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Zwischenwelten und Übergangszeiten
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Vorbemerkung der Herausgeber

Als Eric Hobsbawm 2008 für die Verleihung der Ehrenbürgerwürde Wiens dankte, charakterisierte er sich so: »Ich möchte mich am liebsten als eine Art Guerillahistoriker beschreiben, der nicht so sehr hinter dem Artilleriefeuer der Archive auf sein Ziel zumarschiert, als es mit der Kalaschnikow der Ideen seitwärts aus den Büschen zu beschießen.«

Der Guerillero ist, solange er Guerillero ist, nicht an der Macht. Meist ist er unsichtbar und zugleich präsent: er bewegt sich unter den Leuten, Freunden und Feinden, muß aufmerksam beobachten und erzielt seine Wirkung nicht durch laute Kanonaden, sondern durch präzisen Eingriff, bevor er neue Ziele aufsucht.

Zu dieser Beschreibung scheint das traditionelle Berufsbild eines akademischen Historikers, der drei umfangreiche Bände über das Lange Neunzehnte und einen weiteren über das Kurze Zwanzigste Jahrhundert verfaßt hat, nicht zu passen. Tatsächlich aber ist Eric Hobsbawm nicht nur den professionellen Ansprüchen seiner Zunft gerecht geworden, sondern hat sie immer wieder weit übertroffen - selbst über den Rahmen der von ihm mit auf den Weg gebrachten Strukturgeschichte hinaus. Wer sein wissenschaftliches Werk liest, spürt stets auch den manchmal beschleunigten, manchmal ruhigen Pulsschlag des teilnehmenden Beobachters - sogar dann, wenn er über Abläufe schreibt, die über zweihundert Jahre zurückliegen.

Die Quelle dieses doppelten Engagements - des wissenschaftlichen wie des politischen - findet sich im Leben des Autors selbst. An die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft seit dem Ende des 18. Jahrhunderts geht er einerseits mit den Fragen eines Linken (eines »lifelong communist«) aus dem zwanzigsten Jahrhundert heran, an derseits reflektiert (und relativiert) er die Gegenwart, auch das eigene Handeln, durch die historische Erfahrung.

So versteht sich fast von selbst, daß die umfangreichen Bände seines fachwissenschaftlichen Werks nicht seine einzige Publikationsart gewesen sind. Er äußert sich zugleich in Essays, in mündlicher Rede, in zunehmendem Maß auch in Interviews in doppelter Gestalt: als Befrager und Befragter, insgesamt also nicht nur in der großen, sondern auch in der kleinen Form. Diese findet sich da und dort ebenfalls in seinen umfangreicheren Arbeiten: als kurze Beiseite-Bemerkung und Reflexion. Wo sie sich in kürzeren Texten verselbständigt, wird ein Reichtum sichtbar, der in Hobsbawms akademischem Werk gar nicht vollständig unterzubringen war und dort oft nur angedeutet werden kann. Seine Kenntnisse und Urteile über bildende Kunst, Literatur, Architektur und Musik zum Beispiel blitzen da auf und werden schließlich eher in den kleineren Arbeiten ausgebreitet. Es stellt sich der Eindruck ein, als habe dieser Autor trotz seiner großen Produktivität in einem wunderbar langen Leben bislang immer erst einen Teil dessen mitteilen können, was er tatsächlich weiß, beobachtet und durchdacht hat und offenbar weiterhin akkumuliert. So erklärt sich, daß er, der Neugierige, längst immer neue Neugier weckt.

Im hier vorgelegten Band werden Texte der Kleinen Form dokumentiert, die in deutscher Sprache erschienen sind. Überschneidungen sind gleichermaßen unerheblich wie unvermeidbar: sie dokumentieren Kontinuitäten und Modifikationen der Argumentation.

Vor einem halben Jahrhundert hat Eric Hobsbawm mit seinem Buch über die Sozialrebellen ein junges Publikum für sich gewonnen, das sich immer wieder erneuert. Auch sein gelehrtes Werk bedarf keiner weiteren Werbung. Seine Kommentare zum Tage sind gesucht, allerdings, wie bei journalistischen Texten üblich, nach einiger Zeit nicht mehr leicht auffindbar. Sie verdienen es, gesammelt zu werden, denn anders als sonstige Arbeiten dieses Genres veralten sie nicht: sie haben ein historisches Gerüst.

Wir danken Eric Hobsbawm für hilfreiche Zusammenarbeit, für Gastfreundschaft und für seine Gesprächsbereitschaft an einem für uns erinnernswerten Tag im Januar 2009. Auch den Interviewern, Übersetzern und Verlagen, die uns Nachdrucke erlaubten, sowie Brigitte

Kustosch, die das Londoner Interview transkribiert und an seiner Redaktion mitgewirkt hat, sind wir zu Dank verpflichtet. Sollten weitere Urheberrechte bestehen, die von uns nicht sofort wahrgenommen werden konnten, bitten wir um Mitteilung.

Friedrich-Martin Balzer

Georg Fülberth


 
   


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