Vorwort
Nach einer Odyssee durch viele Arztpraxen und Institutionen, nach vielen Untersuchungen und Gesprächen wurde unser Sohn als "hyperaktiv" diagnostiziert. Die genaue Diagnose lautete "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit hyperkinetischer Komponente". Hinter diesem kurzen, rationalen Befund verbergen sich jedoch eine Menge Schwierigkeiten und Probleme, die nur nachempfinden kann, wer wirklich davon betroffen ist.
Nachdem ich mich näher mit dieser Thematik beschäftigt hatte, lernte ich, zu unseren Problemen und vor allen Dingen zu meinem Kind zu stehen. Ganz gleich, wieviele abschätzende Blicke uns trafen oder welch "wohlgemeinte" Erziehungsratschläge ich erhielt. Es hat gedauert, bis ich mich nicht jedesmal schämte, wenn mein Sohn durch seine Verhaltensauffälligkeiten die gesamte Aufmerksamkeit anderer Leute auf uns zog oder wir fluchtartig das Gelände verlassen mußten, weil sein Benehmen einen Punkt erreicht hatte, der zeitweise jeder Beschreibung spottete.
Ich lernte, mich nicht auf andere zu verlassen und kritisch zu sein, auch gegenüber Ärzten und Institutionen; jetzt bin ich in der Lage, mich über Kleinigkeiten zu freuen. Meine Gedanken haben an Oberflächlichkeit verloren, sie sind viel tiefgreifender geworden. Im Umgang mit Menschen und Situationen bin ich zu viel mehr Verständnis gekommen und be- oder verurteile heute Dinge nicht mehr nur nach ihrem Erscheinungsbild. So kann ich sagen, daß das Leben für mich insgesamt an Tiefe gewonnen hat. Alles hat plötzlich wirklich zwei Seiten.
Deshalb bin ich zu der Auffassung gekommen, daß man nur gewinnen kann, wenn man sich für keine Mühe zu schade ist, auch wenn das erhoffte Ziel nicht in dem Maß erreicht wurde, wie es wünschenswert gewesen wäre. Es sind die kleinen Dinge, die einen am Ende als Sieger dastehen lassen. Ich habe die Möglichkeit bekommen, ganz dicht mit meinem Kind zusammenzurücken und kann sagen, daß wir eine ganz besondere Beziehung zueinander haben. Darauf bin ich stolz, und dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Ich wünsche jedem, seinen Weg zu finden und die Kraft, ihn zu gehen, auch wenn der Wind von vorne weht. Der dunkelste Tunnel, der so finster erscheint, hat Löcher, durch die Licht einfallen kann. Man muß nur seine Augen heben und aufmerksam sein.