Vorwort
Moderne hebräische Literatur hat auf dem deutschen Buchmarkt längst einen etablierten Platz. Mitunter finden sich Titel aus der hebräischen Literatur sogar ganz oben in den Bestsellerlisten. Amos Oz' Eine Geschichte von Liebe und Finsternis und Zeruya Shalevs Liebesleben sind hierfür Beispiele aus jüngster Zeit. Auch Autoren wie Abraham B. Jehoschua, Yoram Kaniuk und David Grossman sind mit ihren Werken im deutschsprachigen Raum einem größeren Leserkreis bekannt geworden und haben - nicht zuletzt mit Kommentaren zur Lage im Nahen Osten - immer wieder einer breiteren Öffentlichkeit ungewohnte Perspektiven auf die politischen Ereignisse eröffnet. Eher unpolitisch (und vielleicht auch deswegen so außerordentlich erfolgreich) sind die meisten Bücher von Ephraim Kishon, die - auch wenn sie in mancherlei Hinsicht eine Sonderstellung einnehmen - sogar zu den meistverkauften im deutschsprachigen Raum zählen. Solche Erfolge sowie die Tatsache, dass hebräische Titel mittlerweile in ungewöhnlich großer Zahl in deutscher Übersetzung vorliegen, verweisen durchaus auf besondere Rezeptionsbedingungen, die im abschließenden Beitrag dieses Bandes skizziert sind.
Obwohl es im deutschsprachigen Raum also nicht an Interesse für die Literatur aus Israel zu fehlen scheint, ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der modernen hebräischen Literatur sowohl an deutschen Universitäten als auch in Veröffentlichungen eher eine Ausnahme geblieben. Leser und Studenten, die mehr über die Entstehung, Kontexte und Themen der hebräischen Literatur erfahren wollten, blieben lange Zeit auf wenige, mitunter schwer zugängliche Aufsätze angewiesen. Erst seit 1996 liegt Gershon Shakeds Geschichte der modernen hebräischen Literatur in deutscher Sprache vor. Dieses wichtige Referenzwerk ist als chronologisch gehaltene, weitgehend an einzelnen Prosaautoren orientierte Einführung konzipiert. Lyrik, Drama und Prosaliteratur nach 1980 sind in der deutschen Ausgabe von Shakeds Darstellung nicht berücksichtigt worden. Der vorliegende Band soll helfen, diese Lücke zu schließen.
Zudem wird hier der Versuch unternommen, durch die Bündelung zentraler thematischer Komplexe Wege abseits der chronologisch-autorenorientierten Perspektive zu beschreiten. Dies gilt insbesondere für die Aufsätze zur Figur des Arabers (Ehud Ben Ezer), zum Topos der Opferung (Ruth Kartun-Blum) und zur Darstellung der Jeckes (Anat Feinberg). Mit geschichtlich bedingten und literarisch tradierten Erwartungshaltungen und Rollenbildern sowie deren Erosion - nicht zuletzt durch den Beitrag der Literatur - befasst sich der Aufsatz über die Werke hebräischer Schriftstellerinnen (Lily Rattok). Dem schwierigen Umgang mit der Shoah in der hebräischen Literatur widmet sich Efraim Sicher, während Nissim Calderon den Blick auf die israelische Emigrantenkultur richtet. Für einen bis in die Gegenwart reichenden Überblick über Tendenzen und Entwicklungen in der hebräischen Prosa konnte Gershon Shaked gewonnen werden. Einige grundsätzliche Ausführungen zur Entstehung und Geschichte der hebräischen Literatur sind dem Band vorangestellt, ein Glossar sowie Kurzbiografien der wichtigsten Autoren beschließen ihn. Wie die Auswahl der Beiträger bereits vermuten lässt, bietet dieses Buch nicht nur einen Einblick in eine interessante literarische Tradition, sondern stellt auch die spezifisch israelische Literaturwissenschaft vor.
Das vorliegende Handbuch möchte dazu anregen, die Geschichte der hebräischen Literatur nicht nur als eine Facette, sondern vielmehr als einen Spiegel der Geschichte des vorstaatlichen und des modernen Israel zu betrachten. "Diese Nation wurde aus Büchern geboren", meint Amos Oz, der 2005 den Goethe-Preis erhielt, und umreißt pointiert eine außergewöhnliche historische Konstellation: Kaum je ist das Werden eines Staates so unmittelbar von Literatur geprägt worden, wobei wiederum der Zionismus, die Shoah, die Staatsgründung wie auch die aktuelle politische Situation Israels Schriftsteller immer wieder zur Stellungnahme in ihrem literarischen Schaffen herausgefordert haben. Hebräische Autoren - von der Gründergeneration (Bialik, Brenner, Agnon) über die so genannte "Generation im Land" (S. Yishar) bis hin zu den international bekannten Erfolgsautoren der Gegenwart - schärfen nicht zuletzt als engagierte, gar offensive Chronisten den Blick auf die israelische Gesellschaft. Der vorliegende Band ist daher nicht nur an ein akademisches Publikum gerichtet, sondern soll vielmehr auch Einführung, Nachschlagewerk und Orientierung für Leser sein, die die Literatur Israels in ihrer Vielfalt erstmals oder näher kennen lernen möchten.
Ohne die Hilfsbereitschaft von Kollegen und Freunden wäre dieses Buchprojekt kaum zu realisieren gewesen. Mein Dank geht insbesondere an Ute Bohmeier (Köln), Dr. Sylvelyn Hähner (Stuttgart), Dr. Karin Lorenz-Lindemann (Saarbrücken), Dr. Matthias Morgenstern (Tübingen), Vera Oberbarnscheidt (Bad Soden) und Klaus Rürup (Karlsruhe), die mir geduldig mit Rat und Tat zur Seite standen. Ein spezieller Dank geht an das Institute for the Translation of Hebrew Literature in Tel Aviv, namentlich an dessen Leiterin Nilli Cohen, an die Cheflektorin Haya Hoffmann sowie die Bibliothekarin Mary Ogen für ihre Hilfe und bereitwillige Unterstützung. Gedankt sei ferner Eva Koralnik (Zürich) sowie den Buchhändlern und Buchhändlerinnen, die mir Auskünfte über ihre Erfahrungen mit der Rezeption hebräischer Literatur gaben. Ein besonderes Dankeschön gebührt den Übersetzern Christina Mulolli (Heidelberg) und H. Jochen Bußmann (Berlin). Zu danken habe ich nicht zuletzt dem Verlag edition text + kritik, insbesondere Melanie Heusel und Renate Oesterhelt (München), für die mit großer Sorgfalt durchgeführte redaktionelle Arbeit. Schließlich möchte ich mich bei meinem Mann und bei meinem Sohn für ihre Geduld, Hilfe und immer wieder auch humorvolle Aufmunterung bedanken.
| Stuttgart, im Mai 2005 | Anat Feinberg |