Einleitung
Wer sich heute mit Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) und der Entstehung der deutschen Turnbewegung beschäftigt, steht vor einem Berg von Mythen, Legenden und Widersprüchen. Der historische Turnvater erscheint in vielen Darstellungen verklärt. Vor allem frühe Beschreibungen seines Lebens (Pröhle, Gervinus, Euler, Eckardt) sind für moderne Historiker nahezu unbrauchbar. Bezeichnend, dass Jahn 1847 einen Brief mit den Worten unterschrieb: "Dies zur Erinnerung an einen, der bei Lebzeiten selbst ein Mann der Sage geworden."
Jede Epoche der deutschen Geschichte schuf ihr eigenes Bild des Turnvaters. Dies gilt - im wörtlichen Sinn - auch für die Dokumente, die in diesem Buch versammelt sind. Namensvetter Günther Jahn fasste das Dilemma 1992 zusammen: "Im Kaiserreich war sein volkstümliches Denken vielen suspekt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er wieder entdeckt, aber auch politisch instrumentalisiert. Der Nationalsozialismus hat seine Volkstumsidee rassisch verfälscht. In der DDR wurde er als Sozialrevolutionär gedeutet, während in der Bundesrepublik die Erinnerung an ihn nur dem Turnvater galt." Jahn wurde verehrt und verachtet, vergöttert und verteufelt. Bewunderer priesen ihn als "Romantiker der Tat" und "modernen Rebellen". Heinrich Heine sah in ihm dagegen einen "drolligen Bluthund" und "gefährlichen Franzosenfresser".
Die vielen Widersprüche in Jahns Biografie sollen hier jedoch nur angedeutet werden. Denn neben dem Wirken Friedrich Ludwig Jahns als Begründer der Turnbewegung stehen die deutschen Turnfeste im Mittelpunkt der Darstellung. Ihre Entwicklung ist eine spannende Zeitreise, die bis heute andauert (und 2009 in Frankfurt am Main fortgeschrieben werden wird). Wie das Jahnbild veränderte sich auch das Wesen der Turnbewegung und ihrer Feste. Sie spiegeln - seit dem ersten Deutschen Turnfest 1860 in Coburg - stets auch immer den Geist oder Ungeist ihrer Zeit wider.
Bei der Niederschrift erinnerte ich mich an eine Begegnung, die ich vor einigen Jahren als Sportreporter hatte. Im Sommer 2001 traf ich den Rentner Gerhard Hein, ehemaliger Berliner Turnmeister (1957) und viele Jahre die gute Seele der Jahn-Gedenkstätten in der Hasenheide. Damals musste der Berliner Turner-Bund aus Geldnot die historische Turnhalle schließen, die seither immer mehr verkommt. "Turnvater Hein" gab seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Gärtner, Fremdenführer und Müllsammler auf. Heute ist die Hasenheide in Neukölln ein berüchtigter Tummelplatz für Drogenhändler.
Mir scheint, die umständliche Geschichte der Turnbewegung und die seines Begründers genießen keinen guten Ruf. Und das, obwohl bis heute überall in Deutschland zahllose Straßen, Schulen und Turnhallen Jahns Namen tragen, es Museen, Bronzetafeln und Denkmäler gibt. Man scheut die Auseinandersetzung mit diesem Unbequemen. Jahns Schriften werden kaum gelesen, allein als sagenhafter Turnvater geistert er durch Deutschland. Seine Geschichte hat den sprichwörtlichen "langen Bart". Die Turnfeste dagegen sind eine echte Erfolgsgeschichte. Das friedliche Miteinander von hunderttausenden Turnern aus aller Welt ist bis heute dafür der beste Beweis. Gründe gibt es also genug, die Geschichte von Friedrich Ludwig Jahn und den deutschen Turnfesten zu erzählen.
Auf ausführliche Literaturhinweise und Anmerkungen wurde der Lesbarkeit zuliebe in diesem Buch verzichtet. Die Wissenschaft möge dies verzeihen. Empfohlen sei ohnehin das Studium der besten Quelle zum Thema: Jahns eigene Schriften, die heute nur antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich sind.
Wer Jahn liest, stößt auf ein widersprüchliches Werk - seltsam lavierend zwischen Menschenliebe und Menschenverachtung. Dennoch ist die Zahl von unerschütterlichen Jahn-Apologeten und Rettungsversuchen auch heute noch groß. Zum 200. Jahrestag der Einweihung des Turnplatzes in der Hasenheide 2011 sollte man dessen Protagonisten kritischer betrachten. Vielleicht kann diese kleine Darstellung in Bildern und Dokumenten dazu beitragen.
Zwei verdienten Turnerinnen möchte ich stellvertretend für viel Unterstützung danken, die ich aus unzähligen Vereinen, Verbänden, Archiven und Museen erfahren habe: Leni Gries (Jahrgang 1920), seit 1928 Mitglied der Turngemeinde in Berlin, der Jesse Owens 1936 bei einer Fahrradpanne an der Berliner Heerstraße behilflich war. Und meiner Großtante Ilse Dobbeck, seit dem 8. Mai 1934 Mitglied des Deutschen Turnvereins Charlottenburg, die mir viele schöne Turnergeschichten erzählte, bei duftendem Kaffee und Streuselkuchen.
Den jüngsten Deutschen Turnfesten folgten stets prachtvolle Bildbände des DTB, Jahns Wirken in der Hasenheide hat Gerd Steins vorbildlich dokumentiert. Für diese Arbeiten trifft des Turnvaters Warnung von 1846 gewiss nicht zu: "Hindert die Turnschmiererei der vielen unreifen Turnbücher!" In diesem Sinne nun ans Werk: frisch, frei, fröhlich und fromm!
Berlin, im Februar 2008 Oliver Ohmann