Vorwort
Das "wahre" Mallorca
Millionen Menschen haben in den letzten Jahrzehnten Mallorca kennengelernt, die meisten als Touristen für wenige Urlaubswochen. Und viele von ihnen kommen - unbeschadet der bekannten Auswüchse des Massentourismus' - immer wieder auf die nach wie vor populärste Ferieninsel der Deutschen.
Über 50.000 Ausländer machten Mallorca sogar zur zweiten Heimat und genießen dort ganz oder für einen Teil des Jahres im eigenen Appartement oder Haus das mediterrane Klima und die mallorquinische Lebensart. Auch meine Familie und ich gehören dazu und sind seit über 10 Jahren zeitweise "Residenten" auf der Insel. Und nur als solche, das ist jedenfalls unsere feste Überzeugung, kennen wir das eigentliche, das "wahre" Mallorca, das Land und das wirkliche Leben hinter der lauten Bühne des Tourismus' in den Küstenorten.
Mit meinen kleinen Geschichten habe ich in diesem Buch auf humorvolle Art ein Bild von den alltäglichen Begebenheiten und besonderen Erlebnissen gezeichnet, wie sie typisch sind für den Start auf Mallorca und das Leben auf einer Finca am Rande eines mallorquinischen Städtchens. Aus ihnen wird klar, daß das "wahre" Mallorca bestenfalls ein Paradies mit kleinen Fehlern ist, die mit Gelassenheit zu ertragen, man erst lernen muß. Das fällt uns Mitteleuropäern nicht immer leicht.
Die im Text erwähnten Personen gibt bzw. gab es wirklich: einige von ihnen möchte ich hier vorstellen:
Zuerst ist da Juan. Von ihm haben wir unser Haus gekauft und mit seiner Hilfe und seinem Rat renoviert. Er brachte uns mit den besten Handwerkern zusammen und führte sozusagen die Bauaufsicht. Die Realisierung all unserer Wünsche und Ideen lief über ihn. Manchmal gab er auch seine eigenen Vorstellungen direkt an die Handwerker weiter (ohne unseren Segen), allerdings nie zu unserem Nachteil. Es war fast, als renoviere er sein eigenes Haus, zumal er gerne dort gewohnt hätte, wenn Catalina, seine Frau, dem zugestimmt hätte.
Dann ist da Jaime. Als wir ihn kennenlernten, war er weit über die 60. Zusammen mit Guillermo hat er alle Steinarbeiten ausgeführt. Vor allem hat er die paredes secas gebaut, die mörtellosen Steinmauern, die arabischen Ursprungs und typisch für die Insel sind. Er war einer der wenigen auf Mallorca, die sich noch auf dies alte Handwerk verstehen.
Mit der Zeit wurde Jaime zum "Schutzpatron" unseres Hauses, schon deshalb, weil sein Name identisch war mit Sant Jaume, dem Heiligen Jakob, der auch gleichzeitig der Schutzheilige unseres Dorfes ist. In unserer Abwesenheit fühlte er sich sowohl für alles verantwortlich als auch ein bißchen als dueño, als Besitzer, und war voller Stolz und Bewunderung für die von ihm selbst gesetzten Trockenmauern.
Wenn wir da waren, schaute er gern mal vorbei und freute sich über unsere Zufriedenheit, meistens am Vormittag, so gegen elf Uhr. Diese Zeit nannte er hora de la gasolina, die Stunde des "Kraftstoffs", und meinte damit eine Flasche San Miguel-Bier, die er sich - ohne Glas - auf der Steinbank vorm Haus schmecken ließ.
An einem Sonntagvormittag im Oktober, drei Tage vor unserer Ankunft, hatte er noch einmal vorbeigeschaut, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Danach war er zurück ins Dorf gefahren und plötzlich mitten auf der Straße vom Moped gefallen. 70 Jahre alt ist er geworden. Mit perfekten, ohne Mörtel aufgeschichteten Mauern hat sich Jaime auf unserer Finca sein eigenes kleines Monument geschaffen.
Mateo war unser Klempner. Inzwischen ist er Kunst- und Antiquitätenhändler. Er und seine Frau Cati zeigten uns die schönsten Ecken ihrer Heimat und sind heute gute Freunde. Sie lieben ihre vier Hunde, die mit ins Haus dürfen und vorm Kamin auf einem Kissen den besten Platz haben.
Dank dieser und anderer mallorquinischer Freunde, der Nachbarn und natürlich auch der Kontakte zu deutschen Residenten ergab es sich, daß ich über die Jahre die Verhältnisse auf der Insel intensiv kennengelernt habe. Meine Weise, dem Leser mit diesem Buch "mein" Mallorca - als Ferienziel wie als Wahlheimat - näherzubringen, ist daher vielfach sehr persönlich geprägt. Nichtsdestoweniger hoffe ich, daß nicht wenige darin auch "ihr" Mallorca wiederfinden.
Elke Menzel