Vorwort
Wenn ich an meine erste Begegnung mit Korea zurückdenke, dann überfällt mich wieder dieses Gefühl des Schocks: Hitze (es war Juli), Schwüle (eine Luftfeuchtigkeit von fast hundert Prozent), Smog, ein mörderischer Verkehr - und vor allem Menschen, unzählige Menschen, die sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf den Straßen drängten.
Erst langsam begann sich dieses Bild zu entwirren. Aus den Menschenmassen wurden einzelne Gesichter, Hitze, Schwüle und Smog ließen sich nach einiger Gewöhnung besser ertragen, der Lärm des Verkehrs war schließlich nur noch die Hintergrundmusik in der Zehnmillionenstadt Seoul, die Fassade, vor der sich alle Aktivitäten entfalteten.
Seoul ist nicht Korea - aber es ist in den meisten Fällen der Startpunkt für alles, was sich der Besucher für das "Land der Morgenstille" vorgenommen hat. (Der alte Name Koreas, cho.sôn heißt ursprünglich "Land der Morgenfrische"; er wird aber heute meist mit "Land of the Morning Calm", also "Land der Morgenstille" übersetzt. Korea, abgeleitet von ko.ryô, dem Namen des koreanischen Reiches vom 10. bis zum 14. Jahrhundert, bedeutet etwa "Land der hohen Schönheit".) Dabei bleibt die Morgenstille allerdings in den meisten Fällen ein nie erreichbares Ideal, eine im alten Namen Koreas verankerte Erinnerung daran, dass es dort auch einmal paradiesisch ruhige Zeiten gegeben haben muss.
Heute markiert das nie zur Ruhe kommende Seoul für mich immer Anfang und Ende einer Reise. Diese widersprüchliche und so ungeheuer lebendige Stadt ist Einstimmung und Ausklang, ihr organisiertes Chaos markiert die Fixpunkte, zwischen denen sich die kurze, viel zu kurze Urlaubszeit abspielt. Wer sich im Trubel dieser Metropole abgehärtet hat, der kann die Schönheit Koreas viel besser genießen; wer sich aus der Idylle wieder in diesen Schmelztiegel zurückwagt, der begreift etwas von der ungeheuren Energie, die den ganzen Süden dieser geteilten Halbinsel beseelt.
Doch zum Verständnis des Landes gehört auch die Sprache. Der einfache Gruß: an.nyông-ha.se.yo! (= frei übersetzt etwa "Friede mit Dir!"), dieser Gruß, begleitet von einer leichten Verbeugung, öffnet nicht nur Türen, sondern auch Herzen. Der Besucher zeigt mit der Mühe, diese bestimmt nicht einfache Sprache sprechen zu wollen, dass er kein sozusagen "normaler" Tourist ist, keine jener "Langnasen", die stets auf der Suche sind nach immer neuem Nervenkitzel. Schon die Beherrschung einiger Sätze Koreanisch macht aus dem Touristen den Gast, sie verleiht ihm einen völlig anderen Status.
"Touristen" sind Freiwild - in Korea ebenso wie in fast allen anderen Reiseländern. Ein "Gast" ist etwas völlig anderes - vorausgesetzt, er verscherzt sich diese Anerkennung nicht durch falsches Benehmen, durch einen Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze der Gastlichkeit. Und die größte Anerkennung (und Verpflichtung) ist es dann, quasi als Familienmitglied in einen koreanischen Klan aufgenommen zu werden - eine Ehre, der man vielleicht einmal nach langer Bekanntschaft mit dem Land und seinen Menschen teilhaftig wird.
Doch, wie gesagt, der Schlüssel zu all dem ist die Sprache - und ich habe es deshalb nie bereut, mich näher mit diesem für Europäer absolut verrückten und unverständlichen System menschlicher Verständigung beschäftigt zu haben. Aus dieser Erfahrung heraus kann ich es nur jedem wünschen, dass er nicht nur Korea als Reiseland, sondern - mehr noch - seine Menschen als Freunde entdeckt.