Vorwort
In den drei hier abgedruckten Arbeiten haben wir es mit einer besonders geglückten Symbiose von "reflektierter Praxis" und Theorieverarbeitung zu tun. Bei aller Verschiedenheit der Themen weisen die Arbeiten zwei Gemeinsamkeiten au Es geht 1. um Kinder und 2. um aus polizeilicher Sicht neue Ansätze, Perspektiven bzw. Möglichkeiten, die Lebenswelt der Kinder analytisch zu erfassen und konzeptionell damit umzugehen. Innovativ an den drei Arbeiten ist, dass sie für den polizeilichen Umgang mit auffälligen Kindern und Jugendlichen ein explizit pädagogisches Interventionsrepertoire analysieren und empfehlen (im Falle der norm- und hilfeverdeutlichenden Gespräche), dass sie abweichendes Verhalten aus der Interventionsperspektive her betrachten (Kinderdelinquenz), und dass sie schließlich Kindesmisshandlung in einer konstruktivistischen Perspektive bzw. hinsichtlich ihrer medialen Inszenierung beschreiben (Fall "Jessica").
Sandra Reschkes Beitrag zur Kinderdelinquenz hebt hervor, dass Kinder, die objektiv Straftatbestände erfüllen, aber nicht als "Kriminelle" gelten, weil sie noch nicht strafmündig sind, nicht nur Probleme machen, sondern vor allem auch Probleme haben. Darauf immer wieder hinzuweisen ist wichtig, weil dieser Blick in der Hektik der Tagesarbeit und unter dem Eindruck einer dramatisierenden Berichterstattung manchmal verloren geht. Kinder machen maximal 5% der Straftatverdächtigen aus mit einem hohen Anteil von Eigentumsdelikten (Ladendiebstahl). Es gibt auch Massierungen, auffallig viele Jungen sind darunter und 30% der registrierten Taten werden Kindern begangen, die bereits mehrmals registriert worden sind. Die Unterscheidung ist notwendig, um den Polemiken entgegenzutreten, denen oft auch Polizeibeamte ausgesetzt sind (Kinder werden immer schlimmer, immer brutaler, immer krimineller). Frau Reschke weist dagegen darauf hin, dass für die meisten Kinder das Begehen einer Straftat eine kurze Episode in ihrem Leben ist. Sie kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass man die traditionelle Distanz zwischen Jugendhilfe und Polizei aufgeben sollte und gemeinsame Konzepte (z.B. gegenseitige Information, Kriminalprävention) entwickeln sollte, um institutionell daran mitzuwirken, dass "kriminelle Karrieren" von Kindern die Ausnahme bleien.
Melanie Taubert überprüft Interventions- und Kommunikationsformen der konfrontativen Pädagogik hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf polizeiliches Interventionsrepertoire. Dabei beschäftigt sie sich mit den norm- und hilfeverdeutlichenden Gesprächen (schon das streng genommen eine quasi-pädagogische Maßnahme der Polizei). Ihr Fazit lautet, dass diese Gespräche davon profitieren können, dass in der konfrontativen Pädagogik eine Beziehungsdynamik genutzt wird, die eine Verhaltensänderung beim Klienten ermöglicht. Ähnliche Ziele vorfolgen die norm- und hilfeverdeutlichenden Gespräche, die die Polizei führt, auch. Zwar ist die Institution Polizei noch mit anderen Sanktionselementen ausgestattet, aber die "präventive Arbeit" der Polizei nutzt in erster Linie die persönliche Beziehung und die persönliche Autorität der Beamtinnen und Beamten. Frau Tauberts Arbeit kann durchaus genutzt werden, um die Hypothese der "pädagogischen Wende" der Polizei, zumindest im Jugendbereich, weiter empirisch zu begründen. Es wird nun darauf ankommen, dass die Praxis diese Ideen aufgreift und vor allem diese Konzepte nicht nur kopiert, sondern ihr Personal gründlich auf solche Methoden vorbereitet.
Die Arbeit von Iris Dechant setzt sich mit einem Phänomen auseinander, das man nicht neutral, objektiv oder sonst distanziert bearbeiten kann. Es geht um Kindesmisshandlung und um den Tod von Jessica aus Hamburg-Jenfeld im Jahr 2005, der bundesweites Entsetzen ausgelöst hat. Es ist das Verdienst der Arbeit, nicht bei diesem Entsetzen stehen geblieben zu sein, sondern das, was man nicht verstehen kann, zu diskursivieren und einer umfassenden Reflexion zu unterziehen. So wird aus der Arbeit ein sozialwissenschaftlich sehr inspirierter und inspirierender Text, der den Vergleich mit Arbeiten aus einschlägigen Studienfächern in keiner Beziehung scheuen muss. Insbesondere die intensive Erörterung der Rolle der Medien verdient Aufmerksamkeit, ebenso wie das Wagnis einer Diskursanalyse. Sicher ist der Tod von Kindern aus zerrütteten Familien keine mediale Konstruktion. Aber genauso wenig kann man beim Versuch, solche Vorgänge und deren Wirkung auf die Gesellschaft zu "begreifen", auf die Rolle der Medien und ihrer Macht zur "Konstruktion von Wirklichkeit" (Berger/Luckmann) verzichten.
Alle Arbeiten sind sehr gut gelungen und anschaulich geschrieben. Sie haben ein hohes Maß an Praxisrelevanz und sind gleichermaßen theoretisch gut durchdrungen. Ihnen gelingt mehr als nur ein Perspektivenwechsel: Die Arbeiten sind konkrete Beiträge zur Darstellung der Veränderungsdynamik der Polizei und zur Weiterentwicklung des Aufgabenspektrums und des Selbstbildes der Polizei.
Erfreulich ist, dass diese reflektierten Annäherungen zu schwierigen Themen aus der Mitte der Polizei heraus kommen und von Personen, die in vielfältiger Weise (und in vielen Rollen) mit dieser Thematik konfrontiert sind und sich konfrontieren lassen. Dabei ist auch zu bedenken dass eine Hochschule der Polizei den strukturellen Ort darstellt, an dem Reflexivität nicht nur geduldet, sondern gefördert wird. An den hier versammelten Schriften erkennt man deutlich, dass im Rahmen des Studiums nicht nur Lehrstoff vermittelt wird, sondern die Studierenden auch in die Lage versetzt werden, intensiv nachzudenken ohne sofort das Produkt des Denkens in Handeln übersetzen zu müssen. Die drei Verfasserinnen haben auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass sie dieses Angebot sehr sinnvoll für sich und zum Wohle der Polizei genutzt haben.
Hamburg, im Februar 2009
Prof. Dr. Rafael Behr