Vorwort von Arno Klönne
Im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik heute ist der Kenntnisstand zur Vorgeschichte Tschechiens und der Slowakei, zur Historie des von 1918 bis 1993 mit erzwungener Unterbrechung bestehenden Staates Tschechoslowakei also, erstaunlich gering. Bemerkenswert wenig wird an ein Land erinnert, dessen kulturelles und politisches Leben eng mit den Verhältnissen in Deutschland verknüpft war, und dies nicht nur deshalb, weil dort bis 1945 eine große deutschsprachige Bevölkerungsgruppe mit tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit existierte. Zumeist gilt die gegenwärtige deutsche Erinnerung an die Tschechoslowakei ressentimenthaft nur einem bestimmten geschichtlichen Vorgang; dass nämlich nach dem Ende des »Großdeutschen Reiches« die sogenannten Sudetendeutschen gezwungen wurden, das Land zu verlassen, durch den Willen der tschechoslowakischen Staatsführung, durchaus im Einverständnis mit den Regierungen jener Staaten aber, die einen Abwehrkrieg gegen Hitlerdeutschland geführt und gewonnen hatten.
Bis heute hin betreibt die nach 1945 in Westdeutschland gegründete »Sudetendeutsche Landsmannschaft« eine Geschichtspolitik, die historisch-politische Ursachen dieser erzwungenen Umsiedlung verdeckt und zu der demagogischen Legende beiträgt, da sei von »den Tschechen« so etwas wie ein »Völkermord« initiiert worden. Demgegenüber sind erst einmal einige Grundsachverhalte des Verhältnisses zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland ins Gedächtnis zu bringen: Ab dem Jahre 1933 grenzten hier zwei Staaten aneinander, die sich in ihrem politischen System prinzipiell unterschieden: Hier - trotz aller inneren Konflikte und Probleme - eine lebensfähige parlamentarische Demokratie, dort ein faschistischer Führerstaat, mit expansiven Absichten. Die Tschechoslowakei bot übrigens, solange sie frei war, vielen deutschen politischen Flüchtlingen und Verfolgten des Nazi-Regimes Zuflucht. Bis 1933 war in der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe im tschechoslowakischen Terrain der Einfluss der Nationalsozialisten schwach; zur Zeit des »Dritten Reiches« wurde dann die »Sudetendeutsche Partei« unter Konrad Henlein zu einer starken Kraft, die »völkisch« - großdeutsche Ziele vertrat und auf die Zerstörung der tschechoslowakischen demokratischen Republik ausgerichtet war. Diese »sudetendeutsche« Politik entsprach den Interessen Hitlerdeutschlands und wurde völkerrechtswidrig von der »reichsdeutschen« Machtelite auf vielfältige Weise gefördert. Im Jahre 1938 ging dann das »Dritte Reich« zur direkten Aggression über. Im ersten Schritt wurden die »Sudetengebiete« dem tschechoslowakischen Staat entrissen und dem »Reich« einverleibt. Durchsetzbar war das, weil die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs den tschechoslowakischen Staat im Stich ließen und den »großdeutschen« Zugriff billigten; wahrscheinlich war dabei das Kalkül im Spiel, Hitlerdeutschland als möglichen Partner im Konflikt mit der Sowjetunion bei Laune zu halten. Damit waren die Tore für den Vorstoß des »Dritten Reiches« gen Osten geöffnet. Im zweiten Schritt zerschlug »Großdeutschland« das restliche tschechoslowakische Staatsgebilde; im Frühjahr 1939 rückte die Wehrmacht in Tschechien ein, das als »Reichsprotektorat Böhmen und Mähren« deutscher Herrschaft unterworfen wurde. Die Slowakei erhielt eine Scheinselbständigkeit als Staat unter deutscher Vormacht Die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe in der Tschechoslowakei hatte sich zum Instrument machen lassen für den Prozess der Zerschlagung eines demokratischen Staates und der imperialistischen Ausdehnung hitlerdeutscher politischer Gewalt Aber in dieser Geschichte gab es, was die sogenannten Sudetendeutschen angeht, auch eine entgegengesetzte, widerständige Linie, und darüber berichtet die hier vorgelegte dokumentarische Darstellung von Lorenz Knorr. Sie vergegenwärtigt ein nahezu vergessenes Kapitel der historischen politischen Kultur in der Tschechoslowakei und zugleich des Wirkens von Antifaschisten, deren Kampf gegen den Machtanspruch Hitlerdeutschlands und dann des Widerstandes gegen das etablierte faschistische System. Allzu wenig wussten wir bisher über die Arbeiterbewegung in den deutschsprachigen Teilen der tschechoslowakischen Gesellschaft, insbesondere über deren Versuche, sich gegen den Strom eines »völkischen« und faschistischen »Sudetendeutschtums« zu stellen. Die Erinnerungsarbeit von Lorenz Knorr ist dazu geeignet, diesem Mangel abzuhelfen. Anschaulich und aus dem erlebten politischen Alltag heraus stellt sie uns vor, wie »sudetendeutsche« Sozialisten und Kommunisten, Naturfreunde und Gewerkschafter im praktischen Widerspruch lebten und wirkten gegen die politischen Ideologien und Operationen eines expandierenden Faschismus. Sie sollen nicht vergessen sein - dafür steht dieses Buch.
Auch Lorenz Knorr ist, wenn man es so nennen will, ein »Heimatvertriebener«. Er hat das Land, in dem er aufgewachsen ist und als junger Mensch politisch aktiv war, verlassen müssen. Aber er hat aus solchen Erfahrungen ganz andere Konsequenzen gezogen, als eine propagandistische Verwertung des »Vetriebenenschicksals« sie suggeriert. Lorenz Knorr, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein »Neubürger« in Westdeutschland, hat über Jahrzehnte hin für die Ideale der sozialistischen Arbeiterbewegung gewirkt; er ist aufgetreten gegen die wieder zu Ehren gekommenen alten Militaristen und gegen die neuen Kriegstreiber, beharrlich und couragiert.
Wir haben ihm viel zu verdanken - nun auch dieses Buch.