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VORWORT



Das Alphabet, das der deutschen Sprache zugrunde liegt, besteht aus nicht mehr als rund dreißig Buchstaben, von A bis Z. Mit diesen lächerlich wenigen Buchstaben lassen sich all die Wörter bilden, die auf den rund tausend Seiten von Wahrigs "Wörterbuch der deutschen Sprache" aufgeführt werden, von Aal bis Zyste. Jeder darf sie benutzen, im Munde führen, mit ihnen Schindluder treiben oder Sätze bilden: Sie sind gemeinfrei und jedem zugänglich.

Aber nicht immer! Pickt sich nämlich einer aus diesem buchstäblichen Wortschatz ein paar Brocken heraus, ordnet er sie nach seinem Willen, schreibt er seinen Namen darüber und lässt sie drucken, dann gehören diese Wörter nicht mehr der Allgemeinheit, sondern ausschließlich ihm. Das Bürgerliche Gesetzbuch garantiert ihm auf diese einmalige Zusammenstellung ein Recht, das Urheberrecht. Wenn zum Beispiel der Dichter Ernst Jandl "Otto Mops kotzt" schreibt, dann darf für die Dauer des Urheberrechts kein anderer diese drei Worte in dieser Zusammenstellung benutzen, ohne Gefahr zu laufen, als Plagiator bezichtigt zu werden. Man darf schreiben: "Ottos Oma kokst" oder "Ottos Onkel kost", aber den Mops von Otto noch einmal kotzen zu lassen, das ist ebenso verboten wie wenn einer den Zauberberg noch einmal abschreibt und unter dem Titel "Das Sanatorium in den Alpen" unter eigenem Namen veröffentlicht - selbst wenn er versichert, jedes einzelne Wort in diesem Buch selbst gefunden zu haben. Sogar dieses bescheidene Vorwort hier genießt urheberrechtlichen Schutz, es gehört mir ganz allein. Menschen (beiderlei Geschlechts), die davon leben, immer wieder neue Satzfolgen sich auszudenken und zu veröffentlichen, nennt man Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Sie erzählen grosso modo immer wieder neue Varianten von ein paar sehr alten Geschichten (die ungleichen Brüder, der Vatermord, jede Menge Liebesgeschichten, meist mit schlimmem Ausgang), aber sie achten stets darauf, die Wörter aus Wahrigs "Wörterbuch" so zu verwenden, dass alle aus ihnen gebildeten Sätze wie "einmalig" aussehen. Nur dann, wenn das gelingt, können sie Verblüffung, Entzücken oder auch Scham und Einsicht hervorrufen. Das Ergebnis dieser sehr alten Anstrengung nennen wir Literatur.

Einer nicht unerheblichen Anzahl dieser Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist es gelungen, von dem Geld aus dem Verkauf der Zusammenstellung gemeinfreier Wörter ihr Leben zu bestreiten - ja, sogar eine Familie zu gründen, ein Auto zu kaufen oder ein Haus zu bauen. Aber darüber hinaus haben sie - was mit Geld nicht aufzuwiegen ist - Aufmerksamkeit und Anerkennung erworben, was nicht selten sogar zu einem Eintrag in den Brockhaus geführt hat. Auch Stipendien und Preise werden für diese kreative Arbeit vergeben; als höchste Auszeichnung gilt nach wie vor der Nobelpreis, dessen Preissumme dem Gegenwert einer Doppelhaushälfte in guter Lage entspricht.

Seit es so genannte freie Schriftsteller gibt, die vom Verkauf ihrer Fantasie in Buchform leben, also seit rund 250 Jahren, sind sie nur ein Teil einer beeindruckenden Maschinerie, die für die Verbreitung dieser Bücher sorgt. Bis ein Buch zum Leser findet, haben es unzählige andere Menschen in der Hand gehabt: Lektoren, Verleger und Banker, Setzer, Drucker und Buchbinder, Agenten, Werbefachleute und Auslieferer, Kritiker, Juroren und schließlich Buchhändler, die das kleine viereckige Buch für einen nach wie vor geringen Preis an den Leser weitergeben, der damit als Erster in dieser gewaltigen Kette machen kann was er will.

Für einen Außenstehenden, zumal für einen Schriftsteller, der vor sich nur ein weißes Blatt Papier hat und in der Hand einen Bleistift hält, mutet dieser Apparat, der an Kafkas Erfindungen erinnert, seltsam an. So viel Aufwand für ein kleines Buch! Wer sich dennoch nicht davon abhalten lässt, sein Manuskript in diese Verwertungskette einschleusen zu wollen, sollte sich also kundig machen, auf was er sich einlässt. Der Buchmarkt ist in seiner relativ kurzen Geschichte so unübersichtlich geworden, dass der Schriftsteller sich Rat holen sollte. Denn ganz unberaten könnte es ihm wie den Erzählern am Tresen gehen, die ihre Erlebnisse im Handumdrehen in wunderbare Geschichten verwandeln können, ohne jedoch ein Urheberrecht darauf zu genießen. Ihr Honorar besteht bestenfalls in flüssiger Nahrung. Sitzt aber neben ihnen am Tresen ein Literaturagent, der ein Tonband mitlaufen lässt, es abschreibt, einen Verlag dafür findet, der es in ein Buch verwandelt, das schließlich auch noch verfilmt wird, dann kann es passieren, dass aus dem mündlichen Erzähler ein Schriftsteller wird.

Aber bis dahin ist es ein langer Weg. Damit man von diesem nicht abkommt, wenn man den Ehrgeiz hat, der großen Erzählung, die die Menschen begleitet, eine weitere hinzuzufügen, ist es nützlich, sich einem Führer anzuvertrauen. Diesen Führer halten Sie in Ihren Händen.


Michael Krüger
Schriftsteller und Verleger






 
   


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