Einführung
Im Jahre 1910 erschien der Roman "Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke; in ihm wird zum ersten Mal in so unüberhörbarer Weise die existentielle Bedrohung des modernen Menschen dichterisch dargestellt. Mit seinem Erscheinen wird die literarische Epoche der Neuzeit eingeleitet. Er galt als Symptom der großen Kunstrevolution, wie sie sich ähnlich in den Formen der abstrakten Malerei und in den Klängen atonaler Musik widerspiegelt. Eine neue Art zu sehen, sich plötzlich außerhalb aller gewohnten raum zeitlichen Beziehungsordnungen zu finden, kennzeichnet diese Erfahrungen, von denen es in Rilkes Roman heißt: "Ja, er wusste, dass er sich jetzt von allem entfernte: nicht nur von den Menschen. Ein Augenblick noch, und alles wird seinen Sinn verloren haben, und dieser Tisch und die Tasse und der Stuhl, an den er sich klammert, alles Tägliche und Nächste wird unverständlich geworden sein,. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem andern bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen."
Analog zu dieser Konfession des modernen Menschen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts steht die Aussage eines anderen Dichters, der in seiner Epoche nur wenigen Freunden bekannt war und dessen weltweite Wirkung erst einer späteren Zeit vorbehalten war: Franz Kafkas. In seinem Frühwerk "Beschreibung eines Kampfes" finden sich Sätze, die, andersartig in ihrer dichterischen Diktion, in ihrer inhaltlichen Aussage jedoch das gleiche Phänomen zum Ausdruck bringen: "Was soll dann mit mir geschehen, soll ich dann aus der Welt herausgeworfen werden?. Ist es nicht dieses Fieber, diese Seekrankheit auf festem Land, eine Art Aussatz?... Ich hoffe von ihnen zu erfahren, wie es sich mit den Dingen verhält, die um mich wie ein Schneefall versinken, während vor anderen schon ein kleines Schnapsglas auf dem Tisch fest wie ein Denkmal steht."
In den Äußerungen beider Dichter wird deutlich, dass es sich hier um eine völlig neue Wirklichkeitserfahrung handelt, dass Menschen, Dinge, Farben und Formen die vertrauten Beziehungen zueinander verloren haben und dass man sich bei der Beschäftigung mit diesen dichterischen Visionen auf etwas einlässt, was die gewohnte Logik sprengt. "Kafkas Dichtung" so formuliert Emrich, "durchbricht nicht nur die Täuschung eines jahrhundertealten europäischen Subjektivismus, als sei das Subjekt fähig, sich selbst in objektloser Innerlichkeit psychisch zu begreifen, sondern entlarvt auch die Täuschung eines jahrhundertealten objektivierenden Geistes Europas, als sei das Denken in subjektloser Reinheit imstande, die Welt in eine allgemeine Gesetzmäßigkeit über zu führen, restlos zu durchschauen und zu beherrschen, als sei der reine Begriff die reine Wirklichkeit selbst."'1
| 1) | Wilhelm Emrich, Die Literaturrevolution und die moderne Gesellschaft, Akzente, Ztschr. f. Dichtung hrsg. v. M. Höllerer u. Hans Beder, 3. Jg. 1956, S. 183 f. | |