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Deutschlands nächste Jahre
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Vorwort

Jede Zukunftsforschung steckt in einem grundsätzlichen Dilemma. Denn Zukunft ist nicht vorhersehbar, weshalb man sie auch nicht gestalten kann. Und selbst wenn sie vorhersehbar wäre, könnten wir sie nicht gestalten. Wir würden sie ja schon kennen. Das wussten schon die alten Griechen. Deren Staatsmann Perikles sagte einmal: »Man kann die Zukunft nicht voraussagen, sondern nur auf sie vorbereitet sein.« Recht hatte er. Seit der Antike scheiterten alle Orakel auf ihre je klägliche Weise. Was sie voraussagten, ist meistens nicht eingetreten, und was eingetreten ist, haben sie oft nicht vorausgesagt. Seit Jahrtausenden stehen wir statt vor linearen Trends überrascht bis schockiert vor chaotischen, gebrochenen und sich aufschaukelnden Entwicklungen. Vor Zufällen, Brüchen und Friktionen.

Auch die jüngste Geschichte bestätigt diese Einschätzung. Die Beispiele Wiedervereinigung oder aktuelle Weltwirtschaftskrise haben ihre eigenen spontanen Gesetze. Die Propheten sind deshalb äußerst bescheiden geworden. Mittlerweile wagen selbst seriöse Forscher nur noch kurzfristige Vorhersagen mit einer Reichweite von drei bis fünf Jahren. Hinter dieser Zeitlinie beginnt das Reich der Nichtlinearität.

Das Problem ist nur: Die Menschen sind nach wie vor neugierig auf eine konsistente und planbare Zukunft.

Das vorliegende Buch will sich hüten, Zukunft vorauszusagen. Es ist übrigens genau deshalb entstanden. Die ursprüngliche Idee einer Zusammenkunft der wichtigsten Zukunftsforscher des Landes geht zurück auf Horst W. Opaschowski, Chef der Hamburger BAT Stiftung für Zukunftsfragen, sowie Max Schön, den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Weitere Mitstreiter waren schnell gefunden. Das Ziel war ein gemeinsamer Diskussionsprozess, auf den sich alle Experten einlassen, ohne zu wissen, wo man landet. Kurz gesagt: Alle Beteiligten denken ergebnisoffen darüber nach, welche Zukünfte gerade begonnen haben und für welche wir uns entscheiden können. Die Gegenwart sozusagen als Nährboden für bestimmte Entfaltungslinien in die Zukunft. Immer berücksichtigend, dass man sie zwar nicht voraussagen, aber über den Korridor, die grobe Richtung, über Werte und Ziele diskutieren kann.

Und weil die Regierungsspitze in diesem Land jenseits tagespolitischer Querelen darüber genauso gerne Bescheid wissen will wie Unternehmen, Institutionen und letztlich jeder Einzelne, ist sie mit auf diese Erkenntnisreise gegangen. Ich betone: als Mitreisender, ohne Kapitän sein zu wollen. Man lud also alle Beteiligten ins Bundeskanzleramt ein - verteilt auf drei ausführliche Expertenhearings und weitere, zum Teil ganztägige Workshops. Das Bundeskanzleramt verstand sich dabei als Katalysator dieses Prozesses. Man wollte dort gezielt Zukunftsforscher an einen Tisch bringen, damit diese ins Gespräch kommen und nicht wie üblicherweise als sich beäugende Wettbewerber auf Kongressen und Konferenzen aneinander vorbeireden. Dabei wurde schnell deutlich, dass ihre Methoden und Ergebnisse zwar sehr unterschiedlich sind, aber auch Ausgangspunkt fruchtbarer Verständigung sein können.

Der Nebeneffekt liegt ebenfalls auf der Hand: Die Kanzlerin wollte Denkanstöße von ganz unterschiedlichen Experten erhalten. Langfristige Perspektiven jenseits des Tagesgeschäfts. Sie unterstrich nicht umsonst bei einer dieser Gelegenheiten: »Wir müssen mehr über Ziele reden. Auf den Wegen dorthin finden sowieso die tagesüblichen Kämpfe und Scharmützel statt, die uns am Weitblick zu hindern versuchen.«

Über Ziele reden heißt aber auch, über die Zukunft, die man gerne hätte, zu sprechen. An dieser Stelle stoßen wir auf ein weiteres Problem jeder Zukunftsforschung. Der Mensch, und damit auch der Zukunftsforscher, neigt dazu, sich die Welt immer als eine Welt ohne Mangel und Makel vorzustellen. Zivilisation ist diesbezüglich nichts anderes als der Versuch, sich diesem Idealzustand zu nähern. Die Wege dorthin sind allerdings gepflastert mit Hindernissen. Wie man sie überwindet, darüber streiten die Gelehrten. Nehmen wir einen Öko-Apokalyptiker. Er wird, wenn er über die Zukunft spricht, zunächst schwermütig und mit erhobenem Zeigefinger über Klimakatastrophe, Umweltzerstörung und Vernichtung natürlicher Lebensgrundlagen reden. Sie zu überwinden ist für ihn die Voraussetzung, um am Horizont die Konturen einer sozialökologischen Weltgesellschaft zu zeichnen. Oder nehmen wir einen neoliberalen Kapitalisten. Er wird, wenn er über Zukunft spricht, zunächst mit Verachtung über Sozialismus, Gerechtigkeitsillusionen und Unfreiheit reden. Sie zu überwinden ist für ihn wiederum die Voraussetzung, um am Horizont das kapitalistische Weltenglück zu prophezeien.

Doch jede Ideologie scheitert am Ende mit ihrer Vision. Eine Welt ohne Mangel und Makel ist und bleibt eine Illusion. Deshalb reden wir in diesem Buch auch nicht über eine Welt, wie wir sie in 20 Jahren gerne hätten. Wir reden eher über die Frage: Was wäre, wenn? Verlassen wir uns also lieber auf den guten alten Perikles. Wie können wir uns auf die Zukunft oder mögliche Zukünfte vorbereiten? Die Antwort kann nur lauten: Indem wir im Humus der Gegenwart zu buddeln beginnen. Und jene Wurzeln, Samen und Keimzellen freilegen, über deren Entwicklungslinie und endgültige Ausprägung wir dann zu debattieren beginnen. Zukunftsforscher, Querdenker und Praktiker aus allen Teilen der Gesellschaft haben sich in den Hearings und Debatten den Fragen gewidmet: Was sprießt da eigentlich? Wie sehen die Blüten später aus? Werden sie den Menschen gefallen, oder verzweifeln sie daran, überhaupt noch welche vorzufinden?

Ausgangspunkt ist Deutschland im Jahre 2009. Ein Land, das in diesem Jahre 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Wiedervereinigung feiert. Ziel dieser Überlegungen ist die nächste Generation, die im Jahre 2030 an den Schalthebeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sitzen wird. Die möglichen Verbindungslinien dorthin interessieren uns hier in diesem Buch.

Als dessen Autor war ich unabhängiger Gast aller Hearings und Debatten. Schnell stand ich vor einer interessanten Herausforderung. Wie verbindet man die zahlreichen Statements und Wortmeldungen in den Hearings miteinander, und wie verbindet man die Szenarien der drei großen Forschungsinstitute mit diesen und den vielen weiteren Erörterungslagen in Wissenschaft und Publizistik? Diese Kontextualisierung war die eigentliche Aufgabe.

Ich habe mir, und anders ging es gar nicht, deshalb erlaubt, auszusortieren und auszuwählen. Was mir plausibel erschien, habe ich weiterverarbeitet. Deshalb ist dieses Buch kein Report im Sinne einer braven Abbildung der vielen Redebeiträge, sondern der Versuch, drei mögliche Zukunftslinien nach eigenem Ermessen zu verfolgen und sie mit den mir zur Verfügung stehenden und bevorzugten Standpunkten anzureichern. Sowohl direkt aus den Hearings als auch indirekt aus dem dahinter liegenden Zeitgespräch, in Beziehung gesetzt zu meinem persönlichen Interpretationsrahmen.

Konzeption

Die Idee des Buches liegt darin, dass wir sprichwörtlich einen »Rucksack« packen. Mit Dingen, die wir in die möglichen Zukünfte mitnehmen wollen. Alles dreht sich um die Kardinalträge: Was nehmen wir mit, und was lassen wir zurück, um eine mögliche Zukunft zu realisieren? Das Buch packt die dafür wegweisenden Ideen und Konzepte der Zukunftsforscher in einen Rucksack. Und der Leser begibt sich auf eine Erkenntnisreise. Doch welche Packstücke gehören in den Rucksack? Welche Werte und welche Leitbilder zu Wirtschaft, Arbeit und Bildung? Außerdem, nach welcher Art Wohlstand und Lebensqualität streben wir überhaupt? Hier soll die Essenz aller relevanten Erörterungslagen herausdestilliert und ein Überblick über die Konzepte der Zukunft gegeben werden. Kurz: Es ist eine unverwechselbare Reise zu Chancen und Möglichkeiten, aber auch zu drohenden Problemen und Niederlagen.

Das Buch ist in vier größere Teile gegliedert. Im ersten Kapitel geht es um die letzten Jahre seit der Jahrtausendwende. Wir lassen das noch junge 21. Jahrhundert Revue passieren. Nicht als Liste von Ereignissen, sondern als Abbildung jener Erkenntnisse, die uns in den letzten Jahren getrieben haben und die erkenntnisprägend für die drei weiter hinten im Buch aufgeworfenen Szenarien sind.

Im zweiten Kapitel steht das Szenario »Werte, Leitbilder und Lebensziele« von Sinus Sociovision im Mittelpunkt, einem Forschungsinstitut, das laut eigener Aussage spezialisiert ist »auf das Verstehen, Messen, Interpretieren und Vorhersagen von soziokulturellem Wandel«. Es geht um drei große Komplexe, die hier analysiert werden: Erstens Individualisierung, Freiheit, Glück. Zweitens Überforderung, Ungleichheit, Respekt. Und drittens Kompetenz in der neuen Medien- und Kommunikationswelt. Am Ende werden Glanz und Elend einer tatsächlich unausweichlich individualisierten Welt sichtbar. Die Entscheidung darüber, wohin es den Einzelnen verschlägt, ist offen.

Im dritten Kapitel rückt das Szenario »Wirtschaft, Arbeit, Bildung« der Prognos AG in den Mittelpunkt. Das Beratungsunternehmen berät »Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Mittels neutraler Analysen, fundierter Prognosen und kritischer Bewertungen helfen wir, mögliche Zukunftsoptionen zu erkennen und zu bewerten.« In den Fokus werden Möglichkeitsräume in der Wissensgesellschaft, im Bildungssystem und in der Arbeitswelt von morgen gerückt, und am Ende steht eine stabile soziale, aber stärker individualisierte Marktwirtschaft, die mit neuen Verwerfungen wie Arbeitskräftemangel und zu geringem Wirtschaftswachstum zu kämpfen hat.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema des Szenarios »Wohlstand und Lebensqualität«, welches die BAT Stiftung für Zukunftsfragen für die Expertengespräche vorbereitet hat. Die Stiftung fördert »die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen sowie die Entwicklung von Ansätzen zur nachhaltigen Lösung künftiger Gesellschaftsprobleme. Sie konzentriert sich hierbei insbesondere auf die Verbesserung der sozialen und kulturellen Lebensqualität.« Es geht also um Fragen und Einschätzungen, was die Menschen wollen und wie sie diese Annahmen bewerten. Am Ende steht eine aktive Bürgergesellschaft, in welcher die Menschen wieder stärker ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, aber mit materiellen Verlusten leben müssen.

Drei Szenarien: Individualisierte Gesellschaft. Stabile soziale Marktwirtschaft. Aktive Bürgergesellschaft. Der Leser kann alle drei Bergbesteigungen einzeln unternehmen. Was er dafür im Rucksack mitnehmen sollte, ist eine erste vorsichtige Empfehlung. Inwieweit man die Bergtour auch als kombinierten Aufstieg mit drei Gipfeln unternehmen kann, wird jedem Leser selbst überlassen. Denn wie sich die drei Szenarien miteinander verbinden lassen, wird erst die Zukunft, die ja nicht vorhersehbar ist, zeigen. Ungewissheit und Unscharfe bleiben. Das müssen Autor und Leser für den Moment aushalten. Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Vermutlich werden wir als Gesellschaft alle diese Dinge mitnehmen und brauchen. Darüber aber heute schon genauer Bescheid zu wissen ist das Rüstzeug für alle Expeditionen in die Zukunft. Wie gesagt: Vorbereitet sein, lautet die Devise.

Eines möchte ich an dieser Stelle noch festhalten: Die Komposition zwischen einzelnem Szenario und den dazugehörigen gesellschaftlichen Erörterungslagen ist nicht objektiv, sondern - und das ist mir bewusster denn je - aus meiner subjektiven Erkenntnisperspektive geschrieben. Im Übrigen möchte ich betonen, dass mich während des gesamten Prozesses von keiner Seite irgendjemand zu beeinflussen versuchte. Das Buch ist deshalb auf denkbar unabhängige Weise entstanden. Ich hoffe, dass es vielen Menschen von Nutzen sein wird. Möge der Prozess, dass sich Zukunftsforscher und Praktiker gemeinsam über die nächsten Jahre Deutschlands austauschen, fortgesetzt werden. Unabhängig, offen und kontrovers - wie es hier der Fall war.

Der Soziologe Armin Nassehi hat mir einmal gesagt: »Die moderne Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass ihre Prognosen nicht stimmen. Die Dinge entwickeln sich mittlerweile, wie sie wollen.« Darum muss man sich kümmern. Im Klartext: Wie funktioniert die heutige Gesellschaft? Eine moderne Gesellschaftstheorie fehlt. Dieses Buch ist deshalb auch der bescheidene Versuch und Aufruf, die Bausteine für eine solche kohärente Denkfigur zunächst zu beschreiben. Sie dann zu einem Theoriegebäude zusammenzufügen ist größeren Geistern als mir vorbehalten.

Zu Dank verpflichtet bin ich abschließend der Vodafone Stiftung Deutschland für ihre großzügige Unterstützung bei der Realisierung des Manuskripts. Ebenso dem Stab Politische Planung, Grundsatzfragen, Sonderaufgaben im Bundeskanzleramt, vor allem Jörg Hackeschmidt, für die Einladungen zu allen Hearings und Veranstaltungen, insbesondere zum Diskussionsabend mit Angela Merkel auf Schloss Meseberg. Zu guter Letzt dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft für die Ausrichtung des Kongresses »Deutschland - eine Generation weiter. Die Zukunft hat schon begonnen«, auf dem viele Erkenntnisse dieses Buches zur Sprache kamen. Und natürlich - last, but not least - dem Murmann Verlag für die Mitarbeit an der Konzeption dieses Buchprojektes und die kompetente Betreuung des Manuskripts.


 
   


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