Vorwort
Langeweile ist der Erbfeind der Schachliteratur. Ein gutes Schachbuch soll vor allem vom Anfang bis zum Ende interessant sein. Ich war deshalb bemüht, ein Eröffnungswerk zu schreiben, das man so leicht liest wie einen spannenden Kriminalroman. Inwieweit mir das gelungen ist, werden meine lieben Leserinnen und Leser selbst feststellen. Aus diesem Büchlein sind die trockenen Analysen verbannt. Es wird nur das Minimum an notwendigen Eröffnungskenntnissen dargeboten. Trotzdem werden die Schachfreunde unendlich viel Nützliches erlernen und dabei viel Freude daran finden.
Wir legen in die Hand des Lesers eine unterhaltsame und zugleich lehrreiche Partiensammlung. Ich habe die Musterpartien besonders sorgfältig ausgewählt und nur solche Spiele aufgenommen, die gut verständlich sind. Außer der Beherrschung der Spielregeln sind keine besonderen theoretischen Vorkenntnisse erforderlich.
"Jeder Schachspieler muss die Entwicklung des königlichen Spiels durchmachen ' (Hans Carl Opfermann). Deshalb sind in dieser kleinen Partiensammlung vor allem Spiele von Gioachino Greco, Giulio Cesare Polerio und anderen alten italienischen Meistern aufgenommen. Dann folgen mehrere Glanzleistungen von Paul Morphy, Adolph Anderssen, Wilhelm Steinitz und José Raoul Capablanca. Allerdings sind freilich auch moderne Partien der zeitgenössischen Großmeister eingestreut - aber nur solche, die leicht verständlich sind. Die einzelnen Eröffnungsvarianten sind mit vollendeten, bis zum Matt gespielten Partien illustriert. Denn solche Weisheiten wie "Weiß steht auf Gewinn" oder "Schwarz hat entscheidenden Vorteil" helfen dem ungeübten Spieler nicht, weil er einfach nicht weiß, wie es weitergehen soll. Die Anwendung von vollständigen Partien hat noch den großen Vorteil, dass das Büchlein nicht nur als Eröffnungswerk, sondern auch als ein unsystematisches Lehrbuch des Mittelspiels ausgewertet werden kann. Der Lernende begreift so die Methoden des erfolgreichen Angriffs und die Kunst der Verteidigung.
In dieses Buch sind nur wenige typische Varianten aufgenommen, mit knappen Hinweisen auf andere Spielweisen. Der Schachfreund soll vom ersten Zug an zum Nachdenken gezwungen sein und sich nicht auf sein Gedächtnis verlassen. Dann wird er ganz bestimmt besser abschneiden und vor allem mehr Freude am Spiel haben als mit den eingepaukten Eröffnungsvarianten.
Die Wichtigkeit des Variantengestrüpps ist übrigens turmhoch überschätzt. Sie können sehr stark spielen und sogar Weltmeister werden - ohne Kenntnis der einzelnen Varianten! Tatsache ist, dass die früheren Weltmeister Dr. Emanuel Lasker und José Raoul Capablanca die Eröffnungstheorie nie studiert haben.
Die ausführlichen Eröffnungsanalysen sind vielleicht für Meister und starke Turnierspieler geeignet, aber für fortgeschrittene Anfänger nur ein Gift, das mehr schadet als nützt. Überdies gibt es nichts Langweiligeres als das seelentötende Studium der endlosen Eröffnungsvarianten. Das Schach ist weder ein Sport noch ein Broterwerb, sondern nur ein geistreiches Spiel! Dieses Buch ist nicht für Meister bestimmt, sondern für jene Schachfreunde, die keine Meister werden wollen, die im königlichen Spiel nur Unterhaltung suchen und eine Gedächtnisakrobatik ablehnen. Ich möchte meine Schachschüler von überflüssigen geistigen Anstrengungen befreien. - Trotz dieser Auffassung werden alle aufmerksamen Leser ihre Spielstärke auf nicht ermüdende, spielerische Art in erheblichem Maße steigern können. Ich bitte Sie daher, nichts auswendig zu lernen! Es ist kein Unglück, wenn Sie ab und zu eine Partie verlieren. Übrigens können selbst die Weltmeister nicht jede Partie gewinnen!
Die Eröffnungen sind solch ein undurchsichtiger Dschungel von Tausenden und abermals Tausenden Varianten und Abspielen, dass darüber bereits im neunzehnten Jahrhundert dicke "Wälzer" geschrieben wurden. Es ist überhaupt unmöglich, in einem kleinen Büchlein alle Eröffnungen zu besprechen. Ich werde also nur die sog. Königsbauerspiele - also die Eröffnungen mit 1. é2-é4, é7-é5 - behandeln. Die Königsbauerspiele sind der Schlüssel zu den anderen, schwierigeren Eröffnungssystemen. Ohne gründliche Kenntnis der Königsbauerspiele können Sie die modernen Spielweisen überhaupt nicht begreifen und keine schachlichen Fortschritte machen.
Ich bitte den geneigten Leser, jede Partie zweimal nachzuspielen: vorerst nur die fett gedruckten Textzüge - ohne die Bemerkungen zu beachten -, beim zweiten Mal dieselbe Partie mit den Anmerkungen.
Dr. Ing. László Orbán