Vorwort
Oh du fröhliche...
Die Malerin Paula Modersohn-Becker hat uns genau darüber ins Bild gesetzt, was ihr Weihnachten bedeutet hat: "Ich wärme mich an diesem Stück Christentum und nehme es entgegen wie ein Märlein..."
Und in der Tat könnte man meinen, dass ein Hauch von Märchen über der Advents- und Weihnachtszeit liegt. Ist es nicht fast ein märchenhaftes Erlebnis, Tag für Tag eine Kalendertüre zu öffnen, um ihr Süßigkeiten zu entnehmen? Wo gibt es schön geschmückte Tannenbäume, strahlenden Kerzenglanz, Knusperhäuschen aus süßen Fladen und Lebkuchen, garniert mit Zuckerguss und Marzipan, Nüsse und anderes Naschwerk außer im Märchen? Dazu kommen die erwartungsvolle Freude der Kinder und deren Glücksgefühl, das sich im späteren Leben kaum mehr wiederholen lässt.
Und noch ein Weiteres: Ist es nicht geradezu eine märchenhafte Erfolgsstory, dass etwa der beliebteste Festbaum schlechthin, der Christbaum, heute ein Teil der europäischen wie der nordamerikanischen Kulturgeschichte geworden ist? Ähnliches ist dem Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" oder der "Weihnachtsoper" "Hansel und Gretel" widerfahren.
Das vorliegende Buch "Weihnachten hierzuland" ist kein bebildertes Weihnachtsbuch im eigentlichen Sinn: Denn obschon viel von (vor-)weihnachtlichen Bräuchen und ihren kulturgeschichtlichen Hintergründen, von Weihnachtsgebäcken und Spezialitäten die Rede sein wird, habe ich illustrierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Bereitung feiner Weihnachtsplätzchen sowie Basteltipps und Weihnachtsgeschichten meist außer Acht gelassen. Dazu ließe sich mühelos eine umfangreiche, heute kaum noch überschaubare Literatur finden. Der Reiz dieses Lesebuchs liegt vielmehr darin, dass in ihm möglichst anschaulich und beispielhaft kulturgeschichtliche Betrachtungen zu wichtigen - keineswegs allen - Symbolen des weihnachtlichen Festkreises angestellt, ihre Hintergründe, Voraussetzungen und Werdegänge beleuchtet und erklärt werden. Denn weil uns all die Elemente rund um Weihnachten so selbstverständlich erscheinen, ist wohl kaum jemandem wirklich mehr bewusst, wie lange es die einzelnen Bräuche und Traditionen tatsächlich schon gibt und wie sie entstanden sind. Umso wichtiger ist es vielleicht, aufzudecken und zu er-spüren, was wir eigentlich feiern. Natürlich kann dabei nicht immer die Weihnacht in Baden-Württemberg im Mittelpunkt stehen. Aber zahlreiche Beispiele belegen doch, dass manch ein Symbol und mancher Brauch hierzuland eine wichtige Rolle gespielt haben.
Wie also kam es zur Entstehung des Adventskranzes und des Weihnachtsbaums als den Inbegriffen vorweihnachtlicher Festtagsfreude? Und wie steht es um die Vorstellung, dass Adventskranz und Weihnachtsbaum nicht anderes als "uralt" sein können? Warum versuchte die Kirche - wenn auch vergeblich -, das Aufkommen des Weihnachtsbaums als "heidnischen Brauch" zu verhindern? Mit welchen Entwicklungen und historischen Geschehnissen sind weihnachtliche Bräuche und kulinarische Spezialitäten verknüpft? Und vor allem: Welche besonderen weihnachtlichen Erscheinungen stammen aus der eigenen Region, welche Beiträge zur Advents- und Weihnachtstradition kommen aus Baden-Württemberg? Da gibt es so manche Überraschung. Zum Beispiel wissen nur die wenigsten, dass eine der typischsten Erscheinungen der Vorweihnachtszeit, der gedruckte Adventskalender, letztlich in Baden-Württemberg entstanden ist.
Natürlich geht es bei all diesen Fragen darum, Vergangenes zu verstehen, Wissen zu vervollständigen oder eigentlich Bekanntes wieder zu beleben. Entscheidend erscheint mir jedoch, dass dieses Wissen keinen akademischen Selbstzweck erfüllen soll. Was uns - auch im Umgang mit dem weihnachtlichen Festkreis - oftmals fehlt, ist zum einen das Bewusstsein, dass viele vertraute Dinge eine faszinierende Vergangenheit und eine tiefere historische Bedeutung besitzen. Zum anderen aber ist uns auch das Staunen über manche verblüffende Tatsache abhanden gekommen, die uns die Zusammenhänge besser verstehen und so erst die Advents- und Weihnachtsfeste zu einem unverwechselbaren Erlebnis werden lassen. Erst aus diesem Staunen und Wissen erwächst eine echte Freude. Denn schließlich ergibt sich aus eben dieser Vielfalt kultureller Einflüsse, die die Tradition des Festes geformt haben, das, was uns persönlich heute Weihnachten ist.
In diesem Sinne sei mein Wunsch "Frohe Weihnachten" ganz wörtlich zu nehmen.
Viele Verbände, Archive, Museen und Privatpersonen haben durch ihr Engagement, ihre Anregungen und ihr Spezialwissen zum Gelingen dieses Buches beigetragen. Ihnen allen habe ich sehr zu danken. Stellvertretend genannt seien Herr Peter Riolini in Esslingen, der Verlag J. F. Schreiber GmbH in Esslingen, das Deutsche Weihnachtsmuseum in Rothenburg ob der Tauber, Herr Professor Dr. Ulrich Konrad von der Universität Würzburg, Herr Vikar Tobias Merz sowie Schwester Ulrika von der Gemeinde Heilig Kreuz in Bad Säckingen, Herr Wolfgang Ott M. A. vom Weißenhorner Heimatmuseum sowie all die (Land-)Frauen, die mir so manches weihnachtliche Familienrezept anvertraut haben. Nicht zu vergessen die geduldigen Kinder - namentlich Felix und Rafael Forstmeyer, Jonas, Felix und Tobias Krauß sowie Haluk Necetin -, die verschiedentlich für Fotoaufnahmen zur Verfügung standen und statt mit Eis bei mir mit Zimtsternen, Stollen und Anisplätzle vorlieb nehmen mussten. Ein Danke auch an Frau Martina Forstmeyer, die in buchstäblich letzter Minute mit viel Gespür für die Sache beim Korrekturlesen geholfen hat.
Besonders verbunden fühle ich mich Frau Annette Hillringhaus M. A. vom Museum der Brotkultur in Ulm sowie Herrn Dr. Andrea Fadani, dem Vorstand der Vater und Sohn Eiselen-Stiftung Ulm, für deren große Hilfsbereitschaft und kollegiale Unterstützung ich wie immer sehr zu danken habe.
Mein ganz spezieller Dank gilt - dies sei zum Schluss noch ausdrücklich ergänzt - meinem Mann, der viele Fotoaufnahmen für mich durchführte, und meinen drei Kindern, ohne deren erwartungsvolle Vorfreude und Begeisterungsfähigkeit dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können.
Irene Krauß