Geleitwort
In der Geschichte unserer Kirche sind die Jahre um und nach 1989 von herausragender Bedeutung. Die friedliche Revolution und der Weg zur deutschen Einheit veränderten nicht nur Staat und Gesellschaft, sondern auch die Kirche. Der tiefgreifende Wandel in Deutschland und Europa schuf nicht nur neue Perspektiven für das Leben und Erleben der einzelnen, sondern führte auch getrennte Kirchengebiete wieder zusammen.
Für keine evangelische Landeskirche wirkte sich dieser Wandel so tiefgehend aus wie für die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg. Diese über Jahrzehnte durch Grenze und Mauer getrennte Kirche konnte wieder zusammenwachsen. Als ich im November 1993 in das Bischofsamt dieser Kirche gewählt wurde, kam eine erste Phase des Zusammenwachsens zum Abschluss. Auf derselben Synodaltagung wurde auch die neue Grundordnung durch den zuständigen Ausschuss eingebracht.
Auch wenn der Prozess des Aufeinanderzugehens damit noch längst nicht abgeschlossen war, so waren doch entscheidende Schritte vollzogen. Deswegen möchte ich für unsere Kirche den damals in Synode, Kirchenleitung und Konsistorium Verantwortlichen für die intensive und erfolgreiche Arbeit danken, die sie damals geleistet haben. Besonders danke ich auch meinen Vorgängern im Bischofsamt, Gottfried Forck und Martin Kruse, die diese Jahre geistlich geprägt haben und schon in den Jahren davor das Miteinander über die Grenze hinweg gesucht haben. In dankbarer Erinnerung denke ich auch an Altbischof Albrecht Schönherr, der an den damaligen Weichenstellungen lebhaften Anteil nahm; unmittelbar vor der Fertigstellung dieses Buchs ist er im hohen Alter von 97 Jahren von uns gegangen.
Zwanzig Jahre friedliche Revolution! Wie es heute ist, lässt sich nur verstehen, wenn man die Zusammenhänge kennt, die aus den Zeiten der Trennung vor 1989 und der Vereinigungszeit nach 1990 resultieren. Deswegen ist es ein Grund zu großer Dankbarkeit, dass dieses Buch den Prozess des Zusammenwachsens von Ost und West in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zwanzig Jahre nach 1989 vergegenwärtigt. Manche Abläufe, Einschätzungen und Kontroversen, die in diesem Buch geschildert werden, lassen an vergleichbare Erfahrungen im politischen Einigungsprozess denken; vieles trägt jedoch auch eine charakteristisch andere Prägung. Denn der Kirche ist ein eigenes Verständnis von Einheit mitgegeben; und in Berlin-Brandenburg wurde die Zusammengehörigkeit auch in den Zeiten der politischen Trennung besonders gepflegt.
Ich bin dessen gewiss, dass viele in Berlin-Brandenburg, die als Gemeindeglieder oder in kirchlichen Ämtern diese spannenden Jahre aus der Nähe oder aus der Distanz miterlebt haben, das Buch benutzen werden, um die Erinnerung an die nun schon zwei Jahrzehnte zurück liegenden Zeiten aufzufrischen. Aber darüber hinaus wird, so vermute ich, das Buch auch Leser finden, die in anderen Landeskirchen zuhause sind und nun nachlesen können, wie der Vereinigungsprozess in einer durch die Grenze geteilten Landeskirche und in dem durch die Mauer geteilten Berlin erlebt wurde. Vielleicht wird es eine zusätzliche Aufmerksamkeit auf die Themen dieses Buches in den evangelischen Landeskirchen von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern geben; denn sie streben eine gemeinsame "Nordkirche" an, in der, ähnlich wie vor zwanzig Jahren in Berlin-Brandenburg, östliche und westliche Kirchentraditionen zusammenfinden sollen. Über all solche Adressatengruppen hinaus bildet dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur kirchlichen Zeitgeschichte.
Bei meinen Gesprächen in der EKD und in anderen Landeskirchen habe ich immer wieder gemerkt, mit welch großer Anteilnahme Informationen über die besondere Situation in Berlin-Brandenburg erbeten und gehört wurden. Ich bin sehr froh darüber, dass so viele Zeitzeugen sich zu diesem Buch zusammengefunden haben, so dass zahlreiche Aspekte des gemeinsamen Wegs sorgfältig zur Darstellung kommen. Schon die Dokumente am Anfang und die persönlichen Berichte im weiteren Fortgang des Buchs zeichnen ein anschauliches Bild von den unterschiedlichen Einschätzungen und Erwartungen, von denen der Prozess des Zusammenführens geprägt war. Andere Beiträge dieses Bandes geben einen präzisen Einblick in die Veränderungen, die unserer Kirche auf dem Weg zu einer einheitlichen Rechts- und Finanzordnung abverlangt wurden. Besondere Herausforderungen werden anschaulich geschildert; zu ihnen gehört ohne Zweifel das Thema des Religionsunterrichts, dem in diesem Buch ein ausführliches Kapitel gewidmet ist.
Den Autorinnen und Autoren danke ich sehr dafür, dass sie ihre Erinnerungen in dieser Weise dargelegt und in vielen Fällen mit sorgfältigen Quellenstudien verknüpft haben. Dem Buch wünsche ich viele interessierte Leserinnen und Leser. Ich bin davon überzeugt, dass dabei auch ein intensiveres Verständnis für die Situation, die Probleme und die Aufgaben unserer Landeskirche auf ihrem weiteren Weg gefördert wird. Denn Gegenwart und Zukunft erschließen sich immer auch von der Geschichte her.
Professor Dr. Wolfgang Huber
Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland