Vorwort des Herausgebers
Mit Poltern wird im Allgemeinen eine Störung des Redeflusses bezeichnet, deren markante Merkmale eine hohe Sprechgeschwindigkeit, Beeinträchtigung des Sprechrhythmus, Verkürzungen, Auslassungen, Umstellungen und Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern sind. Typischerweise wird dabei eine Differenzialdiagnose zum Stottern vorgenommen.
Doch schnell wird erkennbar, dass die Betonung des überstürzten Sprechens nur ein Bereich, letztlich das Oberflächensymptom eines weiterreichenden Störungsbildes ist. Merkmalskombinationen mit Formen der verzögerten Sprachentwicklung, Aussprachestörungen, Lese-Rechtschreibstörungen usw. werden genannt, wobei Zusammenhänge mit einer geringen auditiven Merkfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne sowie beeinträchtigten pragmatischen Fähigkeiten vermutet werden.
Es wird deutlich, dass sich hinter dem Begriff Poltern ein außergewöhnlich komplexes Phänomen verbirgt, wobei von etikettierenden Zuschreibungen und vorschnellen Klassifikationen abgesehen werden sollte. Die häufig für die Betroffenen verkannte Störung wird in der gängigen Literatur selten differenziert dargestellt. Zumeist wird ausschließlich auf überholte Artikel aus den 50er und 60er Jahren verwiesen, wobei häufig auch neuere Literatur eher eine Tradierung und unkritische Übernahme bekannter Ansichten beinhaltet. Bücher liegen kaum vor - zumeist wird auf die Monographie von Arnold aus dem Jahr 1963 verwiesen - und Belege in Fachzeitschriften sind weit verstreut bzw. nicht leicht zugänglich. Erst in letzter Zeit wird im deutschsprachigen Raum (z.B. durch Iven) eine reflektiertere Aufarbeitung der Problematik vorgenommen.
Umso verdienstvoller ist es, dass mit diesem Buch eine Veröffentlichung vorliegt, die bei einer umfassenden Sichtung der Literatur und fundierten historischen Analyse eine zusammenfassende Darstellung älterer und neuerer Ansätze vornimmt. Die Ausführungen sind dabei eher als eine Synopse bestehender Konzepte aus heutiger Sicht und weniger als ein neuer Ansatz zu verstehen. Der Verfasserin geht es dabei nicht nur um eine Analyse des Phänomens, sondern auch um die Konkretisierung im Fallbeispiel und die Darstellung von praxisorientierten Übungen.
Insgesamt handelt es sich um ein gelungenes Beispiel einer wissenschaftlichen Arbeit aus der Universität Koblenz-Landau, die für einen breiten Leserkreis von Interesse sein dürfte. Durch die systematische Aufarbeitung der vorliegenden Veröffentlichungen wurde eine Monographie erstellt, durch die eine Lücke im Literaturangebot ausgefüllt werden kann. Es ist zu hoffen, dass auf dieser Grundlage Ansätze für eine weitere Beschäftigung mit dieser vielschichtigen Thematik möglich werden.
Manfred Grohnfeldt