Vorwort
Katzen faszinieren mich seit meiner Kindheit. Den ersten Kaiserschnitt als Tierarzt habe ich in der Praxis eines Freundes bei einer Perserkatze gemacht. Einen der Welpen habe ich später per Zufall in Wolfsburg als Patienten bis an sein Lebensende betreuen dürfen.
Wir Tierärztinnen und Tierärzte lernen nur selten, kooperativ und sanft mit unseren Patienten umzugehen. Wir lernen primär Zwangsmaßnahmen - leider. Mir wurde während des Studiums noch beigebracht, dass ein Tierarzt für die Behandlung einer Katze zwei Hilfspersonen zum Fixieren braucht. Diese Hilfspersonen sind mit dicken Lederhandschuhen auszurüsten. Eine andere Alternative war der so genannte »Expandergriff«, bei dem eine Katze am Nackenfell und beiden Hinterpfoten ergriffen und langgezogen wird. Ebenso wurden Zwangskäfige und andere Geräte ersonnen. Dieser Umgang mit den Tieren hat mich nie befriedigt, aber erst Rosemarie Schär aus der Schweiz hat mir andere Zugänge und Perspektiven für den Umgang mit den Patienten gewiesen und mich noch mehr für das Wesen unserer Katzen begeistert. Diese veränderte Sichtweise und der sanfte Umgang mit den Katzen wird durch die ständig wachsende Zahl von Katzenpatienten in meiner Kleintierpraxis belohnt - mittlerweile machen Katzen über 60 % meiner Patienten aus.
Vor einigen Jahren stellte der BPT einen ganzen Kongress unter das Motto »Die Katze ist kein kleiner Hund« - die Wirklichkeit ist in vielen Tierarztpraxen und bei der Pharmazeutischen Industrie von dieser Erkenntnis leider immer noch weit entfernt.
Wenn wir ein Tier zu uns ins Haus holen, es von uns Menschen abhängig machen, sollten wir seine Bedürfnisse beachten und für sein uneingeschränktes Wohlergehen sorgen. Leider landen noch immer viele Katzen, die als niedliche Welpen in ein neues Zuhause kommen, im Tierheim. Als häufigster Grund wird Unsauberkeit angegeben. Ursachen für diese Unsauberkeit sind immer falsche Haltungsbedingungen und die mangelhaft über die Bedürfnisse ihrer Stubentiger informierten Besitzer. Futter satt reicht nicht, zwei bis drei Stunden Beschäftigung dürfen es schon sein. Genügend Platz, Verstecke, adäquate Katzentoiletten und Zuwendung sind neben der ständigen Beschäftigung unerlässlich. Wer sich ein Jagdtier ins Haus holt, muss ihm entsprechende Lebensmöglichkeiten bieten oder sollte ein Stoff-Tier halten!
Ich habe versucht, die Anregungen der Leserinnen und Leser der »Verhaltenstherapie des Hundes« in diesem Buch zu berücksichtigen. Auf Organkrankheiten, die Verhaltensänderungen verursachen, wurde in den einzelnen Kapiteln nur kurz eingegangen, da bisher nur wenige wissenschaftlich belegte Arbeiten bei der Katze darüber bekannt sind. Es sollte aber Handwerkszeug jeder Tierärztin und jedes Tierarztes sein, die Patienten vor einer Verhaltenstherapie auf eventuell vorliegende klinische Veränderungen der Organe zu untersuchen. Die Fallbeispiele sind nicht als Anekdoten gedacht, sondern um »das Skelett der allgemeinen Problemdarstellung mit Muskeln und Sehnen zu verschönern« und gleichzeitig die Probleme und Sichtweisen der Tierbesitzer darzustellen. Durch die Gliederung der Kapitel nach Leitsymptomen und Diagnosen wurde auf eine erneute Darstellung der Diagnose im Text verzichtet. Aufgrund der schwierigen Diagnosestellung und der Einbeziehung oder Abgrenzung von Organerkrankungen sollten meiner Meinung nach nur Tierärztinnen und Tierärzte eine Verhaltenstherapie durchführen. In Wochenendkursen, Fernstudien an klangvollen Fantasie-Fern-Universitäten oder als selbst ernannter »Tierpsychologe, Verhaltensberater und Wesensheiler« kann dies nicht erlernt oder ernsthaft bewältigt werden. Wohlan, wir Tierärztinnen und Tierärzte brauchen die Konkurrenz nicht zu scheuen und sollten auch in der Verhaltenstherapie den Mut haben, bei vernünftiger Arbeit die Gebührenordnung anzuwenden.
Bedanken möchte ich mich bei
meinen schnurrenden Lehrmeistern für ihre Geduld.
Rosemarie Schär für ihre ansteckende Empathie in allen felinen Fragen.
meiner Tochter für die geduldige Korrektur und die Beratung bei der Abfassung dieses Buches sowie vieler Artikel und Vorträge.
zahlreichen Kolleginnen und Kollegen. Die Gespräche mit ihnen, bei Treffen aus unterschiedlichsten Anlässen, haben mein Wissen und meine Ansichten in einigen Dingen verändert und beeinflusst.
- allen Referenten meiner Seminare, die mir immer wieder Anregungen gegeben haben. Ein Grund für mich, immer wieder Nicht-Tierärzte einzuladen, ist, unsere eingefahrenen Wege zu verlassen, andere Sichtweisen kennen zu lernen, zu übernehmen und nicht nur im »eigenen Saft zu schmoren«.
Es wäre schön, wenn dieses Buch und alle darin zusammengetragenen Gedanken die Sichtweise und den Umgang mit Katzen verändern könnte - bei Tierärzten, Tierbesitzern und anderen Menschen. Vielleicht werden Katzen uns dann auch mit anderen Augen sehen!
Wolfsburg, im Sommer 2003 Wolf-Dieter Schmidt