Vorwort
Bei jedem neuen Vorhaben ist man bemüht, dieses möglichst besser und genauer zu planen. Wenn ein "Projekt" stimmt, dann entwickelt sich die Sache normalerweise erfolgreich. Ehe Großmeister Artur Jussupow und ich die von uns geplanten Schule für begabte junge Schachspieler gründeten, besprachen wir detailliert Richtung und Prinzipien ihrer Tätigkeit. Heute können wir mit Genugtuung darauf verweisen, dass sich unsere grundsätzlichen Ideen als richtig erwiesen haben. Beweis dafür sind die Erfolge unserer Schüler. Viele sind schonheute recht starke Spieler, Sieger und Preisträger von Juniorenmeisterschaften des Landes, Europas und der Welt. Allein im Jahre 1992 wurden vier unserer Zöglinge Welt- bzw. Europameister, und zwar Ilacha Kadynowa, Inna Raponenko, Alexej Alexandrow und Wadim Swjaginzew.
Unser Hauptprinzip konnte nicht fehlschlagen, denn wir haben es früher in der eigenen Praxis ausprobiert. Es war klar, dass wir uns nicht einfach damit beschäftigen können, den Schülern konkretes Schachwissen beizubringen - in zwei zehntägigen Sessionen pro Jahr kann man nicht viel zeigen, zudem ist dies nicht das Wichtigste beim Unterrichten des Schachspiels. Von entscheidender Bedeutung sind:
| a) die Vermittlung allgemeiner Ideen, Methoden und Mittel der Kampfesführung - diese haben universelle Bedeutung | |
| b) das Aufzeigen rationeller Wege der schachlichen Arbeit, der Formen, sich allgemeine Ideen sowie die nötigen konkreten Informationen anzueignen | |
| c) die Analyse der Mängel im Spiel der Schüler und Hilfestellung bei deren Überwindung. | |
Eine andere Idee, die sich bewährt hat, bestand darin, thematische Sessionen durchzuführen. Jedes Treffen wurde irgendeiner Richtung der Arbeit am Schach gewidmet. Die konzentrierte "Attacke" in eine Richtung - Vorlesungen, praktischer Unterricht, ergänzende Materialien für die Schüler - ist ein starker Impuls zur Vervollkommnung auf dem behandelten Gebiet.
Wir wollen gern jedem Schachspieler helfen, der seine Stärke erhöhen möchte und dafür ernsthaft an sich arbeiten will. Aber das Kontingent an unserer Schule ist begrenzt. Deswegen hatten wir von Anfang an vor, ein Lehrmaterial herauszugeben, das in sich die auf den Sessionen gehaltenen Vorlesungen und die interessantesten Artikel zur selben Thematik vereinigt.
Das erste derartige Buch, das auf den Materialien der ersten Session unserer Schule aufbaut, erschien Ende 1991. In ihm werden die allgemeinsten Fragen des Schachunterrichts behandelt: das Auffinden und Beseitigen von Spielschwächen, die Technik der Analyse eigener und fremder Partien und das Herausfiltern nützlicher Informationen aus diesen, die Rolle des klassischen Erbes usw. Nun liegt das zweite Buch vor Ihnen. Es ist der Eröffnung gewidmet. Was können wir dem Leser hier Neues bieten? Darüber lohnt es sich, ausführlicher zu sprechen.
Sicher, die gute Hälfte aller Schachbücher sind Monographien, die diese oder jene Eröffnung bzw. Variante umfassend analysieren.
Aber eigentlich sind das Nachschlagewerke, in die man von Zeit zu Zeit schauen muss. Sich nur mit ihrer Hilfe die Eröffnungstheorie anzueignen, wäre ein kompliziertes Unterfangen. Sie bieten viel zu viel Informationen, von denen man die meisten nicht braucht. Zu kurz kommt die Erörterung allgemeiner Ideen und charakteristischer Varianten. Zudem veralten Eröffnungsbücher recht schnell. Für Spieler, die rasch die eine oder andere Eröffnung erlernen wollen, wurden entsprechende Bücher geschrieben, die lediglich das notwendige Minimum an Varianten analysieren. Diese sind wirklich ganz bequem. Wahre Meisterschaft im Anfangsstadium der Partie kann man unter Nutzung fertiger Rezepte jedoch nicht erlangen. Notwendig ist das Studium des Problems der Eröffnungsvorbereitung als Ganzes, das Sich-Auseinandersetzen mit typischen Situationen, in denen sich andere Spieler zurechtfinden mussten und die Analyse der dem eigenem Geschmack entgegenkommenden Eröffnungssysteme.
Unser Buch hilft Ihnen bei dieser Arbeit. Es ist vorgesehen für Spieler (vor allem jüngere), die ihr Schachverständnis im allgemeinen und im Eröffnungsstadium insbesondere wesentlich vertiefen und selbständiges Arbeiten an der Eröffnung erlernen wollen.
Der erste Teil des Buches behandelt die Probleme, mit denen wir im Eröffnungsstadium konfrontiert werden und was nötig ist, um diese unmittelbar am Brett erfolgreich zu lösen. Eine besondere Rolle spielen hierbei die Vorlesungen der WM-Kandidaten Artur Jussupow und Sergej Dolmatow. (Letzterer arbeitet übrigens aktiv an unserer Schachschule mit.) Nach meiner Meinung ist es äußerst interessant, die Gedankengänge der stärksten Großmeister zu verfolgen, die offen erzählen, worüber sie während der Partie nachdenken, wie sie die besten Züge finden, und warum sie sich manchmal irren.
Ein ausschließliches Bekanntmachen mit der "Theorie" ist ungenügend, um das Fassen richtiger Entschlüsse zu erlernen. Nötig ist ebenso das praktische Training. In jedem Lehrgang der Schule organisieren wir unbedingt verschiedenartige Wettbewerbe. Eine solche Trainingsstunde wird im ersten Teil des Buches beschrieben.
Der zweite Teil ist der Ausgestaltung des Eröffnungsrepertoires und der Vorbereitung auf den Wettkampf bzw. den konkreten Gegner gewidmet. Dieses Thema wird im dritten Abschnitt fortgesetzt - es geht dort um die selbständige Analyse von Eröffnungsstellungen und die Technik, wie man Neuerungen findet. Der vierte Teil beleuchtet die Verbindung der Eröffnung mit den anderen Partiestadien, demonstriert die Kontinuität der Schachideen. Besonders unterstrichen wird ein zentraler Gedanke, der das ganze Buch durchzieht:
Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht im mechanischen Behalten der Eröffnungsdaten, sondern im Aneignen des geistigen Reichtums des Schachspiels, im Wachsen der Schachkultur.
Obwohl es nicht unsere Hauptaufgabe war, findet der Leser dennoch eine Menge an konkreten Informationen - Eröffnungsneuerungen (von denen einige noch nicht in der Praxis gespielt wurden), Empfehlungen, wie die verschiedenartigsten Stellungen zu behandeln sind, Untersuchungen einer Reihe von Eröffnungssystemen (Königsindisch, den geschlossenen Spanier, das angenommene Damengambit u.a.).
Schließlich beenden wir das Buch traditionell mit Fragmenten aus dem Schaffen unserer Schüler, die von Großmeister Jussupow kommentiert werden. Sie enthalten Beispiele sowohl eines heftigen und auf hohem Niveau stehenden Eröffnungskampfes als auch lehrreiche Fehler aus dem Anfangsstadium derPartie.
In seinen Anmerkungen zu den Partien der Schüler konzentriert sich Artur auf jene allgemeinen Eröffnungsprobleme, zu denen er in der Vorlesung gleich am Anfang Stellung genommen hat. Wahrscheinlich ist es sinnvoll, sich beim Studium der Vorlesung auch gleichzeitig dem Schlusskapitel zuzuwenden, beide parallel zu betrachten.
Das Buch wurde von einem Autorenkollektiv geschrieben. Neben den Beiträgen des Autors dieser Zeilen und der Großmeister Jussupow sowie Dolmatow enthält es Arbeiten von Großmeister J.Rasuwajew, den Meistern B.Slotnik, A.Kosikow, und W.Wulfson. Allen danke ich von ganzem Herzen. Ich hoffe, dass das Gegenüberstellen der Ansichten verschiedener Spezialisten zu denselben Problemen den Leser neugierig macht und dem Buch eine gewisse Polyphonie verleiht.
Wenn unsere Arbeit den Leser dazu anhält, sich über die schwierigen, dafür jedoch spannenden Probleme der Eröffnungsvorbereitung Gedanken zu machen und ihn auf diesem Gebiet zu neuen Ideen inspiriert, dann sehen die Autoren ihre Aufgabe als erfüllt an.
Mark Dworezki