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Das große Buch der Bauernregeln
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Einleitung

In jeder Sprichwortsammlung findet man eine ganze Reihe von Sprüchen, die vom bäuerlichen Leben und vom Wetter handeln. Es sind wie alle Sprichwörter kleine Wortkunstwerke, die sich schon beim ersten Hören einprägen. Man sagt sie gern weiter, weil sie eine bestimmte Lebensauffassung und -erfahrung verdichten, denn Sprichwörter sind Teil der Volkspoesie, die von Gruß-, Wunsch-, Verwünschungsformeln über Waid-, Handwerks- und Trinksprüche zu den Weisheitssprüchen, Rätseln, Volks- und Kinderreimen reicht. Nur durch ihre Kürze unterscheiden Sprichwörter sich von den aus denselben Wurzeln gewachsenen Volksdichtungen der Märchen, Sagen und Legenden. Sie alle sind aufgrund ihrer mündlichen Überlieferung schließlich zum Allgemeingut geworden. Oft haben Sprichwörter eine lehrhafte Tendenz, manchmal dienen sie auch nur dem Scherz, dem Schimpf oder dem spielerischen Umgang mit der Sprache. Viele von ihnen findet man erstmalig in der Bibel, bei den klassischen Autoren der Antike und in mittelalterlichen Schriften. Aus diesen Werken »entlehnt«, wurden diese sogenannten »Lehnsprichwörter« dann oft abgewandelt und verfremdet.

Gesonderte Sammlungen von Wetterregeln gibt es nachweislich erst seit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Neben der Bibel waren Kalender die meistgedruckten Werke, und in ihnen wurde das bäuerliche Erfahrungswissen in gebundener Rede - also in Spruchform - festgehalten. Vor allem im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, begann man systematisch die Volksdichtung zu sammeln und auch wissenschaftlich zu systematisieren. Die Gebrüder Grimm sind dafür das bekannteste, aber nicht einzige Beispiel. Seitdem gab es immer wieder Veröffentlichungen, die regional begrenzt oder Sprachgrenzen überschreitend das Wetter in Sprichwort und Bauernregeln abhandelten.

Die meisten dieser Bücher sind nur noch in Bibliotheken zu finden und bilden das Quellenmaterial für wissenschaftliche Arbeiten und den Gegenstand volkskundlicher, literaturwissenschaftlicher und meteorologischer Einzelforschungen.

Diese umfangreiche Anthologie will dagegen nicht mehr und nicht weniger, als eine Zusammenstellung der schönsten und bekanntesten, aber auch schon vergessenen und doch bewahrenswerten Wetterregeln und Bauernweisheiten neu zugänglich machen. Als reich illustriertes Lesebuch bringt es das Erfahrungswissen unserer bäuerlichen Vorfahren in Erinnerung - geordnet nach Anlässen, Tagen, Monaten und Wetterzeichen in der Natur. Gewohnheiten und Brauchtum des bäuerlichen Lebens sind in unserer Welt fast ausgestorben und haben durch die nahezu ausschließlich industriell betriebene Landwirtschaft an Lebenshintergrund und Bedeutung verloren. Trotzdem spiegeln sich in den meisten Bauernregeln noch heute nachvollziehbare und oft auch gültige Erfahrungen, die aus jahrhundertelangen Beobachtungen gewonnen sind.

Gerade die im ersten Teil versammelten Bauernweisheiten dokumentieren, wie viel von den praktischen Tätigkeiten und Bräuchen des bäuerlichen Lebens beispielhaft in auch heute noch verständliche Lebensregeln und Ratschläge umgemünzt wurde. Die direkte, dem Leben auf und mit dem Lande entnommene Bildlichkeit macht die hohe Einprägsamkeit, den oft drastischen Humor und die damit verbundene Hintersinnigkeit dieser Sprichwörter aus.

Viele der im zweiten und dritten Teil nach Monaten und Jahreszeiten geordneten, kalendergebundenen Wetterregeln sind meteorologisch nicht exakt, oft nur regional begrenzt zutreffend. In ihnen aber allein Dokumente längst überholten Aberglaubens zu sehen, wertet ihre einstige Bedeutung für das praktische Arbeitsleben auf dem Lande ab. Gerade weil unsere Natur zunehmend zerstört und bedroht ist, können wir in ihnen einen Lebensrhythmus wiederentdecken oder auch nur erinnern, der einen schonenden und erhaltenden Anspruch im Umgang mit der Natur beweist.

Das Leben der bäuerlichen Menschen war neben der Arbeit von der Kirche und dem christlichen Glauben bestimmt. Wir wissen heute, daß sich viele kirchliche Festtage an noch ältere heidnische Bräuche und Riten anlehnen. Der Kalender selbst wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach geändert. Schon vor 6000 Jahren im alten Ägypten zählte man nach den Monden (Monaten) 360 Tage für ein Jahr, das im Juli mit der für Saat und Ernte lebenswichtigen Nilschwemme begann.

Zur Zeit Julius Cäsars wurde auf das Sonnenjahr umgestellt, das nach den Berechnungen der damaligen Astronomen genau 365 Tage und sechs Stunden dauerte. Als man feststellte, dass 11 Minuten je Jahr fehlten, waren bereits mehr als 1600 Jahre vergangen, weshalb Papst Gregor anordnete, 12 Tage auszulassen und den Tag nach dem 4. Oktober 1582 auf den 15. Oktober zu datieren. Die Verteilung der Tagesanzahl auf die Monate war willkürlich, so wie der Beginn des Jahres in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich war und teilweise noch ist. So erklären sich manche Verschiebungen aus den verschiedenen Kalendereinteilungen, und man kann die bisweilen abweichenden Lostagssprüche nur aus den weit auseinanderliegenden Entstehungszeiten und den regionalen Unterschieden erklären.

Für den deutschen Sprachraum und das christliche Abendland insgesamt waren die Maßnahmen prägend und von Dauer, die alten heidnischen Bräuchen »neue« christliche Bedeutungen und Feste überstülpten. Bekanntestes Beispiel ist die Datierung des Christfestes auf die Zeit kurz nach der Wintersonnenwende.

Den heutigen Monatsnamen sind zum besseren Verständnis die alten deutschen Monatsnamen beigefügt, wie sie bis zum Beginn dieses Jahrhunderts im bäuerlichen Leben noch gebräuchlich waren.

Hier soll es nicht darum gehen, den Gehalt der Sprichwörter zu werten und zu gewichten. Wenn eine meteorologische, literaturwissenschaftliche bzw. volkskundliche Einordnung und Erklärung überhaupt möglich oder sinnvoll ist, dann verlangte sie eine andere Darstellung. Auf einige entsprechende Veröffentlichungen zu Teilaspekten weist das Literaturverzeichnis hin. Die vorliegende Anthologie öffnet Sammlern und Liebhabern einen umfangreichen und mit mittelalterlichen Holzschnitten reich illustrierten Schatz von sonst nur verstreut veröffentlichten und meist nicht mehr greifbaren Bauernweisheiten und Wetterregeln zur vergnüglichen und anregenden Lektüre.

Der Herausgeber


 
   


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