Vorwort
Familienunternehmen machen einen Unterschied. Weltweit erbringen sie in allen an Marktwirtschaft orientierten Volkswirtschaften einen großen Teil der jeweiligen Wertschöpfung. Im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen Kontextes bilden sie stabile Strukturen aus, entlang derer Traditionen und Werte vermittelt werden. Als Unternehmen folgen sie nicht immer den Empfehlungen der klassischen Ökonomie, engagieren sich gesellschaftlich, orientieren sich nicht an Quartalsberichterstattungen und sind dennoch mindestens so erfolgreich wie ihre börsennotierten Pendants. Wie kommt es, dass die Forschung von diesem Organisationstypus erst seit kurzer Zeit, genauer: seit 20 bis 25 Jahren, in nennenswertem Umfang Notiz genommen hat? Familienunternehmen stellen nach wie vor einen weißen Fleck auf der Forschungslandkarte dar. Obgleich sich mittlerweile viele Disziplinen um die Erforschung der Spezifika von Familienunternehmen bemühen - hierzu zählt die Ökonomie ebenso wie die Psychologie, die Soziologie, die Sozialpsychologie oder die Rechtswissenschaften - kann man derzeit noch immer auf keine Theorie des Familienunternehmens zurückgreifen.
So verwundet es nicht, dass sich auch die Literatur zu Fragen der Führung bislang kaum mit spezifischen Aspekten des Familienunternehmens beschäftigt. Weder hat die Finanzierungstheorie auf die Besonderheiten von Familienunternehmen reagiert, noch Disziplinen wie das strategische Management, das Personalmanagement, die Organisationstheorie oder die Stakeholdertheorie. Doch in allen diesen Bereichen lassen sich besondere Merkmale in Familienunternehmen identifizieren, die es in die bisherigen Theorieangebote jener Disziplinen aufzunehmen gilt. Dass dies noch nicht erfolgt ist liegt möglicherweise daran, dass immer noch wenig über die Familie des Familienunternehmens bekannt ist. Sie ist die entscheidende Variable, die den Unterschied des Familienunternehmens begründet. Sie ist es, die die klassische strategische Planung irritieren oder schlimmstenfalls subvertieren kann, sie kann Personalentscheidungen nach anderen als den sonst etablierten Kriterien vornehmen und sie ist der Grund, warum manche organisationale Strukturen in Familienunternehmen im Vergleich zu Nichtfamilienunternehmen anders ausgeprägt sind.
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, welchen Unterschied die Familie im Rahmen der Führung in Familienunternehmen macht, genauer: ob die angemessene Handhabung familienunternehmenstypischer Aspekte im Familienunternehmen als eine weitere Führungsaufgabe im Familienunternehmen verstanden werden kann. Hierzu wird versucht, die charakteristischen Merkmale von Familienunternehmen aus der klassischen Führungsfunktion herauszufiltern und als eigene Managementfunktion zu reformulieren. Im Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion wird also eine neue Managementdisziplin vorgeschlagen, die die Handhabung der Familie des Familienunternehmens zur Aufgabe hat und somit einen Beitrag zur langfristigen Überlebenssicherung von Familienunternehmen leistet.