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Original / Ton
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Vorwort

Die hier vorgelegten Studien haben ein gemeinsames Thema, auch wenn sie von vorlesenden Dichtern, Tonarchivierung im Nationalsozialismus oder über die therapeutische Funktion der Eigen-Stimme berichten. Mit Absicht sind aus einer Fülle von vorgeschlagenen Arbeiten sehr heterogene Gebiete ausgewählt worden. Denn so verschieden auch Material und Kontexte, stets geht es um den Zusammenhang von »Original« und »Ton«, genauer um einen Ton, der sich prinzipiell von anderen Tönen unterscheidet, und zwar so, dass er kraft seiner Unverfälschtheit und Echtheit einen positiven Unterschied macht. Am Beispiel: Der Dichter liest sein Werk - die originale Schöpfung ertönt in der authentischen Stimme -, auf dass der Leser endlich Literatur voll und ganz erfahren kann. Dieser Mehrwert, von dem her sich dieser »originale Ton« als Sonderphänomen des Akustischen bestimmt, ist der Unterschied, der einen Unterschied macht, weil er, so eine Formulierung von Helmut Heißenbüttel über den Zusammenhang von Literatur und ihrer Aufführung im Rundfunk, die entscheidende Information enthält.

I

Die stoffliche Heterogenität der Beiträge ist demnach nicht einfach nur die Folge einer einmal freigegebenen Tagungsöffentlichkeit. Was dort, auf einem Arbeitstreffen an der Universität Potsdam 2003, vorgetragen worden ist, war der Ertrag eines calls for paper, der von der Sache her bewusst offen formuliert war.1 Ein solches Vorgehen hat seine Risiken, weil sich nicht abschätzen lässt, was eingehen wird und ob das, was sich einfindet, auch erkennen lässt, was hier gemeinsam erforscht werden soll. Wir haben uns dennoch für diesen Weg entschieden, da für engere Vorgaben von Anfang an eine grundlegende Voraussetzung fehlte: Es gibt beim Thema »Originalton« nicht das, was man Stand der Forschung nennt -jedenfalls dann nicht, wenn damit mehr gemeint ist als nur das unter diesem Titel abgelegte journalistische Fach- und Lehrwissen. Entsprechend schwer ist es, an bisher Geleistetes anzuschließen. Natürlich gibt es eine breite Forschung zu den akustischen Medien. Mit den Monographien von Karl-Heinz Göttert und Reinhart Meyer-Kalkus gibt es sogar großformatige Arbeiten zur Kulturgeschichte der Stimme.2 Zahlreich sind insbesondere die medientechnischen Untersuchungen zur Geschichte der Aufnahmetechnik bis hin zum aktuellen Stand des sound designs oder zum Zusammenhang von Musikkultur und digitaler Technik. Akustische Medien haben Konjunktur, und sei es nur, dass eine stark expandierende Medienwissenschaft allein aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke jetzt auch Bereiche bearbeitet, die man lange für weniger relevant oder auch nur für weniger interessant hielt als etwa die zum neuen Leitmedium der Gesellschaft ausgerufenen Bildmedien. Das alles ist mit Blick auf unsere Fragestellung weitgehend unspezifisch, und doch ermöglicht erst diese breite Forschung, mit dem »Originalton« ein eigenes Forschungsfeld im Bereich der akustischen Medien abzustecken: Der Originalton ist schon allein darin ein besonderes Phänomen, als er gerade nicht für ein weiteres Einzelmedium steht und nur eine Addition mehr zu Stimme, Filmton oder Grammophon ist. Er bezeichnet vielmehr einen positiv herausgehobenen Ort innerhalb komplexer medialer Verhältnisse.

Es gibt einen weiteren Grund für die heterogene Breite der hier vorgelegten Studien. Und auch hier stößt man auf eine Besonderheit des Gegenstands. Das Thema liegt gleichsam in einer doppelten Fassung vor, und man sieht schnell, dass es nicht sinnvoll ist, sich für die eine oder die andere zu entscheiden. »Originalton« ist einmal eine Semantik, die in der Gesellschaft kursiert und die in deren medialen Verhältnissen eine wichtige Rolle spielt. Der Originalton ist demnach nicht erst durch wissenschaftliche Erkenntnisinteressen motiviert. Es gibt ihn vielmehr einfach so, als Ergebnis von Beschreibungen und Erfahrungen, die man unter diesem Titel in der Welt der Medien typischerweise machen kann. Es ist dies dann eine Semantik, die aus sozialer Kommunikation heraus entsteht und von der man bestimmte praktische Leistungen beim Umgang mit Medien erwarten kann.3

Zum anderen lässt sich das Phänomen auch als ein wissenschaftliches Instrumentarium auffassen, das es in der Selbstanwendung erlaubt, diese Semantik näher zu beschreiben. Die Rede von einem originalen Ton bringt - so gesehen - die zu seiner medienwissenschaftlichen Analyse vielleicht auch produktivste Unterscheidung bereits mit. Um ihr analytisches Potential zu erkennen, braucht es nur eine epistemologische Lesart für den Ausdruck »Originalton«.

In dieser Perspektive verweist der Ausdruck - zur besseren Kennzeichnung geschrieben als »Original/Ton« - auf seine katachresische Form. Als ein in sich widersprüchlich gefügter Terminus, so die Übersetzung der rhetorischen Figur »Katachrese«, vermengt die Katachrese, was als Zusammengesetztes eigentlich nicht möglich ist. Was sie dennoch sagt, verstößt gegen das, was als Wissen akzeptiert ist. So verweist der Teilausdruck »Ton« zunächst auf die technische Reproduzierbarkeit des Akustischen, und damit auf die erst dank dieser Fixierung mögliche Vervielfältigung dieser Töne bis hin zu ihrer Manipulation mit Blick auf einen je besonderen Gebrauch. Zugleich aber soll entgegen dieser technischen Reproduzierbarkeit sichergestellt sein, dass Stimmen, Töne oder Geräusche als Originale und darin als einzigartig wahrgenommen werden. Denn nur als Originale haben sie den sie auszeichnenden medialen Mehrwert. Original/Ton bezeichnet demnach ein Kommunikationsparadox. Wie in der sozialen Kommunikation mit dieser unmöglichen Situation umgegangen wird, wie man sich von ihr anregen lässt und wie kommunizierbar wird, was ohne sie vielleicht nicht sagbar ist, wird zum roten Faden für die so verschieden ausgelegten Studien dieses Bandes.

II

Wir verstehen die hier gesammelten Texte nicht in erster Linie als Erweiterung des Wissens über die Sachthemen, die jeweils behandelt werden. Sie sind vielmehr ein Beitrag zu einer Medienwissenschaft, die die Frage des Wertes als Teil ihres Problemdesigns akzeptiert. Technik und kultureller Wert sind nicht Gegensätze oder auch nur gänzlich verschiedene, und deshalb angeblich ganz getrennt voneinander zu beschreibende Realitäten. Ohne Phänomene wie den »Originalton«, so ist vielmehr zu behaupten, gibt es nicht die Kultur, die unsere Gesellschaft als die ihr wesentliche anerkennt. Eine medienkulturwissenschaftliche Sicht auf den Original/Ton kann sich deshalb nicht mit dem Wissen eines Experten für Aufzeichnungsapparate, Frequenzverläufe oder Raumklang begnügen. Es wird nicht reichen, einzelne Techniken oder Anwendungen zu erörtern. Selbst dann nicht, wenn sie als Durchbrüche gelten und in einer Gesellschaft, die sich selbst als eine durch technische Innovationen geprägte Welt beschreibt, eine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Keine technische Erfindung kann eine von da aus geschriebene Geschichte als immerwährende Kette der technischen Verbesserungen und gesteigerten Kapazitäten begründen.

Umgekehrt ist diese Einschränkung kein Argument, um alles Technische als letztlich nicht relevant abzuwehren und den »Originalton« nur als Teil einer hochgeschätzten Kultur und damit primär als Wert zu deuten. Eine solche Sicht setzt den positiven Sonderstatus des Originaltons im Feld der Massenmedien so sehr voraus, dass die Unwahrscheinlichkeit dieser Rangstellung nicht mehr gesehen wird. Geht man vom dem aus, was es erst zu erklären gilt, droht die technische Dimension verloren zu gehen, und ohne eine solche Bodenhaftung fällt der Rückgriff auf spekulative Größen allzu leicht. Am Ende - und dies ist das Pendant zur Expertengeschichte der Techniker - glaubt man in der Sonderstellung des Originaltons gleich einen Beleg für den Menschen als ein zur Kultur begabtes Wesen zu erkennen. Kurz: Das Entweder-Oder von technischen Fakten versus kulturphilosophischer Spekulation ist eine Garantie, das Thema zu verfehlen. Das gilt auch dann, wenn man polemisch zuspitzt und die jeweils andere Seite angeblich nur wider besseres Wissen nicht berücksichtigt.

Will man einer solchen Vereinfachung entgehen, ist das Entweder-Oder in ein Sowohl-als-auch zu wenden, ja mehr noch, in dieser Konstellation ist das leitende Problem für eine Geschichte des Originaltons zu erkennen: Wie kommt es zu dieser für den Originalton bezeichnenden Verbindung von Technik und Wert, von Apparat und gesellschaftlicher Hochschätzung? Als Antwort kann nur überzeugen, was die jeweiligen medialen Verhältnisse berücksichtigt, aus denen heraus etwas als Originalton ausgezeichnet wird. Die vorliegenden Einzelstudien zeigen, dass die Antwort, wie anders, vielgestaltig ist.

Wir bedanken uns bei denen, die dieses Buch möglich gemacht haben. Ganz besonders aber bei Michaela Krützen.

Nikolaus Wegmann Harun Maye Cornelius Reiber

1 Volltext: www.uni-koeln.de/phil-fak/idsl/dozenten/wegmann/tagungen.html
2 Karl-Heinz Göttert: Geschichte der Stimme. München: Fink 1998 und Reinhart Meyer-Kalkus: Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag 2001.
3 Wie verbreitet das Phänomen ist, zeigen die mehr als vierzigtausend Fundorte, die eine Google-Abfrage auswirft.

 
   


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