Vorwort
Christoph Fasel
Wer über journalistische Qualität in den Medien schreibt, hat mehr als ein Problem. Das naheliegendste ist das der Empirie. Fünf Blitzlichter auf den deutschen Zeitungsmarkt mögen dies veranschaulichen.
Erstens: Entgegen den Kassandra-Rufen vieler Medienmacher und Media-Experten wurde aus Helmut Markworts FOCUS innerhalb eines Jahres der größte Printerfolg der neunziger Jahre - und blieb es bis heute.
Zweitens: Wiederholt wurde die 1993 von Manfred Bissinger erfundene Wochenzeitung DIE WOCHE mit internationalen Preisen für das beste, das innovativste Konzept ausgezeichnet. Doch die Zeitung fand trotz erheblicher Marketinganstrengungen nie genügend Käufer und musste 2002 eingestellt werden.
Drittens: Die Alltagsausgabe der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG errang nie einen Design-Preis, und, um offen zu sein, sie wirkt mitunter auch ziemlich ungepflegt. Und doch wurde sie bis zur Medienkrise 2001 die in Sachen Auflage und publizistisches Renommee erfolgreichste Tageszeitung Deutschlands.
Viertens: In den Zeitungstitel DIE WELT hat der Axel-Springer-Verlag während der vergangenen zehn Jahre sehr viel Geld, Marktforschung und Marketing-Know-how investiert. Keine andere Tageszeitung wird mit einem vergleichbaren Aufwand im Markt gehalten - und das übrigens seit Jahrzehnten. Und doch sank die Auflage des Blattes stetig weiter.
Und schließlich fünftens: Im Sonntagszeitungsmarkt hat die FRANKFURTER ALLGEMEINE mit ihrer FAS ohne größere Werbe- und Marketinganstrengungen - zudem gegen erhebliche Störmanöver der Mitbewerber - innerhalb von zwei Jahren einen spektakulären Auflagenerfolg erzielt, indem die Zeitung Anfang 2005 eine verkaufte Auflage von rund 300.000 Exemplaren erreichte.
Wer allein der ökonomischen Sicht folgt, sich nur auf Leserwünsche einstellt und Journalismus auf eine Dienstleistung am Konsumenten verkürzt, der verliert sein journalistisches Profil ebenso wie die Programmmacher, die ihr Produkt nur auf Quoten ausrichten. Dies gilt für Fernsehformate wie auch für Printprodukte, sobald sie den Windkanal der Marktforschung verlassen. Viele Formate und Titel aus Medienkonzernen belegen diese Beobachtung: Sie erzielen zwar als Anzeigenträger selbst in Zeiten der Werbeträgerkrise gute Umsätze, doch verlieren sie dabei für den Journalismus konstitutive Funktionen, zu deren wichtigsten die Glaubwürdigkeit gehört. Aber auch umgekehrt sind journalistische Medien zum Scheitern verurteilt, wenn sie sich selbst zum Maßstab nehmen und das Publikum mit seinen Wünschen nach Orientierung missachten - es sei denn, sie haben eine ideologische Glaubensbeziehung zur Leserschaft (wie der BAYERNKURIER oder das NEUE DEUTSCHLAND) oder feiern sich vor einem intellektuellen Nischenpublikum.
Guter Journalismus will indessen möglichst ein Massenpublikum, er sucht mit der Öffentlichkeit auch Reichweite.
Michael Haller hat sich während drei Jahrzehnten immer aufs Neue mit diesem Funktionszusammenhang befasst, der Medienwissenschaftler, Medienmacher und Mediennutzer gleichermaßen umtreibt. Er lautet: Was macht die - erfolgsgebundene - publizistische Qualität einer Zeitung oder Zeitschrift, die eines Radiobeitrages oder eines TV-Magazins aus? Wie kann man sie lehrend vermitteln? Dabei hat er mit seinen Arbeiten nicht nur solide Fundamente für die journalistische Praxis gelegt und viele handwerkliche Standards gesetzt, die heute - man denke etwa an die Methoden des Recherchierens oder sein Konzept der Darstellungsformen - weithin als selbstverständlich gelten. Er hat sich auch immer wieder im medienwissenschaftlichen Diskurs zu Wort gemeldet, wenn dessen Fragen nach der real existierenden Qualität journalistischer Leistungen wie nach Fehlleistungen auf ein fruchtloses Theoretisieren hinauszulaufen drohten. In mehreren Aufsätzen hat er das Konzept eines normativ fundierten, pragmatisch verfahrenden Journalismus als "informatorisches Orientierungssystem der Gesellschaft" theoretisch begründet und beschrieben.
Sein erster Theorieaufsatz, vor 27 Jahren mit einem kritischen Rückblick auf die Zeit der Moderne geschrieben, rückte bereits "die Massenkommunikation als Eigenschaft der Gesellschaft" in den Mittelpunkt:
"Die Bedingungen, unter denen die Massenmedien ihrer Vermittlerrolle gerecht zu werden suchen, sind die Bedingungen, unter denen sich dieses Gesellschaftssystem durch die Zeitgeschichte schlägt, ebenso, wie die normativen Ansprüche an die Massenkommunikation für die Ansprüche stehen, die das gleiche System für sich zum Wert erhebt. Diese doppelte Rolle - nämlich als medialer Vermittler diesen Anspruch der Zeitgeschichte kritisch zu reklamieren und zugleich [...] die alltäglichen Bedingungen zu beschreiben, unter denen sich dieser Anspruch nur einlösen lässt - diese Doppelbödigkeit macht die Wirklichkeit der Massenkommunikation aus [...]. Es ist jetzt ein Verständnis der Massenkommunikation gefragt, das sozialphilosophische Sinnbestimmungen in den Zusammenhang mit empirischen Forschungsmethoden zu setzen versteht [...]: der Sinnzusammenhang, durch den allein die Funktion der Massenkommunikation begreiflich wird, dieser Zusammenhang muss in der gesellschaftlichen Lebenswelt, in der Medienwirklichkeit gesucht und erkannt werden; denn sonst würde die Werthaltigkeit der "Eigenschaft" Massenkommunikation auch weiterhin verdrängt und vergessen, sobald es um die empirisch-handwerkliche Durchforschung dieser Praxis geht. Der wertlose Empirismus genauso wie die unpraktische Theorie mögen vielleicht den [...] Wissenschaftsbetrieb in Gang halten; den Eigenheiten der Massenkommunikation bleiben sie indes entrückt."
(Haller/Bürgi 1978, S. 50f.)
Diese programmatische Sicht ist eine Art roter Faden durch die vergangenen Jahrzehnte in Michael Hallers Arbeit - in seiner wissenschaftlichen wie auch in seiner berufspraktischen. Heute sieht Haller die den Journalismus funktionalisierende Gesellschaft in einem auf Expansion gerichteten Wandlungsprozess, für den das Schlagwort Globalisierung steht; nach Haller geht es dabei vor allem um eine technologisch induzierte, kulturell wie ökonomisch wirksame Expansion, die über das Mediensystem durchgesetzt wird. Die Mediengesellschaft taumle sozusagen zwischen (tradierter) Identität und Universalität und stelle neue Erwartungen an den Journalismus als Orientierungssystem (vgl. Haller 2004, S. 47 ff. - siehe letztes Kapitel in diesem Buch).
Der vorliegende Band versteht sich als ein Beitrag zum Diskurs über Theorie und Praxis des Journalismus, so wie er Michael Hallers wissenschaftliche wie journalismuspraktische Tätigkeit bestimmt. Und genauso vielseitig wie sein Plädoyer für eine differenzierte Diskussion des Begriffs Qualität nähern sich auch die Beiträge dieses Buches dem Thema: Sie diskutieren die historischen wie auch strukturellen Bedingungen und Bedingtheiten der journalistischen Praxis durchaus kontrovers, doch stets im Bemühen, einen tragfähigen, inhaltsreichen Qualitätsbegriff zu finden.
Die Autoren dieses Bandes eint zweierlei: Sie sind ausgewiesene Experten auf ihren Arbeitsgebieten - sei es als Medienmacher, Medienforscher oder beides zusammen. Und sie standen - oder stehen noch - in enger kollegialer Beziehung zu Michael Haller und seinen Arbeitsfeldern.
Das Buch wird eingeleitet über die Retrospektive zweier mit Michael Haller eng verbundener Publizisten aus Ost und West: Dieter Wild, zuletzt Mitglied der Chefredaktion des SPIEGEL, beleuchtet den westdeutschen Nachkriegsjournalismus jener Zeit, als Haller unter seiner Ressortleitung SPIEGEL-Redakteur und -Reporter war. Siegfried Schmidt, der mit Michael Haller das neue "Leipziger Modell" aufgebaut hat, rekonstruiert die für die Journalistenausbildung in der DDR bedeutsame Ära der fünfziger Jahre mit ihren Folgen für die Zeit bis zum Ende der DDR.
Der erste Buchteil dann behandelt den für die Journalistik so schwer zu fassenden Qualitätsbegriff aus wissenschaftlicher Sicht. Die Rolle der Medien als Vierte Gewalt: Thomas Leif, Fernsehreporter und Vorsitzender des Netzwerks Recherche, beschreibt unter politologischem Blickwinkel schonungslos das zerstörerische Beziehungsgeflecht aus politischer und wirtschaftlicher Macht, das den Journalismus zu korrumpieren droht; er erinnert an die unveräußerliche Kritikfunktion des Journalismus, die es zu stärken gilt.
In ihrem Beitrag über Qualitätsmanagement als Mittel des Erfolgs bringen Barbara Held und Stephan Ruß-Mohl Licht ins Dunkel der Entwicklung der Qualitätsdebatte - und zeigen, dass ein Corporate journalism in der Lage ist, Standards zu setzen und diese auch zu sichern. Harald Rau, seit mehreren Jahren Gastdozent an der Leipziger Journalistik, diskutiert unter einer konsequent medienökonomischen Perspektive die Brauchbarkeit der von Haller vorgelegten, "normativ-pragmatisch" genannten Qualitätsdefinition. Die auf Qualität gerichteten Anforderungen an den Bildjournalismus sind das Thema von Tom Knieper, renommierter Experte des visuellen Journalismus. Sein Fazit: Die Aufklärung des Publikums über die Umstände der Bildproduktion werden ein wichtiger Erfolgsfaktor.
Der zweite Buchteil gilt der Medienpraxis; hier schreiben die Journalisten und Blattmacher, wie sie Qualitätssicherung konkret verstehen - und praktizieren. Hans Leyendecker, fast schon Synonym für den im Übrigen raren Recherchierjournalismus in Deutschland, beschreibt die professionellen Maßstäbe der journalistischen Recherche. Er begründet zwingend, warum sie für das Überleben des Qualitätsjournalismus unabdingbar sind.
Werner Kilz, Chefredakteur der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, beschreibt sehr konkret und anschaulich, vor welchen Entscheidungsproblemen ein Redaktionschef steht, der gegen den Druck von außen und innen seine Qualitätsstandards durchhalten will, weil er weiß, dass sie am Ende auch Garanten des publizistischen Erfolgs sein werden.
Unter derselben Problemstellung erörtert im folgenden Beitrag Uwe Zimmer, Chefredakteur der NEUEN WESTFÄLISCHEN, mit welchen Konzepten die im Lokalen verankerte Regionalzeitung ihre Zukunft sichern kann, sichern muss. Sein Bericht ist reich an erfolgreichen Beispielen.
Wie steht es um die Publikumszeitschriften in einer Zeit der fortgesetzten Segmentierung der Publika in Special-Interest-Zielgruppen? In seinem Beitrag umreißt Christoph Fasel ein Anforderungsprofil an den General-Interest-Journalismus, dem vermehrt eine integrierende Funktion zukommen wird.
In Zukunft sollte der Journalismus vor allem Sinnvermittler in einer sich entgrenzenden Welt sein: Theo Sommer, während zwei Jahrzehnten Chefredakteur, dann Herausgeber der ZEIT und so auch Chef des Dossier-Ressortleiters Haller, beschließt mit seinem Plädoyer diesen Teil.
"Perspektiven für die Medien von morgen" lautet der dritte Buchteil, der vier Medienwissenschaftlern Gelegenheit gibt, die mit drei aktuellen Trends verbundenen Perspektiven zu untersuchen: Christoph Neuberger, renommierter Experte für Internet-Journalismus, geht der provokanten Frage nach, ob die Zeitungsverlage (einmal mehr) den Internettrend verpasst haben. Staatssekretärin Miriam Meckel, die sich in zahlreichen Publikationen mit dem Globalisierungstrend befasst hat, untersucht die Chancen und Grenzen des transkulturell agierenden Journalismus. Marcel Machill, 2002 auf die zweite Journalistik-Professur nach Leipzig berufen, beschreibt die hochschulgebundene Journalistenausbildung und diskutiert die mit dem Bologna-Prozess (Umstellung auf konsekutive Studiengänge) verbundenen Folgen. Gemeinsam mit Markus Beiler beschäftigt er sich in einem weiteren Beitrag anschließend mit der Ausbildung im Bereich des Online-Journalismus.
Der letzte Buchteil führt in die Arena der aktuellen Theoriedebatte, wo System- und Handlungstheoretiker, gemäßigte und radikale Konstruktivisten, Subjekt- und Pragmatik-Vertreter miteinander ringen. Vor vier Jahren lieferte Michael Haller eine pointiert formulierte, seither viel diskutierte Kritik der Leistungskraft derzeitiger Systemtheorien. Wir baten den Systemtheoretiker Siegfried Weischenberg, dessen Journalismustheorie von Haller einbezogen wurde, um ein Statement - was ihn zu einer nicht minder pointierten Replik auf Hallers Klageschrift veranlasste. Sein metaphorischer Titel über Botaniker und Gärtner macht neugierig. Um die Kontroverse nachvollziehen zu können, leiten wir den Buchteil mit jenem Aufsatz Hallers ein.
In einer Festschrift soll der Gefeierte das letzte Wort haben - was freilich ein Problem bedeutet, da er ja selbst in dieses Projekt nicht einbezogen wurde, also auch keinen Beitrag verfassen konnte. Um den aktuellen Stand der Theoriedebatte dennoch zu dokumentieren, drucken wir Michael Hallers 2004 publizierten Beitrag "Die Mediengesellschaft oder das Dilemma der Unvereinbarkeit von Identität und Universalität" ab. Er liest sich wie eine Antwort auf Weischenbergs Replik, indem er den Bogen weiter spannt und die Tendenzen des Journalismus in der sich globalisierenden Mediengesellschaft diskutiert.
Die unterschiedlichen Ansätze der Beiträge belegen die Lebendigkeit und die Tiefe der Qualitätsdebatte, so wie sie in der Journalismusforschung gleichermaßen wie in der Alltagspraxis Aktualität besitzt.
Dieses Buch verdankt seine Entstehung vielen Mitstreitern. In erster Linie allen Autoren, die trotz knapper Zeit mit großem Engagement mit ihren Beiträgen Michael Haller ihre Gratulation zum 60. Geburtstag aussprechen. Dank geht auch an den VS Verlag für Sozialwissenschaften in Wiesbaden für die freundliche Erlaubnis, die zwei erwähnten Aufsätze Hallers nachdrucken zu dürfen.
Andreas Eickelkamp, Lehrbeauftragter am Leipziger Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, hat mit seiner professionellen Redaktions- und Organisationsarbeit dieses Werk erst möglich gemacht. Genauso wie die UVK Verlagsgesellschaft in Konstanz, die die Idee dieser Festschrift mit Freude unterstützte; ihrer Geschäftsführung und ihrem Lektor Rüdiger Steiner gilt der herzliche Dank des Herausgebers. Anne Strätker hat die umfangreiche Bibliographie zu den Werken Michael Hallers zusammengetragen. Steffen Sommer und Oliver Bayer von der Redaktion und Orhan Tançgil samt seinen Kolleginnen und Kollegen aus der Layoutabteilung der WortFreunde GmbH in Stuttgart schulde ich Dank für ihre präzise Unterstützung - und ihren Langmut.
Tübingen im Januar 2005