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Alter neu denken
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Vorwort

Der demographische Wandel mit seinen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hat als eine der zentralen Herausforderungen unseres Zeitalters die politische Agenda in der Bundesrepublik Deutschland erreicht. Statistiken und Grafiken reihen sich aneinander, die Entwicklungsszenarien nach Bevölkerungs- und Altersgruppen ausdifferenzieren und nach Berufserfahrungen und Rentenjahrgängen klassifizieren. Je nach politischem Lager oder persönlicher Befindlichkeit münden diese in entsprechende Prognosen und Lösungsvorschläge.

Vielerorts werden schon düstere Szenarien für die Zukunft unserer Gesellschaft entworfen, die die Menschen nicht nur verschrecken, sondern auch zur Lethargie angesichts des großen Reformdrucks verleiten können. Werden aber die Folgen einer ergrauenden Wirtschaft und Gesellschaft immer richtig wiedergegeben? Vom dramatischen Mangel an Fachkräften ist die Rede, der Kollaps der Sozialsysteme wird vorhergesagt, ja selbst die Bedrohung kultureller Werte wird beschworen und der Generationenkrieg bereits als TVSpiel inszeniert!

Dass kein Missverständnis aufkommt: Angesichts der Herausforderungen des demographischen Wandels bleibt es wichtig, die gesellschafts-, wirtschafts-, sozial- und finanzpolitischen Veränderungen realistisch einzuschätzen und praktikable Lösungen zu entwickeln. Die Umkehr der Alterspyramide verlangt die Auseinandersetzung mit der Zukunft unseres Landes und seiner Bevölkerung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Es ist daher zu begrüßen, dass in den zurückliegenden Jahren das Bewusstsein für Ursachen und Folgen des demographischen Wandels in Deutschland weiter gewachsen ist.

»Es sind Menschen, die das Land mit aufgebaut haben. Es sind

Menschen, die unser gesellschaftliches Leben über Jahrzehnte geprägt haben und für die wir nun eine besondere Verantwortung besitzen!« - Diese Worte von Teddy Kollek, dem kürzlich verstorbenen Alt-Bürgermeister von Jerusalem, sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Er sagte sie anlässlich eines gemeinsamen Besuches in einem Alten- und Pflegeheim in Jerusalem kurz vor der Jahrtausendwende - und rückte damit in den Vordergrund, was in unserer schnelllebigen, globalen und oft auch werte- und orientierungsarmen Welt in den Hintergrund zu geraten droht: der Mensch!

Die Frage lautet also nicht allein: Haben wir genügend Instrumentarien zur Bewältigung des demographischen Wandels in unserer Gesellschaft? Sie lautet vielmehr: Haben wir eine Vision für ein selbstbestimmtes Leben im Alter? Und damit eng verknüpft: Haben wir die Ziele in der Altenpolitik in unserem Land richtig gesetzt? Haben wir ein Bild vom Alter, das dem Selbstverständnis der Menschen unabhängig von ihren Lebensjahren in einer modernen Gesellschaft entspricht?

Der demographische Wandel hat nicht nur die Strukturen in unserer Gesellschaft verändert. Natürlich ist uns inzwischen bewusst, dass sich neben den drei Lebensphasen Jugend, Berufszeit und Ruhestand eine neue, vierte Phase, die der Hochbetagten, herausgebildet hat. Die Lebenserwartung hat sich mittlerweile auf 83 Jahre für Frauen und 78 Jahre für Männer erhöht. Heute geborene Kinder haben sehr gute Chancen, mehr als 100 Jahre alt zu werden. Bereits jetzt gibt es in der Bundesrepublik über 10.000 90-jährige Menschen - Tendenz steigend!

Gleichzeitig müssen wir aber auch unser Bild vom Alter verändern - wir müssen das Alter differenzierter sehen und in seiner Komplexität erfassen. Viele Entwicklungen verlaufen in der Gesellschaft inzwischen parallel und nicht mehr in zeitlichen, altersgruppenspezifischen Abfolgen. So trägt die oft noch herrschende Meinung heute nicht mehr, das Alter sei mit weniger Leistungsvermögen, gravierenden Mobilitätseinschränkungen, mit Krankheitszunahme oder Vitalitätsverlust verbunden. Es ist zwar davon auszugehen, dass die Zahl pflegebedürftiger Personen mit steigendem Alter zunehmen wird - aber es ist gleichzeitig damit zu rechnen, dass viele Menschen selbst in hohem Alter noch selbstständig ihren Aktivitäten nachgehen, sei es im Haushalt oder in der Freizeit.

Das ist gut so! Denn ein Ziel sollte es sein, möglichst vielen Älteren in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes Leben zu sichern. Mit ein wenig Fantasie und gutem Willen könnte es dann gelingen, innovative Formen der Gemeinschaft zwischen Alt und Jung zu entwickeln. Vergessen wir nicht, welche Erfahrungen besonders auch noch im Alter für unsere Gesellschaft wertvoll sind. Ehrenamtliches Engagement kann nicht nur unsere Sozialversicherungssysteme entlasten und einen neuen Pakt zwischen den Generationen schmieden, sondern auch sehr viel Sinnerfüllung und Freude stiften.

Auch die Wirtschaft kann durch entsprechende Maßnahmen zur Förderung von Beschäftigungsfähigkeit und Vitalität zu einem neuen Bild des Alters in unserer Gesellschaft beitragen. Längst gibt es in vielen Firmen im Rahmen partnerschaftlicher Unternehmenskulturen Modelle für den Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen, den vollwertigen Einsatz älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die kontinuierliche Fortbildung unabhängig von der Altersgruppe sowie flexible Arbeitsformen und Arbeitserleichterungen durch Technologien und Personalentwicklung.

»Ziele in der Altenpolitik« - der Titel und das Programm der von mir initiierten Expertenkommission mögen befremdlich klingen. Denn darum geht es in der Tat: Alter neu zu denken und damit wirklich neue Ziele zwischen den Interessenvertretungen und den Beteiligten zu definieren. Ist es nicht unsere Aufgabe, sowohl für die älteren Menschen in unserem Land wie auch für die nachrückenden Generationen eine Vision von einer Gemeinschaft zu erarbeiten? Solidarität und Partnerschaft, Toleranz und Menschlichkeit bleiben wichtige Eckpfeiler für den Zusammenhalt und das Zusammenleben in einer Gesellschaft.

Es wäre fatal, ältere Menschen als Ballast zu sehen. Sagt man nicht auch, der Zustand einer Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie mit ihren älteren Mitgliedern umgeht? Das Wohlergehen und die Integration älterer Menschen in unsere Gesellschaft sind gleichzeitig mit der Mahnung an uns alle verbunden, dass wir älter werden und damit auf die Gemeinschaft im Kleinen wie im Großen angewiesen sind.

Die Expertenkommission »Ziele in der Altenpolitik« unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Dr. Andreas Kruse und der Führung von Professorin Dr. Dr. Rita Süssmuth hat wichtige Akzente für einen Umdenkimgsprozess in unserem Land gesetzt. Sie hat innerhalb des Referenzrahmens »Gesundheit«, »Bildung«, »Engagement und Partizipation« sowie »Gesellschaftliche Altersbilder« weder haltgemacht vor heiklen Themen wie der Pflegeinfrastruktur, der sozialen Ungleichheit, der Analyse der Einkommensverhältnisse oder Vorruhestandsregelungen noch vor innerfamiliären Generationenfragen und der Benennung von Verlierern im Altersprozess.

Und sie hat auch konstruktive Lösungsansätze formuliert für den Erhalt von Selbstständigkeit und Kompetenz sowie das Erkennen der Potenziale im Alter! Das Wertvollste an der Arbeit des Gremiums mit seiner Vielzahl an Expertinnen und Experten war jedoch, an eine neue Vision für das Leben im Alter zu glauben und daran gemeinsam - über politische, fachliche und ökonomische Interessen hinweg - zu arbeiten. Mein Dank gebührt daher allen Beteiligten, die die wichtige Arbeit der Expertenkommission mit ihrem großen Know-how, ihrem Einsatz und ihrer Erfahrung unterstützt haben. Es ist dadurch das Konzept einer Bürgergesellschaft entstanden, in der Menschen für Menschen - ob alt oder jung - da sind. Es ist zu hoffen, dass nun die Entscheidungsträger in unserem Land die Vorschläge aufgreifen und damit vielen Menschen hierzulande ein Alter in Würde ermöglichen.

Liz Mohn

Stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes und des Kuratoriums

der Bertelsmann Stifiung in Gütersloh


 
   


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