannt. Adrian Frutiger jedoch kennt die wechselseitigen Beziehungen, die den Wahrnehmungsprozeß beeinflussen, wie kein anderer. Er selbst hat an deren Erforschung mitgewirkt und macht sie bei seiner Arbeit stets zur Basis der Überlegungen. Sein untrügliches Formempfinden, sein analytisches Denken, sein technisches Verständnis und ästhetisches Gefühl haben Adrian Frutiger nicht zuletzt deshalb zu einem der bekanntesten Schriftkünstler der Welt gemacht. Schritt ist für uns so selbstverständlich geworden, daß wir sie kaum noch bewußt wahrnehmen. Niemand sagt am Morgen beim Aufschlagen einer Zeitung: "Aha, eine Schrift." Vielmehr nimmt man sie noch nicht einmal bewußt zur Kenntnis, was, so Adrian Frutiger, noch nicht einmal so schlecht ist - ganz im Gegenteil. Denn wenn eine Schrift nicht wahrgenommen wird, "ist das die höchste Auszeichnung für den Schriftentwerfer und den Typografen".

"Schrift muß so sein, daß man sie nicht bemerkt," sagt Frutiger und zieht einen einprägsamen Vergleich. "Wenn du dich an die Form des Löffels erinnerst, mit dem du die Suppe gegessen hast, dann hatte der Löffel eine schlechte Form. Löffel und Buchstabe sind Werkzeuge.

Das eine nimmt körperliche Nahrung aus der Schale, das andere geistige Nahrung vom Papierblatt." (1+2)

Frutiger: Omnipräsent durch sein Werk
Diese Erklärung leuchtet ob ihrer Einfachheit ein. Doch hinter diesem eigentlich banalen Vergleich steht das jahrzehntelange Beschäftigen mit Schriften und Formen sowie dem menschlichen Verhalten. Frutiger hat die Schrift nie als Selbstzweck begriffen und sie stets in den Dienst der Menschen gestellt und ihrem Einsatzzweck untergeordnet.

Dabei hat Adrian Frutiger der Typografie entscheidende Impulse gegeben und gehört nach wie vor zur Elite der Schriftgestalter. Doch bei allem Erfolg war Berühmtheit nie ein Maßstab für ihn. Lesefreundlichkeit und effizienter Transport von Inhalten lauten die Ziele, die er mit seinen Schriften unbeirrt von allen Moden verfolgt. So hat er wie kaum ein anderer das visuelle Erscheinungsbild unserer Epoche in Schrift und Typografie geprägt. Weltweite Schriftklassiker wie die Univers, Meridien, Avenir, Frutiger, OCR-B oder Centennial sind nur ein Auszug aus dem reichhaltigen typografischen Œuvre Frutigers, die zeigen, daß er stets auf der Höhe der Zeit ist.

Freunde und Bewunderer sind sich an diesem Punkt stets einig: Frutiger hat es wie kein Zweiter geschafft, in seinen Schriften und in seinen künstlerischen Arbeiten Zeitgeistströmungen in Formen zu bringen, die unaufdringlich, nützlich, sinnvoll, harmonisch und zweckdienlich sind, ohne jemals ins Banale abzugleiten. Bruno Steinert, Geschäftsführer der Linotype Library, stuft das Wirken und das Gesamtwerk als epochal ein: "Adrian Frutiger ist durch seine Schriften omnipräsent - selbst in den abgelegensten Winkeln unseres Erdballs. Er hat die Welt der Kommunikation durch sein Schaffen nachhaltig geprägt." Steinert hat sicherlich Recht, betrachtet man die Schriften, die Frutiger schuf. So bemerkte bereits 1994 Kurt Weidemann: "Sein Schriftschaffen umfaßt eine überschaubare Zahl gültiger Alphabete. Sie werden die telefonbuchstarken Schriftmusterbücher, gefüllt mit Banalitäten und Beliebigkeiten, überleben."

Doch bei all dem - wenn auch bedauerlicherweise fast nur in Fachkreisen - gefeierten Ruhm bleibt Adrian Frutiger ein Mensch, der andere durch seine Bescheidenheit fast zu beschämen weiß: "Ich habe doch keinen Heiligenschein. Ich war immer ein Kind meiner Zeit, ohne daß ich das beeinflussen konnte", sagte er an seinem 70. Geburtstag. Und auch heute, 76-jährig, kann Adrian Frutiger im Gespräch ohne den leisesten Anflug von Selbstdarstellung verzaubern, faszinieren, den Zuhörer in eine andere Welt versetzen und die (für viele trockene) Materie der Schrift und Typografie zu einem unendlich fabel- und anekdotenreichen Universum machen.

Schriften - dem Zweck angepaßt
"Typografie muß so schön sein wie ein Wald - nicht wie eine Betonwüste in der Vorstadt. Ein Wald ist kein Komplex - es gibt Abstände zwischen den Bäumen, die Raum zum Atmen und Leben erlauben." Und das gilt auch für die Schrift. Zu eng eingesetzt, ist sie nicht mehr als Schrift erkennbar. "Sie raubt dem Leser den Atem", sagt Frutiger. Deshalb legt er stets größten Wert darauf, daß die Schrift dem Umfeld angepaßt ist: "Schrift muß in Sekundenbruchteilen erkennbar sein." Und er meint damit praktisch alle Lebenslagen. Denn wie kein Zweiter hat er sowohl Schriften für den Druck, für Bücher oder Fahrpläne, für Gestaltung und Design geschaffen und zugleich die Schrift als Signal im öffentlichen Raum eingesetzt.

"Die grauen Linien einer Buchseite werden anders gelesen als eine signalartige Letter. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man ruhig im Sessel sitzt und liest oder ob man gestreßt zum Flieger muß." Aber egal wo: "Es muß dem Leser wohl sein", stellt er fest. Denn Schrift darf nicht Angst oder Streß erzeugen.

Frutiger hat intensive Studien von Schriften (auch seiner eigenen) durchgeführt und kam zu der Erkenntnis, daß für Beschriftungen an Flughäfen oder Autobahnen die Buchschriften selbst in ihrer extremen Vergrößerung viel zu geschlossen sind. Deshalb hat er für die Beschriftung beispielsweise des Flughafens Charles de Gaulle in Paris seine Univers modifiziert.

"Schrift besteht aus schwarzen und weißen Elementen: Schriftkörper, weißer Innenraum, Zwischenraum. Dabei stellt die Schrift als Signal andere Anforderungen an die Form als im Buch. Im fahrenden Wagen, im Laufen oder Gehen muß das Zeichen auf Anhieb erkannt werden", erläutert Frutiger. Seine für diese Einsatzzwecke geschaffenen Schriften haben offene, eindeutig erkennbare Lettern und Zeichen zum schnellen und eindeutigen Erfassen.

"Ein Buchstabe muß so klar sein wie ein Pfeil", (1) sagt Frutiger und drückt damit alles aus, was zu dem Thema zu sagen ist. Beschriftungen, die nicht auf den ersten Blick lesbar sind, tragen eher zur Verwirrung denn zur Klärung oder Orientierung bei. Und dies in allen Bereichen.

So ist auch bei den Schweizer Straßensignalen Frutigers Handschrift klar erkennbar. Hier wurde nicht einfach eine vorhandene Schrift für die Beschilderung eingesetzt. Er hat eine völlig neue Schrift geschaffen, die eine optimale Lesbarkeit der Signalschriften gewährleistet. Bei der eingesetzten Schrift, der "Frutiger Astra", hat Frutiger vor allem die Innenräume vergrößert. "So lassen sich Buchstaben wie e oder a eindeutig lesen, wogegen die bisherigen Schriften aus der Entfernung nur einen weißen Punkt erkennen ließen." "Der Autofahrer fuhr quasi in ein weißes Loch", sagt Adrian Frutiger (2).

Aufgaben ergeben sich von selbst
Adrian Frutiger ist keiner jener Künstler, die im Elfenbeinturm sitzen und sich hier und da von der Muse küssen lassen. Er wurde auch nicht nur von innen heraus (durch sich selbst) inspiriert, sondern fand immer wieder Aufgaben, die Lösungen für den täglichen Umgang mit Schriften erforderten. Dazu erzählt er eine Anekdote, die deutlich macht, was er unter der Aufgabe eines Schriftschaffenden versteht: "Vor einigen Jahren sah ich am Bahnhof eine ältere Frau, die versuchte, einen Fahrplan zu lesen. Sie konnte ihn nicht entziffern, weil die Schrift zu klein war. Also half ich ihr und sah mich plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert, eine neue Schrift zu schaffen, die für solche Anwendungen einzusetzen ist." Es entstand die Vectora, eine Schrift mit sehr großen Mittellängen, die dadurch in sehr kleinen Schriftgraden auch gut lesbar ist. (3)

Und in diesem Zusammenhang mahnt Frutiger auch die jungen Kreativen in den Agenturen und Design-Büros, sich nicht nur durch die Gestaltung, sondern auch durch die Umstände leiten zu lassen, für welchen Zweck und in welchem Umfeld die Schrift eingesetzt werden soll. "Schrift muß offen und klar sein! Sie muß dem Leben angepaßt sein. Denn Schrift ist die Bekleidung des Wortes. Deshalb muß sie sich dem Inhalt unterordnen können."

Die Letzten ihrer Zunft?
In diesem Zusammenhang stellt Frutiger fest, daß es heute viele Designer gibt, die am Bildschirm spielen, aber nichts Neues erfinden: "Schriften werden nachgeformt, aber nicht neu entwickelt. Dabei gibt es unter diesen jungen Leuten hoch begabte, die verstehen, was Schriftfluß ist - andere meinen nur, sie könnten es."

Stellt sich die Frage, ob Adrian Frutiger - man kann auch Hermann Zapf in einem Atemzug nennen - die Letzten "ihrer Zunft" sind, die Schriften geschaffen haben, die auch die Nachwelt noch begeistern werden. "Ich kann das nicht glauben", zweifelt Frutiger. "Unsere Basis war und ist die Leseschrift - vor allem für das gedruckte Medium. Es wird aber immer wieder Menschen geben, die in der Lage sind, Grundstoff aufzuarbeiten und Neues zu schaffen." Spitzbegabte Menschen, wie er sagt, mit einem speziellen Fokus. Seine Hauptaufgabe sah und sieht er in der serifenlosen Schrift - angespornt durch seine Lehrer Walter Käch und Alfred Willimann an der Kunstgewerbeschule in Zürich. "Es entsprach meinem Charakter, Schriften ohne Serifen zu meiner Aufgabe zu machen. Das lag zum Teil an den Aufträgen, die mir angetragen wurden, aber auch an vielem, was ich technisch gelernt habe."

Schließlich hat er nicht nur Schriften für Menschen, sondern auch für Maschinen geschaffen. "Weil das Auge ähnlich funktioniert wie ein Computer beziehungsweise ein computergesteuertes Lesegerät." Adrian Frutigers in den 70er Jahren entwickelte OCR-Schrift B wird noch heute bei Kreditkarten oder Überweisungsträgern im Bankverkehr eingesetzt - es gibt keine besser lesbare Schrift durch Computer. (4)

So wie er neue Schriften für neue Aufgaben kreiert hat, zweifelt er auch nicht daran, daß der Wandel der Medien weitere neue Aufgaben und neue Herausforderungen mit sich bringt. "Vieles entwickelt sich stetig und langsam. Und plötzlich kommt ein Wendepunkt. Dann aber wird es wieder Typografen geben, die wie Wissenschaftler neue Wege gehen, die bisher noch niemand gegangen ist." Er nennt keine Beispiele, doch jeder weiß, daß es noch genügend Aufgaben gibt, die durch die Typografie, durch neue Schriften und Ideen verbessert werden können. Ein Beispiel ist das Internet, in dem typografische Armut herrscht. Aber auch in anderen Bereichen wie dem Fernsehen ist noch Not am Mann. Und neue Medien, so die Schlußfolgerung, brauchen neue Werkzeuge.

Frutiger: ein Perfektionist
Als Berater kreiert Adrian Frutiger nicht nur neue und eigene Schriften, sondern entwirft neue Konzepte und treibt Entwicklungen voran. Dabei muß es auch bei Frutiger nicht immer die informelle, die sachliche Schrift sein, denn er sieht durchaus den Bedarf an Lebendigkeit und Formenvielfalt in Drucksachen. "Die Schrift selbst ist ein Bild. Deshalb habe ich auch nichts gegen Phantasieschriften." So schuf er vor einigen Jahren eine neue Schrift, die Frutiger Stones (2), die moderner und rudimentärer ist, als das, was selbst die "Jungen Wilden" der Typografie und Schriftszene zurzeit hervorbringen. Weil es Adrian Frutiger genial versteht, Gegenwartsströmungen aufzugreifen und sie mit den erfolgreichen Stilmitteln der im Prinzip steinalten Bild- und Formempfindungen der Menschen zu kombinieren.

Und wie kritisch sich Frutiger mit dem ständigen Wandel in der Medienwelt auseinander setzt, hat er bewiesen, als er seinen größten Schriften-Erfolg, die Univers, für die Linotype Library völlig überarbeitete, verbesserte und vervollständigte. Das Ergebnis sind 59 Schriftschnitte - Meisterwerke in Vollendung. "Die Univers von Adrian Frutiger ist ohne Frage die bedeutendste Schrift der letzten 100 Jahre", wertet Bruno Steinert, Geschäftsführer der Linotype Library.

Ebenso hat er die 1977 entworfene Frutiger überarbeitet und zur Frutiger Next erweitert, um diese Schrift vor allem für die Unternehmenskommunikation, die Kommunikation im öffentlichen Raum und für Informationssysteme zugänglich zu machen. Dabei wirken alle 18 Schriftschnitte nicht konstruiert, sondern sind auch in ihren Auszeichnungsformen individuell gestaltet.

Formen und Gegenformen
Wer sich mit den Schriften Frutigers auseinander setzt, wundert sich nicht über die freien Arbeiten des Künstlers. Viele Zeichnungen, Holzschnitte und Objekte lassen das künstlerische Schaffen von Adrian Frutiger jenseits der Schrift anschaulich werden. Dabei ist die in Zeichen dargelegte Formensprache von Frutiger durch die äußerste Verknappung von Form und Farbe geprägt - ähnlich den Zeichen einer Schrift, die abstrakter nicht sein können. Dabei sucht Frutiger, der diese freien Gestaltungen "eigentlich zur Entspannung schuf", nach zeitgemäßen Symbolen.

Signete, Signale, Zeichen und Formen manifestieren sich grafisch streng und haben nicht nur ästhetische Qualität, es sind auch meditative und philosophische Elementar-Zeichen, die von jedem anders empfunden werden können und auf jeden anders einwirken.

In diesen Werken ergänzt Frutiger sein typografisches Schaffen in ästhetischer Hinsicht: Freie Formen werden losgelöst vom Alphabet und zeigen seine Auffassung des harmonischen Verhältnisses von Schwarz und Weiß, bewußt dezent gehaltenen Farben sowie von philosophisch wirkenden Innen- und Außenformen. (Dokumentiert werden diese Arbeiten in dem Buch "Hommage à Adrian Frutiger" mit rund 250 Abbildungen, das im Verlag Syndorpreß, Cham/Schweiz, erschienen ist.)

Geben und Nehmen
Zurzeit beschäftigt sich Adrian Frutiger einmal mehr mit einem neuen Buch, das im kommenden Herbst erscheinen soll. "Es ist Teil einer Überlegung, die mich schon lange beschäftigt: Geben und Nehmen. Das ist eigentlich nichts Revolutionäres, denn schon früher lehrte der Ältere den Jüngeren, der Vater den Sohn, die Mutter die Tochter, der Meister den Lehrbuben ...

Es war schon immer ein ständiges Weitergeben. Und es war natürlich auch das Nehmen, das diese Beziehungen prägte." Viele seien zwar der Meinung, daß dieses Gefüge nicht mehr stimme, räumt Frutiger ein, weil die jungen Leute nur noch vor dem PC säßen und sich abschirmten. Dem hält er jedoch entgegen, daß (wenn es überhaupt stimme) es deutliche Anzeichen für eine Veränderung gibt. "Die Zeit, in der man dachte, der Computer kann alles, ist vorbei. Es ist eine idiotische Auffassung zu glauben, daß der Computer die Hände ersetzen könne. Ein Computer wird nie eine Geige bauen können, die klingt!" Und er führt weiter aus: "Warum gehen die Menschen denn ins Konzert? Warum wandert man? Oder warum meditiert man? Weil der Rush der Computerzeit für uns Menschen unnatürlich ist."

Dabei ist er fest davon überzeugt, daß es gerade in der Computer-Ära nicht ohne Gemeinsamkeiten und Kommunikation geht. "Mit der technischen Revolution hat sich vieles grundlegend geändert", erläutert Frutiger. "Die verständliche Einfachheit des Buchdrucks hat sich aufgelöst in Dutzende einzelner Redaktions-, Satz-, Kopier- und Druckphasen. Ohne Teamarbeit ist also die Herstellung einer Drucksache nicht mehr denkbar." Dabei sieht er diese Entwicklung zwar kritisch, jedoch beileibe nicht resignierend. Denn, so Frutiger: "Alles Gegenwärtige ist auf der Erfahrung der Vergangenheit aufgebaut. Also ist das Zukünftige im Gegenwärtigen bereits vorhanden." Somit ist für Adrian Frutiger die Vergangenheit wesentlicher Bestandteil unserer Gegenwart. Nun ist es seine Absicht, uns sein Vermächtnis in Form eines Buches zu überlassen. Weil es auch seine Intension ist, Dinge festzuhalten, die sonst verloren gehen können. Das Beschreiben handwerklicher Fertigkeiten etwa wie das Stempelschneiden samt der damals eingesetzten Technik. "Alles, was ich gelernt habe, erlebt habe und was von Relevanz ist, will ich an andere weitergeben. Dieses Wissen wird verloren gehen, wenn es nicht noch einmal dokumentiert wird."

Das geschriebene Wort: Bestandteil unserer Kultur
Daß er dieses Vermächtnis in Buchform weitergeben will, ist nur zu verständlich. Denn Adrian Frutiger ist und bleibt der Schrift verbunden: "Ich bin überzeugt, daß das geschriebene Wort über die Jahrhunderte das Werkzeug bleibt, um die Vermittlung herzustellen zwischen dem, der etwas zu sagen hat, und dem, der etwas empfangen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dies ausschließlich über Bilder geschehen kann.

Wir sind in unseren Sphären verkümmert in der mündlichen Überlieferung, Bilder spielen eine immer wichtigere Rolle. Aber die Geschichte in Europa ist durch die Schrift geprägt. Das ist seit Jahrtausenden so gewachsen und hat sich tief eingeprägt. Deshalb ist und bleibt das geschriebene Wort Bestandteil unseres Lebensstils."

Und noch eine Erkenntnis von Adrian Frutiger sollte allen, die sich mit Gestaltung beschäftigen, zu denken geben. Es ist ein Postulat, das Modische und die anhaltend überzogene Design-Verliebtheit nicht zu wichtig zu nehmen und die Qualität in Schrift, Bild, Gestaltung und Medien unter einem sehr pragmatischen Aspekt zu sehen: "Schrift und Gestaltung, die man wahrnimmt, erfüllt nicht ihre Aufgabe, weil sie vom Inhalt ablenkt." Diese Kernaussage spiegelt den Charakter von Frutiger wider. Was Freunde und Geschäftspartner in besonderem Maße an ihm schätzen, sind die heute viel zu seltenen Eigenschaften Ruhe und Konzentration, Konsequenz und Bescheidenheit, Dynamik und Ausdauer, Weitblick und Pragmatismus. Auch mit nunmehr 76 Jahren hat er seine intellektuelle Flexibilität bewahrt, strahlt im Gespräch geistige Klarheit aus, kann fundamentale Erkenntnisse und seine Visionen anschaulich und nachvollziehbar vermitteln.

Klaus-Peter Nicolay






 
   


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