VORWORT
Heinrich Mann gehört zu den Autoren, die in ihren Werken eine kritische Einstellung zu ihrer Zeit und im besonderen zur Gesellschaft in ihrer Zeit eingenommen haben. Wie wir von ihm selber wissen, war es seine Absicht, die Zeit der Jahrhundertwende kritisch zu kommentieren und der Wilhelminischen Epoche den Spiegel vorzuhalten. Wieweit es sich in der Sache um einen "Spiegel" oder um einen "Zerrspiegel" handelt, soll im Verlauf der Untersuchung beleuchtet werden. Zunächst geht es hier lediglich darum, festzuhalten, daß vom Autor selbst der über-ästhetische Gesichtspunkt vordergründlich gesehen und der Primat von Zeit- und Gesellschaftskritik - zumindest in einer mittleren und späteren Lebensphase - vor ästhetischer Wertung festgelegt wird, wie eine briefliche Notiz vom 3. April 1922 ausweist: "Durchweg sind meine Romane soziologisch." Das bezieht sich natürlich in besonderem Maße auf den Roman "Der Untertan", der als ein Beispiel politisch-soziologischer Satire gilt, wie sie in der deutschen Literatur kaum ihresgleichen hat. Dennoch gibt es auch eine Aussage Heinrich Manns über dieses Werk, die eine solche Feststellung zu sprengen scheint: "Als Verfasser eines romanhaften Leitartikels möchte ich nicht fortleben."1)
So sehr sich also Heinrich Mann zu diesem Zeitpunkt in erster Linie als politischer Schriftsteller verstanden hat, so ist dennoch der Aspekt der ästhetischen Betrachtung und Beurteilung nicht auszuklammern. In beiden Bereichen wird sich demnach der Weg unserer Untersuchung bewegen, nach beiden Gesichtspunkten werden wir das vorliegende Werk ins Auge fassen und uns zugleich mit den Urteilen auseinandersetzen, die diesen in unserer Gegenwart aus begreiflichen Gründen höchst interessant gewordenen Gegenstand betreffen. -
Wir haben der Analyse des "Untertans", der als ein Beispiel zeitkritischer Satire das eigentliche Thema des vorliegenden Bandes ist, eine Untersuchung der Kurznovelle "Abdankung" vorangestellt, da in diesem Miniatur-Prosawerk, gerafft und konzentriert, das Hauptmotiv des Untertan-Romans, die Studie der Macht, in exemplarischer Weise gestaltet ist. Beide Werke werden nicht nur als historische Quellenobjekte nach dem "Was" ihrer gedanklichen Aussage und nach ihrer Polemik befragt. - es wird zugleich untersucht, inwiefern Gattung und Stil durch sie geprägt werden, welcher erzählerischer Mittel sich der Autor bedient, welchen Platz dieses Werk in der zeitgenössischen Romanliteratur einnimmt. Daß Rezeptionsprobleme und Fragen der Wirkungsgeschichte mit berücksichtigt werden, ist bei der besonderen Beschaffenheit der Romane Heinrich Manns von der Sache her gegeben und notwendig. -
| 1) | Heinrich Mann, zit. bei Klaus Schröter, Zu Heinrich Manns "Untertan", In: Texte Metzler 17, S. 38 | |