Einleitung
Märchen! Wozu? Können wir auf Märchen verzichten? Märchen geraten in unserer Zeit immer mehr in die Bedeutungslosigkeit. Einzelne Märchenfiguren sind noch sprichwörtlich bekannt, aber ihre wahre Bedeutung und die seelische Botschaft, die sie uns zuraunen wollen, wird überhört, missachtet, verkannt. Es sind ja >nur< Märchen.
Kinder werden überhäuft mit lustigen bunten Büchlein und Hörspielkassetten. Märchen sind selten dabei und wenn, dann sind sie fragwürdig inszeniert oder gar verballhornt. Es sind ja >nur< Märchen.
Selbst Erzieher und Pädagogen haben den Blick verloren für den hohen Stellenwert, den Märchen in der Reifung der kindlichen Seele einnehmen, und für das Heilungspotenzial für die unvermeidlichen Erschütterungen auf dem Weg der Reifung.
So verschwinden die Märchen Generation um Generation aus unserer Kultur bzw. dem, was davon verblieben ist. Märchen sind ein Teil davon. Märchen vermitteln ein Wissen, dass nicht in Schulbüchern steht, aber für das Seelenleben so wichtig ist. Immer mehr Kinder aber kommen mit Märchen nicht mehr in Berührung. Dürfen wir unseren Kindern Märchen vorenthalten? Können wir wirklich auf Märchen verzichten?
Aber natürlich können wir! Wir können schließlich auf vieles verzichten und tun das ja auch im Namen des Fortschritts. Aber auf gesunde Nahrung können wir doch wohl nicht verzichten. Wieso? Die überwiegende Mehrheit der modernen, zivilisierten Menschen tut das heute ganz >fortschrittlich< längst - auch wenn es ihnen vielleicht nicht bewusst ist, weil sie nicht wirklich darüber nachdenken, wenn sie die Folien und Pappschachteln aufreißen und in der Mikrowelle aufheizen.
Auch weniger gesundes Essen macht schließlich satt. Und die biologischen Folgen sind so, so schleichend, zeigen sich meist erst nach Jahren und Jahrzehnten. Und dann werden sie oft nicht erkannt, weil die Mehrheit betroffen ist und es deshalb als >normal< betrachtet wird.
Im gleichen Sinne können wir natürlich auch auf Märchen verzichten, unseren Kindern Märchen vorenthalten und sie mit >Fertignahrung< abfüttern. Auch die seelischen Mangelerscheinungen werden nicht gleich sichtbar. Und später beim Erwachsenen muss man mit tiefenpsychologischem Aufwand graben, um das verängstigt schluchzende Innere Kind aus dem Betonblock herauszumeißeln, in den es zwecks Ruhigstellung gegossen wurde: ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Wem zum Nutzen?
Märchen haben die Energie, diesen Block zu zersetzen. Werden sie deshalb heute gemieden?
Märchen helfen
Auf der biologischen Ebene ist es nicht möglich, auch nur einen Entwicklungsschritt auszulassen. Deswegen durchläuft der Fötus alle Stadien der organischen Genese vom Einzeller über die Amphibien bis zum Homo sapiens. Kommt es dabei zu Störungen, sind Missbildungen die Folge. Auf der seelischen Ebene ist das nicht anders, nur dass die >Missbildungen< nicht so augenscheinlich sind.
In der Entwicklung des Bewusstseins der Menschheit hat es eine Zeit gegeben, wo die Trennung von Subjekt und Objekt, von Ich und Nicht-Ich, noch nicht vollzogen war. Diese Zeit bezeichnen wir als archaisch. Der archaische Mensch steht auf der Schwelle dieser Bewusst werdung: Ich. Schmerzhaft ist dieser Schritt, denn er bedeutet ein Herausfallen aus der natur-mütterlichen Geborgenheit, er bedeutet Verantwortung. Und er bedeutet die unerträgliche Entsagung, nach der Entdeckung des Egos und der eitlen Freude daran, fortzuschreiten zum Alter ego und zum All-Ego.
Jedes Kind muss in seiner seelischen Entwicklung über diese Schwelle gehen. Die wunderbare Symbiose mit der Mutter zerbricht, zerplatzt wie eine Fruchtblase. Plötzlich sind Püppchen keine Kinder mehr, sondern ausgestopfte Stoffsäckchen; aus Bauklötzen entstehen keine Burgen und Hochhäuser mehr, sondern nur noch Holzhaufen. Dort eine widerstrebende, feindliche Welt - Ich hier, so klein. Genau an dieser Schwelle siedeln die Märchen, raunen Richtung und Rat.
Märchen machen Mut, hinaus zu gehen in diese in Scherben zerfallene Welt und die verlorene Einheit des Selbst wiederherzustellen (die goldene Kugel wiederzufinden), das heißt seelisch wachsen: nach diesem schweren Gang beide Sphären zu beherrschen, die Einheit und die Zweiheit (Dualität). Wie viele Erwachsene kennen Sie, die mit der Kindheit die Einheit nicht für immer verloren haben und nicht in der ewigen Spaltung, der Polarisierung der Objektwelt >ver steinert< sind - die kurz gesagt in ihren Herzen Kinder geblieben sind.
Märchen leuchten auf diesem geheimnisvollen Weg zwischen den Welten. Darin liegt ihre hellende Kraft. Märchen machen Mut, weil sie die Wirklichkeit hinter den Realitäten ahnen lassen, zeigen - und weil sie die gewöhnlichen zwischenmenschlichen Konflikte, die wir alle kennen und von denen wir viele an eigener Seele durchleiden, als Kind durchlitten haben, nicht nur symbolisch inszenieren, sondern auch archetypische Lösungswege aufzeigen.
Dass das so ist, lässt sich auf einem Märchenseminar leicht vermitteln. Selbst Menschen, die bislang nicht oder kaum mit Märchen in Berührung gekommen sind, werden von den starken Bildsymbolen tief in ihrem Innersten berührt und ihr Inneres Kind bricht sein Schwelgen, erzählt von seinen Verletzungen und Enttäuschungen, seinen Hoffnungen, atmet tief durch.
Die Begegnung mit dem Inneren Kind setzt einen Innerseelischen Prozess in Gang, der unterhalb der Bewusstseinsschwelle abläuft und immer nur so viel in unser waches Erleben abgibt, wie ausreichend vorverarbeitet ist. So kann die stille Auseinandersetzung mit einem Märchen eine ganze Welle benötigen. Immer wieder tauchen assoziierte Erinnerungen auf oder es werden spontan seelische Einsichten gewonnen, erfolgen stillschweigende Aussöhnungen oder verstrickten Personen gegenüber diskrete Verhaltensänderungen, die ihrerseits hellende Reaktionen auslösen können.
Dieser Heilungsprozess muss nicht absichtlich stimuliert oder sonst wie intellektuell begleitet oder verfolgt werden. Er wird allein durch die Begegnung mit dem Märchen initiiert und getragen. Man kann ihn aber unterstützen, indem man sich bildhaft, symbolisch, meditativ, kreativ und so weiter mit dem Märchen beschäftigt.
Anders als bei dialogorientierter Therapie ist es auch nicht nötig, diese Vorgänge sprachlich zu analysieren oder über Assoziationsketten tiefer und tiefer ins Unbewusste hineinzuschürfen. Märchentherapie, wenn man den Begriff überhaupt verwenden will, beruht weitgehend auf den Selbstheilungskräften der Seele. Wir begeben uns furchtlos in den Zauberwald, um dort unser Inneres Kind zu treffen. Von ihm erfahren wir in der symbolischen Sprache der Bilder, was es erlebt hat und wie es dadurch geprägt wurde. Allein unsere inzwischen hinzugekommene erwachsene Perspektive genügt oft schon, um die Erlösung einzuleiten. Das Märchen selbst trägt dazu bei, weil es moralisch und gerecht ist (das Böse wird drastisch1 bestraft) und vor allem: es geht immer gut aus.
Solche direkte Erfahrung der seelischen Kraft der Märchen ist das beste, weil an eigener Seele erlebte Argument, warum Märchen für Kinder so wertvolle Entwicklungshelfer sind.
Erwachsene, die Ja längst in der Trennung von Subjekt und Objekt leben, müssen sich die Bildsprache der Märchen rational erarbeiten, um sie zurückzugewinnen. Zum Glück ist dieser Prozess genussvoller, als es klingt. Es macht einfach Spaß, in diese Welt einzutauchen, wo nicht nur alles beseelt ist, Tiere, Pflanzen, Steine, Naturkräfte, sondern Jeder das auch akzeptiert.
Kinder kennen diese Bildersprache. Sie sprechen sie. Sie verstehen Märchen direkt, weil sie nur die Bilder selbst erleben und nicht die Emotionsketten und Ängste dahinter zelebrieren, die im erwachsenen Hirn an Jedem dieser Bilder wie Parasiten hängen. Wenn wir lernen, die Bilder wie Kinder zu erleben, nur das sehen, was zu sehen ist, und nicht hinzutun, an was es uns erinnert, welche Ängste es in uns auslöst, und statt dessen das, was tatsächlich zu sehen ist, in aller Tiefe erleben, dann lernen wir auch, uns von den Parasiten zu befreien, die sich mit ihren geistigen Widerhaken und Saugrüsseln an unserer Seele festgekrallt haben. Wenn dem Jungen in »Von dem Machandelboom«2 der Kopf abgetrennt wird, dann >sehen< Kinder nur den Rumpf hier und den abgetrennten Kopf da; Erwachsene dagegen >sehen< das Blutgespritze, die ganze Schweinerei, das Durcheinander. Das Märchen meint mit diesem Bild aber gar keine physische Enthauptung.
Märchengeschichte
Früher wurden Märchen durch Erzählen, Weiter und Weitererzählen verbreitet. Das ist ein langsames, aber sehr lebendiges Medium, weil nichts festgeschrieben ist und Jeder Erzähler zum Mitgestalter wird, denn er reagiert auf seine Zuhörer, verändert den Text hier und da und wird i mmer genau so erzählen, wie es am besten ankommt, also am besten die Bedürfnisse und Erwartungen des Publikums trifft. Deshalb bleiben erzählte Geschichten lebendig.
Mit der Verbreitung des Buchdrucks und damit der Verfügbarkeit preiswerter Bücher erstarb die Erzählkultur. Im 19. Jahrhundert, als es nur noch wenige Menschen gab, die Märchen zu erzählen wussten, machten sich Literaten und Literaturwissenschaftler auf, dieses Volksgut zu sammeln, niederzuschreiben und damit zu konservieren.
Die bekanntesten, weil erfolgreichsten Märchensammler hierzulande sind die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die sich durch ihre Arbeit so unlösbar mit den Märchen verbunden haben, dass Grimmsche Märchen« heute ein Synonym für unsere Volksmärchen ist, obwohl die Grimmschen Märchen durch die kreative Feder Wilhelm Grimms oft mehr geprägt sind als durch Volkes Stimme.
Die erste Ausgabe der »Kinder und Hausmärchen« (KHM) erschien in zwei Bänden 1812 und 1814. Sie enthält rund 200 Texte. Die letzte, von Wilhelm Grimm bearbeitete Ausgabe erschien 1857 Danach sind die Märchen von Generationen nachfolgender Literaturwfssenschaftler nur noch emsig katalogisiert und bewahrt. Märchenerzähler werden oft heute noch, 150 Jahre später, gedrillt, die Märchen grimmsch bis aufs Wort zu reproduzieren.
Fraglos wären uns die Märchen längst verloren, hätte es Märchensammler wie die Grimm Brüder nicht gegeben. Allerdings wurden die Märchen mit dem Niederschreiben auch festgeschrieben. Und mit dem Aussterben der Märchenerzähler erstarb auch die Entwicklung der Volksmärchen, weil neue Eindrücke unserer Kultur und Veränderungen der Sprache nicht mehr wiedererzählend in die Märchen einbezogen wurden. Bis heute, zwei Jahrhunderte nach Grimm, lesen wir die Märchen noch in der Sprache, die damals gesprochen wurde, und in diesen Texten kommen Begriffe vor, die heute nur noch, wenn überhaupt, Germanisten und Kulturhistoriker verstehen.
Was zum Beispiel ist ein »verbuttetes« Aschenputtel? Was meinen die Kinder, wenn sie die Köchin eine »alte Sanne« nennen? Was ist eine »Lohhucke«, ein »Malter«, ein »steinerner Christoph«, »Grind«, »Hunkepuus«? Was sind »Sternblumen«, »Haulemännerchen« oder »welsche Nüsse« und was bedeutet es, Garn zu »schlittern«, Haare zu »schnatzen« oder zu »strählen«?
Manche Experten vertreten die Meinung, die besondere (altertümliche) Sprache gehöre zum Märchenerlebnis dazu. Ja, ist das so? Dann ist das aber erst neuerdings so, denn ehedem wurden die Märchen in Umgangssprache erzählt. Und ehrlich, welchen Unterschied bedeutet es Ihnen und mir, ob von Sneewittchen oder Schnee witchen erzählt wird? Die Märchen vorlesende Mutter ist aber verlegen, wenn Söhnchen fragt, was denn ein »Hüfthorn« sei. Wissen Sie es?
Märchen sind wahrlich kein Kinderkram, werden aber all zu gerne so behandelt. »Erzähl mir doch bloß keine Märchen!« Warum denn nicht? Kinder, aber selbst Erwachsene, die aus irgendeinem Grund mit Märchen in Berührung kommen, ein Märchen unverfälscht und uninszeniert erzählt bekommen, sind in der Regel fasziniert und tief berührt. Was ist das Faszinierende an und in den Märchen? Was berührt uns da tief drinnen, wo wir so selten wirklich sind?
Vieles, was ursprünglich das Leben bereichert hat, geht im Laufe der Zeit verloren. Wenn wir entdecken, dass es wertvoll ist, müssen wir es neu erwerben. Einsicht und Verständnis helfen uns dabei, mehr noch aber die direkte Erfahrung des Wertes: Märchen können die Seele hellen.
Ich glaube, Märchen sind so ein verlorener Wert, den wir wiedererwerben sollten. Märchen sind Balsam für die Seele. Märchen fördern die seelische Entwicklung von Kindern und dem Erwachsenen bieten sie Gelegenheit, seinem Inneren Kind (wieder) zu begegnen und sich mit ihm auszusöhnen.
Selbstheilung
Warum erzählen sich Menschen Geschichten? Um sich zu unterhalten und sich von ihren Erfahrungen zu berichten. Das ist heute nicht anders als vor zweihundert oder dreitausend Jahren. Und gute Geschichten werden weitererzählt, ausgesponnen, verändert und immer weiter und weitererzählt. So kristallisiert sich im Lauf der Zeit die Geschichte heraus, die den Nerv der Zuhörer besonders gut trifft.
Mit den Volksmärchen haben wir einen ganzen Kanon solcher Geschichten. Viele dienten und dienen der bloßen Erbauung, einige sind auch nur Sammelgut, das sich eher zufällig im Köcher verfangen hat. Doch der Kern dieses Kanons, die >großen< Märchen sind psycho-pädagogisch und tiefenwirksam, erfüllen beim Zuhörer ein Bedürfnis jenseits des Bewusstseins oder weihen ihn symbolisch in unausgesprochene Zusammenhänge, in Lebensgeheimnisse ein.
Grob lassen sich diese Kernmärchen in drei Gruppen gliedern. Die erste kann mit »Symbiose« übertitelt werden. Ihr Grundmuster ist, dass die natürliche Ordnung bedroht oder beschädigt wird oder ist und im Verlauf des Märchens durch das (meist jüngste) Kind, den Protagonisten des Märchens, wiederhergestellt wird. Märchen dieser Gruppe sind für die jüngsten Kinder, die noch in psycho-emotionaler Symbiose mit der Mutter leben, von vitaler Bedeutung. Das Märchen bestätigt die Tragfähigkeit der Symbiose mit der Mutter als Vertreterin der großen Mutter Natur.
Diese Bestätigung gibt dem Kind Sicherheit und Zutrauen. Ein typisches Märchen dieser Kategorie ist »Der Wolf und die sieben Jungen Geißlein« (KHM 5), aber auch »Die Bienenkönigin« (KHM 62).
Die zweite Gruppe kann unter dem Stichwort »Autonomie« subsummiert werden. Diese Märchen sprechen schon etwas ältere Kinder an, die sich i m Prozess der Lösung von der Mutter, den Eltern befinden. Der Märchenheld, also in der Regel das Kind, der Däumling oder Dummling, muss in die Welt hinausziehen, um sein Glück zu suchen. Dieser Schritt in die Autonomie wird vom Kind durchaus als bedrohlich empfunden. Die liebevolle Mutter, die doch bislang für alles gesorgt hat, wird unvermittelt zur Hexe, die eigene Ziele verfolgt, das Kind fortschickt und gar bedroht. Der eindringlichste Vertreter dieser Kategorie ist »Hänsel und Gretel« (KHM 15).
Es hilft Kindern in ihrer Entwicklung und macht i hnen Mut, beispielhaft im Märchen zu erleben, wie dieser schmerzhafte Schritt in die Autonomie bewältigt werden kann, dass es eine Lösung gibt und dass am Ende alles gut herauskommt. Wenn Kinder das Märchen hören, sind sie vielleicht tief betroffen und äußern auch Ängste zum Beispiel gegenüber der Hexe, doch es ist nicht das Märchen, das ihnen Angst macht, sondern ihre Lebenssituation, die im Märchen gespiegelt ist. Modellhaft und symbolisch können sie am Märchen durchleben und -leiden, was im richtigen Leben unvermeidbar, unausweichlich und (auf der seelischen Ebene) ganz real ist.
Doch Märchen schildern den Schritt in die Autonomie nicht nur als gefährlich. Ein positiver Ausblick auf die weite Welt macht Kinder neugierig und macht ihnen Mut. Solche Märchen schildern quasi die Entschädigung für den Schmerz der Autonomie. »Daumesdick« (KHM 37) zum Beispiel unternimmt einen (erfolgreichen) Ausflug in die Welt und behauptet sich seiner mangelnden Größe zum Trotz, ist am Ende aber noch froh, zurück in den Schoß der Familie (Symbiose) zu finden. Dieses Märchen wäre also zwischen den beiden Kategorien einzuordnen.
Die dritte Gruppe steht im Zeichen der »Einweihung« und ist besonders für Kinder geeignet, die dabei sind, den Märchen zu entwachsen. Hier werden die verschiedenen Probleme und Konflikte des familiären und zwischenmenschlichen Zusammenlebens thematisiert und Lösungswege für all die Verwicklungen aufgezeigt, die sich dem Kind auf seinem Weg ins Leben entgegenstellen können.
Unsere menschlichen Lebensbedingungen haben sich über die Jahrhunderte hinweg geändert und ändern sich ständig, doch die zwischenmenschlichen Probleme sind immer noch die gleichen wie vor Jahrtausenden. Deshalb sind die Märchen inhaltlich bis heute aktuell. In Ihnen sind so ziemlich alle Konflikte dargestellt, denen sich ein heranwachsendes Kind in der familiären Gesellschaft vorgestern wie heute und übermorgen gegenübersieht: Es ist oder fühlt sich unerwünscht oder wird sogar verstoßen, es ist aus einem Seitensprung (oder auf unnatürliche Weise entstanden), wächst bei Stiefeltern (oder in einer Patchwork-Familie) oder bei Fremden auf. Es erfüllt nicht die Erwartungen der Eltern, Ist nicht >normal< fühlt sich zurückgesetzt (Dummling), wird oder fühlt sich schlecht behandelt. Die Mutter sieht in der Tochter eine Rivalin. Der Vater sieht im Sohn eine Bedrohung. Bruder und Schwester sind verstrickt. Der Vater missbraucht die Tochter. Der junge Mann muss seine Tierhaut abstreifen und/oder die scheintote Junge Frau in ihrem Glassarg wach küssen.
Diese Liste ließe sich fortsetzen. Und zu jedem Punkt dieser Liste kann mindestens ein Märchen genannt werden. Um nur ein Beispiel für den Missbrauch zu nennen, der ein so >modernes< Problem zu sein scheint: »Das Mädchen ohne Hände« (KHM 31).
Bei einem weiteren Aspekt ist die Kategori sierung »Einweihung« noch treffender und tiefer gehend. Die sexuelle Reifung und die Hinwendung zum anderen Geschlecht müssen bewältigt werden. Die Rolle als Frau beziehungsweise Mann muss gefunden und ausgefüllt werden. Hier sind die Märchen besonders für Mädchen in unserer männlich geprägten Welt eine wertvolle Orientierungshilfe, um die wahre Weiblichkeit zu entdecken, doch auch Jungen bekommen wertvolle Impulse und Hinweise für ihr Frauenbild. Ein typisches Beispiel hierfür ist »Dornröschen« (KHM 50). Das klassische Märchen der männlichen Einweihung ist »Der Elsenhans« (KHM 136).
Die kindliche Entwicklung ist dramatisch, und Märchen sprechen diese dramatische Sprache.
Der Handlungsverlauf ist immer geradlinig, die Charaktere ebenso eindeutig. Die Bilder sind so markant, dass wir sie heute wohl gerne als drastisch bezeichnen, aber die Symbolik ist vielschichtig deutbar. Dadurch fügt sich das Märchen bei der seelischen Arbeit weitgehend den subjektiven Bedürfnissen.
Ein Kind erlebt viele Situationen, die traumatisch sind oder sich Jedenfalls tief in sein Bewusstsein einbrennen. Mit der Zeit wird das aktuelle Ereignis zwar >vergessen<, sinkt also in das Unbe wusstsein ein, doch der Ein-Druck besteht fort und wirkt sich, wenn auch unbemerkt, seelisch weiter aus. So entstehen unbewusste Prägungen, die bis ins Erwachsenenalter fortwirken. Im Märchen heißt das Verwünschung, Psychologen sprechen zum Beispiel vom Skript.
Wer als Kind Märchen gehört hat, wird sich an Märchen erinnern, die ihn besonders beeindruckt haben. Doch auch wenn in der Kindheit keine Märchen gehört wurden, wird sich ein Märchen finden, was den versunkenen oder verdrängten Konflikt treffend behandelt, das Skript beschreibt. Das ist der Ansatz der Märchentherapie.
Wenn wir uns als Erwachsene in ein Märchen hineinbegeben, also das Märchen auf uns wirken lassen und seine verschiedenen Aspekte aufblättern, ohne sie zu zerpflücken oder durch Deutung zu entleeren, dann erwacht in uns das Märchenreich wieder zum Leben, das heißt, wir bewegen uns auf der Ebene bildhafter Kommunikation, der symbolischen Sprache der Seele, die dem Traum so sehr verwandt ist.
Auf dieser Ebene können Erinnerungen an kindliche Erlebnisse auftauchen, alte Wunden aufbrechen, Zusammenhänge aufblitzen. Die eingekapselte und im Unbewussten versenkte Energie wird dabei freigesetzt und sucht sich ihre Bahn nach draußen. Im Märchen heißt dieser Vorgang Erlösung.
Fremdenführer durch den Zauberwald
Um als Erwachsener seelische Stärkung aus Märchen zu erfahren, muss man zunächst bereit sein, Märchen ernst zu nehmen, sie nicht schnell abzutun. Unsere Märchen enthalten die kollektiven Erfahrungen unserer nordeuropäischen Kultur, sind das spirituelle, naturweise Erbe, aus dem wir schöpfen können, in dem wir wurzeln.
Wenn wir bereit sind, dem Märchen zu begegnen, müssen wir uns öffnen, was heißt, die Bilderwelt des Märchens (der Seele) in uns zum Sprechen zu bringen. Diese Sprache ist uns vertraut wie eine Muttersprache, die wir aber zu lange in fremdem Land verlernt, vergessen haben. Natürlich kann man die >Vokabeln< dieser Sprache erneut lernen, 2 doch das genügt nicht, denn diese Sprache ist dem Herzen näher als dem Verstand und durch bloßes Auswendiglernen erschließt sie sich nicht. Es braucht Übung, Gewöhnung, Einfühlung.
Die dreizehn Bände dieser kleinen Reihe sind Fremdenführer durch den Zauberwald. Sie vermitteln wie ein Dolmetscher zwischen der Sprache der Märchen und unserer Alltagssprache. Jede Übersetzung ist zu einem gewissen Grad auch Interpretation, doch der gute Übersetzer deutet nur, wo wörtliche Übersetzung nicht möglich ist. Er deutet nichts hinein.
Der Reisegast sammelt seine eigenen Eindrücke auf der Führung und wie er mit dem fremden Land in Berührung kommt, wird es ihm immer vertrauter. Sprachbrocken erschließen sich. Hier und da greift er zum Reiseführer oder Wörterbuch. Und schon bald wird er sich frei genug fühlen, auf eigene Faust tiefer ins fremde, ins mehr und mehr vertraute Holz vorzudringen.
In der Tiefe des Zauberwalds sind wir mit uns und unseren Eindrücken dann allein. Hier können wir uns wirklich und ungestört selbst erfahren. Wir können nach unserem Lebensmärchen forschen, wir können mit unserem Inneren Kind sprechen, wir können kreativ mit dem Mär chenstoff umgehen und uns einen Zaubermantel daraus schneidern.
Schlüsselmärchen
Eine in der Märchentherapie weit verbreitete Methode ist, sich i n die Kindheit zurückzuversetzen. Weil das ein mentaler Prozess ist, hat die Beschreibung in einem Buch da nur begrenzte Möglichkeiten.
Zunächst ist es wichtig, äußerlich und innerlich zur Ruhe zu finden, also die Augen zu schließen, den Atem zu beobachten, tief und entspannt zu atmen. Eine Führung von außen ist dabei sehr sinnvoll. Es gibt verschiedene Methoden der Rückführung, aber schließlich ist man aufgefordert, sich in ein vorschulisches Alter von 4, 5, 6 Jahren zurückzuversetzen und zu schauen, welche Erinnerungen spontan auftauchen und schließlich an eine Geschichte, an ein Märchen zu denken. Meist taucht sofort die Erinnerung an ein Märchen auf, das in der Kindheit eine Schlüsselrolle gespielt hat.
Wenn Sie Ihr Schlüsselmärchen gefunden haben, holen Sie es Stück für Stück in die Erinnerung zurück. Lesen Sie es nicht gleich in einem Buch nach, sondern erinnern Sie sich. Wenn Sie genau sein wollen, notieren Sie auch, an was Sie sich in welcher Reihenfolge erinnern.
Wenn Sie meinen, das Märchen in seinen Grundzügen wieder vor sich zu haben, dann formulieren Sie einen einzigen Satz, der das wesentliche Motiv des Märchens erfasst. Diesen Satz sollten Sie auf jeden Fall aufschreiben und den Zettel gut verwahren.
Es ist dann gut, die Begegnung mit dem Schlüsselmärchen zunächst zu beenden. Vermutlich werden Sie in den folgenden Tagen noch mehr Erinnerungen haben, zum Beispiel die Situation, in der Ihnen das Märchen erzählt oder vorgelesen wurde oder Sie es selbst gelesen haben. Vielleicht auch, dass Sie als Kind etwas geschenkt bekommen haben, was mit dem Märchen in Beziehung stand, dass Sie es im Kindergarten oder in der Schule aufgeführt oder eine Aufführung des Märchens besucht haben.
Vielleicht werden Ihnen aber auch ganz spontan Zusammenhänge klar. Sie erkennen Muster aus dem Märchen, die Sie in Ihrer Kindheit geprägt haben oder es auch heute noch tun. Sie sehen vielleicht auch Personen vor sich, die für Sie die gleiche Funktion haben, wie Figuren in Ihrem Märchen. Vielleicht träumen Sie auch etwas, das mit dem Märchen oder Ihrer Kindheit in Zusammenhang steht. Die möglichen Reaktionen Ihres Inneren Kindes können hier nur exemplarisch angerissen werden.
Lassen Sie sich genügend Zeit, auf Ihr Schlüsselmärchen zu reagieren. Wenn Sie mögen, können Sie auch den Prozess des Erinnerns weiter vertiefen. Oder Sie erinnern sich an ein zweites Märchen, das auch sehr wichtig für Sie war, und Sie leiten damit den gleichen Prozess ein.
Erst, wenn Sie das Gefühl haben, dass die wesentlichen Reaktionen möglich waren und eine gewisse Ruhe eintritt, sollten Sie sich den Text des Märchens besorgen. Es ist gut möglich, dass Sie sich Jetzt sogar wieder an das Aussehen Ihres Märchenbuchs und an bestimmte Illustrationen darin erinnern. Wenn Sie Ihr altes Märchenbuch noch besitzen, werden Sie darüber glücklich sein. Vielleicht können Sie sich auch eine entsprechende Ausgabe oder eine ähnliche besorgen.
Wenn Sie dann Ihr Schlüsselmärchen im Originaltext lesen, werden Sie vermutlich überrascht sein. Jetzt können Sie tiefer in die Entdeckung Ihres Märchens eindringen, indem Sie Ihre Erinnerung mit dem tatsächlichen Text vergleichen.
Natürlich ist interessant, was Sie in welcher Reihenfolge erinnert haben, denn was zuerst kam, war Ihnen (als Kind oder jetzt) besonders wichtig, Interessant ist natürlich auch, was und was nicht Sie erinnert haben. Und es ist noch viel interessanter, was Sie erinnert haben, obwohl es im Original gar nicht oder so nicht vorkommt.
Der Vergleich Ihrer Erinnerung und des Originaltextes bietet viele Anhaltspunkte für eine tiefer gehende Begegnung. Besonders dort, wo es verschiedene Versionen gibt, hat Ihr Inneres Kind Ihnen viel zu erzählen.
Und schließlich gibt es dann noch den einen Satz, den Sie auf einen Zettel geschrieben haben. Dieser eine Satz beschreibt ein Leitmotiv, vermutlich auch ein Leidmotiv.
Wenn Sie "Der Eisenhans" auf diese Weise erfahren wollen, dann müssen Sie dieses Büchlein Jetzt zunächst aus der Hand legen, denn es folgt der Märchentext. Am Ende des Buchs werden weitere Formen der Begegnung vorgestellt.
| 1 | Gerade die drastischen Strafen geben oft Anlass zu der Kritik, Märchen seien grausam. Tatsächlich sind Märchen überhaupt nicht grausam, ganz anders als viele Comics oder Filme, die Kinder statt dessen zu sehen bekommen. Grausam sind im Märchen immer nur die Bösen und die Strafen, die sie bekommen - und das ist uns seelisches Bedürfnis. Erwachsene bedeuten die Sprache der Seele oft falsch. Eine Ehefrau mag sagen: »Wenn er schnarcht, könnte ich ihn umbringen.« Und die Vorstel lung verschafft Ihr seelische Erleichterung, wie ein Jeder nachvollziehen kann, doch es wird Immer beim »könnte« bleiben, denn sie denkt Ja >Im Traum« nicht daran, es wirklich zu tun. |
| 2 | KHM 47; ins Hochdeutsche übertragen und gedeutet In Bonin, Felix von (Hrsg.): Schamanismus und Märchen. Ahlerstedt (Param) 2003 |
| 3 | Bonin, Felix von: Kleines Handlexikon zur Märchen-Symbolik. Stuttgart ( Kreuz) 2001. |