Vorwort
Wir möchten Sie einstimmen in dieses Buch, indem wir von unseren persönlichen Erfahrungen mit Bert Hellinger und seiner Arbeit berichten, indem wir erzählen, wie wir ihm begegnet sind, ihn erlebt haben, was diese Begegnung und die praktische Anwendung seiner Arbeit mit uns gemacht haben, wie wir sie im Kontext der Therapiegeschichte und anderer Bewegungen und Zeiterscheinungen einordnen. Wir tun dies ganz subjektiv und narrativ, so, wie es uns gerade in den Sinn kommt. Vielleicht regt Sie dies an, sich Ihre eigene Geschichte zu vergegenwärtigen, und dabei könnte es Ihnen gehen wie uns: dass Sie im Erzählen oder im inneren Nachvollzug dieser Geschichte die eine oder andere Entdeckung machen und Ihnen die eine oder andere Einsicht geschenkt wird.
Heinrich Breuer
Ich habe Bert Hellinger 1978 oder 1979 bei einer familientherapeutischen Ausbildung in Colorado kennen gelernt. Er war noch vom Jetlag geplagt und wollte gerade zu Bett gehen, als ich in unser gemeinsames Doppelzimmer hineinplatzte. Wir verbrachten gemeinsam vier Wochen in diesem Zimmer und freundeten uns in dieser Zeit an. Gehört hatte ich von ihm schon vorher durch meinen Freund Otto Brink, bei dem ich die Primärtherapie erlernt harte, der er sich bei Bert unterzogen hatte. Obwohl nicht wesentlich älter als Otto, war Bert damit quasi mein primärtherapeutischer Großvater. Und dass Otto auch an dieser Fortbildung teilnahm, rundete das Bild für mich wunderbar ab. Wir drei waren die "german guys", unternahmen viel miteinander, gingen aber auch jeder für sich unserer Wege.
Es war eine Zeit großer Innovationen in der Psychotherapie. In den siebziger Jahren waren viele der in den USA längst verbreiteten Methoden der humanistischen Psychotherapie in verstärktem Maße nach Europa gekommen. Vermittelt wurden sie vor allem den lernbegierigen Psychologen und Ärzten, die in ihnen eine sinnvolle Alternative zu der damals allein herrschenden und selig machenden Psychoanalyse sahen. Plötzlich gab es Workshops in Transaktionaler Analyse, Gestalttherapie, Primärtherapie, Bioenergetik, klientenzentrierter Psychotherapie, Psychodrama etc. Ende der siebziger Jahre traten zusätzlich die Familientherapie und die Hypnotherapie nach Milton H. Erickson stärker in Erscheinung. Das Neue an diesen Methoden war, dass sie wachstumsorientiert waren und nicht defizitorientiert. Ihnen lag ein positives Menschenbild zugrunde, das sich wohltuend von der damals eher stigmatisierenden Diagnostik der Psychoanalyse unterschied. Das Neue an den achtziger Jahren war auch, dass mit der Verbreitung der Osho-Sannyasins eine starke Laienbewegung in der im weitesten Sinne therapeutischen Arbeit entstand, die die ursprünglich in der Psychotherapie beheimateten Methoden in andere Felder hineinführte.
Ich hatte all diese Methoden bei damals renommierten Lehrern kennen gelernt und fand in Bert Hellinger jemanden, der nicht nur alles das auch kannte, sondern auch zum größten Teil besser kannte. Und es gab etwas, was ihn ganz besonders kennzeichnete. Er hatte die Fähigkeit, über die einzelnen Methoden hinaus zu denken, ihre Schwachstellen zu finden und klar einschätzen zu können, was für die Arbeit mit Menschen brauchbar war und was nicht. In Bert fand ich einen eigenständig und unkonventionell denkenden Menschen mit einem scharfen analytischen Verstand, der alles Neue scheinbar mühelos integrieren konnte und sich zusätzlich mit großer Ernsthaftigkeit und Intensität den Selbsterfahrungsprozessen in der Ausbildung stellte. Er dachte über den Tellerrand der Psychotherapie hinaus, und für mich wurden in dieser Fähigkeit die theologischen und philosophischen Wurzeln seines Denkens immer wieder sichtbar.
Natürlich wollte ich mehr von seiner Arbeit wissen, und so saß ich drei Monate nach meiner Rückkehr aus den USA zum ersten Mal in einem seiner legendären Skriptkurse als Co-Leiter neben ihm. Ende der siebziger bis Ende der achtziger Jahre wurde es zur Gewohnheit, ein- bis zweimal pro Jahr nach Ainring zu reisen (wo er damals wohnte) und in Skriptkursen und Primärkursen Co-Leiter zu sein. Ich lernte neben dem, was ich in den USA kennen gelernt hatte, einen klarsichtigen, einfühlsamen und warmherzigen Therapeuten kennen. Auf der einen Seite erkannte er blitzschnell wunde Punkte, machte sich an ihnen fest und ließ sich nicht beirren, was ihm später von Kritikern als Härte ausgelegt wurde. Auf der anderen Seite war er nach tiefen Schmerzerlebnissen oder Geburtserfahrungen ein zärtlicher und hingebungsvoller Elternteil, der Erfahrungen von Geborgenheit und Willkommen-Sein in der Welt vermittelte, die in den Tiefenschichten der Seele heilend wirken konnten.
Ich lernte beide Seiten an ihm schätzen. Natürlich ist das Zärtliche und Weiche das, was man sich mehr wünscht, aber schon Jaqui Shiff hatte in der Beschreibung des Parentings hervorgehoben, dass Kinder auch Abgrenzung und Konfrontation brauchen. Bert war ein Meister sowohl der zärtlichen als auch der konfrontativen Begleitung, er war, was immer geschah, als Gegenüber mit seiner ganzen Kraft in den Prozess mit den Klienten eingebunden. Seine scheinbar harte Seite erforderte, dass man sich ihm stellte. Und wenn man sich ihm stellte, kam es zu tiefen Begegnungen, und solche Erfahrungen sind die intensivsten Beschleuniger von persönlichem Wachstum, die ich in meiner nun schon mehrere Jahrzehnte umfassenden psychotherapeutischen Arbeit kennen gelernt habe. Bert machte es einem unmöglich, ihm nicht zu begegnen. Kein Wunder, dass Legionen von Therapeuten seine Kurse besuchten und ihn bestürmten, ein Buch zu schreiben.
Dieser Wunsch kam nicht von ungefähr. Bert machte nicht nur Psychotherapie, sondern er lehrte auch. Er erklärte Zusammenhänge und stellte seine Einsichten dar, die aus seinem Bemühen zu verstehen resultierten. Das, was er später in seinem Buch Ordnungen der Liebe darstellte, war schon in den Achtzigern Gegenstand seiner Kurse. Die Menschen waren von seinen Darstellungen berührt. Es kursierten Mitschriften aus seinen Kursen, in denen das, was er gesagt hatte, protokolliert war. Seine "Lehrtätigkeit", in der deutlich wurde, dass er nicht in der Psychotherapie verhaftet blieb, machte ihn als Therapeuten womöglich noch überzeugender. Er wollte nie Lehrer werden, hat er mir bei einem Interview einmal gesagt, aber er lehrte überzeugend und gut. Und er hat sich korrigiert, wenn etwas ihm nicht mehr zu passen schien, und ließ auch zwei sich scheinbar widersprechende Einsichten kommentarlos nebeneinander stehen. Im Buch von Theo Roos Philosophische Vitamine fand ich ein Zitat zu Nietzsche, das auch zu Bert Hellinger passt: "Ein Fälscher ist, wer Nietzsche interpretiert, indem er Zitate aus ihm benutzt. Im Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden: Nietzsche hat alles gesagt und das Gegenteil von allem." Die Aussage von Bert Hellinger: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern", die er machte, als jemand ihm sagte, in einem anderen Kurs habe er etwas anderes behauptet, macht deutlich, dass er immer in Bewegung war und ist, immer weiterging, an Verdichtungen der Arbeit interessiert war.
Und diese Beweglichkeit brachte ihn zu der Familienaufstellung in der bekannten Form und führte ihn dann später darüber hinaus. Hatte sich die von uns seit Anfang der achtziger Jahre praktizierte Form der Aufstellungsarbeit noch auf die Hinzufügung der ausgeklammerten Familienmitglieder und die Umstellung der Familie im Sinne einer besseren Ordnung beschränkt, so wurde im Laufe der Zeit die Arbeit mit Primärprozessen mehr und mehr Bestandteil der Arbeit. Als ich Bert einmal bei einem unserer seltener gewordenen Treffen fragte, warum er keine Primärkurse mehr anbiete, antwortete er: "Das mache ich jetzt alles in einem, ich habe die Primärtherapie in die Aufstellungsarbeit integriert." Neugierig geworden, durfte ich wieder einmal neben ihm sitzen und erlebte die Fortentwicklung der Aufstellungsarbeit bis hin zu dem, was wir seit Anfang der neunziger Jahre in vielen Veranstaltungen und auf vielen Videos nachvollziehen können. Bert hatte eine lösungsorientierte Kurzzeittherapie entwickelt, in der Lösung sich vor allem auf die Gestaltung der primären Beziehungen bezog. Die in diesen Beziehungen entstandenen Konflikte wurden auf dem Hintergrund der Geschichte der Familie und Sippe beleuchtet und neu gewichtet. Durch Gunthard Webers Buch Zweierlei Glück und die folgenden vielen Publikationen von Bert Hellinger selbst wurde die Arbeit einem breiteren Publikum bekannt und stieß auf ungeheure Resonanz. Wie kein Therapeut zuvor hat Bert Hellinger seine Arbeit in Veranstaltungen und auf Videos öffentlich gemacht. Damit hat er sich natürlich auch angreifbar gemacht, denn Interventionen können oft nicht nachvollzogen werden, und es gibt immer auch andere Möglichkeiten zu intervenieren.
Wilfried Nettes
Im Vergleich dazu bin ich ein ausgesprochener Spätentwickler. In den Siebzigern waren Therapie, Selbsterfahrung und inneres Wachstum für mich noch Spinnereien oder allenfalls für schwächliche, Halt suchende und brauchende Menschen akzeptabel. Ich hatte zwar Freunde die sich mit so etwas befassten, aber das ging ganz an mir vorbei. Bis mich dann 1981/82 Osho voll erwischte. Das war wie ein Schlag aus dem Nichts, der nach und nach mein ganzes Leben veränderte.
Ich bin also über die von dir, Heinrich, so genannte Laienbewegung der Sannyasins zur Therapie gekommen, wobei das mit der Laienbewegung nur halb stimmt. Die Sannyasbewegung war zwar keine therapeutische, sondern eine ausgesprochen spirituelle Bewegung; sie zog aber damals ganz viele hervorragende Therapeuten an. Diese fanden bei Osho etwas, was ihnen in der Therapie fehlte, nämlich eine spirituelle Perspektive, die der Therapie erst eine Richtung und einen Sinn gab, zugleich aber ganz modern und frei war von allen bekannten religiösen Traditionen und Lehren. Osho nutzte alle modernen Therapiemethoden, um die Menschen zur Meditation zu bringen, zum Einklang mit sich selbst und zur Stille. Und dazu bediente er sich der besten Therapeuten.
Das waren also durchaus Fachleute. Aber die Kursteilnehmer haben die Methoden, die sie in den Gruppen kennen lernten, einfach aufgegriffen, angewendet und weiterverbreitet als "spirituelle Therapie", ohne eine herkömmliche therapeutische Ausbildung zu haben. So ähnlich, wie es auch beim Familienstellen geschah. Und das hat, und auch das ist eine Parallele, die ganzen Therapien aus den Siebzigern erst richtig populär gemacht und für ihre ungeheure Verbreitung gesorgt. Und es hat auch ihre Lebendigkeit ausgemacht und für ihre Weiterentwicklung gesorgt, weil es nicht verschult war, sondern man ganz wild damit experimentiert hat.
In diesem Milieu bin ich zur Therapie gekommen, ganz unorthodox, ganz erfahrungsorientiert, jenseits aller Schulen und Fachdiskussionen. Eigentlich hat mich Therapie nie interessiert, sondern immer nur das, was man früher vielleicht Gotteserfahrung nannte, der Einklang mit etwas, in dem ich mich sowohl ganz als ich selbst als auch ganz jenseits von "Ich" erfahre - es ist schwer in Worte zu fassen. Und genau diese Orientierung habe ich bei Bert Hellinger wieder angetroffen, und bei der Aufstellungsarbeit ist mir diese Erfahrung wieder und wieder begegnet, aber auf eine neue Weise.
Das war 1996, da warst du (Heinrich Breuer) schon längst als Aufsteller etabliert. Ich hatte zehn Jahre vorher angefangen, therapeutisch zu arbeiten, habe aber bald gemerkt, dass mir etwas fehlte. Ich bin nicht darauf gekommen, was es war. Sicher fehlte es mir auch an professionellem Background, aber das war es nicht allein. Bei den Sannyasins haben wir hauptsächlich mit dem Ausdruck, dem Herauslassen von Gefühlen und dem Gegenteil, der stillen Beobachtung des ganzen Gefühlstheaters und Chaos, gearbeitet. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass ich dabei auf der Stelle trete, deshalb habe ich Anfang der Neunziger aufgehört, therapeutisch zu arbeiten. Als ich Ordnungen der Liebe las, wusste ich plötzlich, warum: Die Gefühle gehören nicht herausgeschrieen, sondern hereingenommen; das "innere Kind" gehört nicht verehrt, sondern geliebt; anstatt ihm zu huldigen und es wieder und wieder aufleben zu lassen, muss man es lassen, wie und wo es war; die Vergangenheit gehört nicht aufgearbeitet, sondern angenommen. Sie war, wie sie war, und so, wie sie war, war sie richtig. Das war ungeheuer befreiend, ich habe sofort gespürt: Das ist wahr, so ist es. Und ich habe alles, was Bert sagte, sofort verstanden - nicht im Kopf, der brauchte etwas länger dafür, aber in der Seele. Und meine Erfahrung mit Osho und mit Meditation hatte mich dazu gebracht, diesem Verstehen mit der Seele voll zu vertrauen. Es war mir sofort klar, dass hier meine berufliche Zukunft liegen würde, und ich habe die Arbeit dann auch ganz schnell gelernt und sofort mit großem Erfolg praktiziert.
Ich habe Bert genau wie du, Heinrich, auch nie als "hart" erlebt. Als unbeirrbar, ja, als absolut konsequent und furchtlos, als jemanden, der sich selbst wie dem Klienten das Äußerste zumutet, aber dabei immer zugewandt und liebevoll ist - es sei denn, jemand griff ihn an. Aber auch dann wurde er nicht aggressiv, sondern zog sich einfach zurück, verweigerte die Zusammenarbeit und den angetragenen Machtkampf oder das Machtspiel. Das machte und macht die Menschen manchmal wütend, weil sie mit ihm kämpfen wollen und er sich einfach umdreht. Ich finde das genial. Und wenn jemand dann damit aufhörte, war die Sache auch vorbei und vergessen, dann war Bert zu dieser Person ebenso zugewandt wie zu allen anderen. Das hat mich sehr beeindruckt, er ist ein Meister darin, solche Spiele blitzschnell zu durchschauen und sie zu entlarven. Wenn das vor großem Publikum geschieht, kann es natürlich für die Betroffenen demütigend sein, aber nur so lange, wie sie sich mit ihrem Spiel identifizieren. Nicht er demütigt sie, sondern sie selbst tun dies. Wenn jemand wirklich wahrhaftig werden will, gibt ihm dies eine große Chance zur Selbsterkenntnis, und er wird Bert dankbar sein. Ich jedenfalls habe daraus ungeheuer viel gelernt, für mich selbst wie für meine Arbeit.
Wir haben ja immer zwei Seelen in unserer Brust, eine, die etwas ändern will, sich öffnen und sich ganz erleben will, und eine, die genau diese Veränderung und diese Öffnung fürchtet und alles tut, um sie zu verhindern. Selbsterkenntnis ist immer mit dem Aufdecken der Muster verbunden, mit denen wir uns selbst und andere täuschen, um dieser Öffnung zu entgehen, und in diesem Sinne muss ein Therapeut auch "hart" sein, aber das geht bei Bert ja immer einher mit Liebe zur Seele, mit Liebe zum Kind und, was besonders wichtig ist, mit Liebe zur Familie des Betroffenen.
Darin scheint mir das ganz große Missverständnis über seine Arbeit zu liegen, in dieser Liebe zur Familie, und gleichzeitig auch der Schlüssel für ihre Wirksamkeit. Das ist für mich wirklich ein Königsweg: Erst diese Liebe ermöglicht es mir, mich selbst zu nehmen, wie ich bin. Und erst diese Liebe ermöglicht es dem Therapeuten, seinen Klienten zu nehmen, wie er ist. Das ist, bei aller methodischen Kontinuität, der ganz große Schritt, den Bert über die Therapien der 60er- und 70er-Jahre hinaus getan hat: die Liebe zu den Eltern, zur Sippe, zur Vergangenheit; die Liebe zu dem, was war und was uns gemacht hat; die Liebe zu unserer Wirklichkeit, so, wie sie ist. Für mich ist er kein humanistischer Therapeut, auch wenn er methodisch viel davon übernommen hat. Die humanistische Therapie wollte die Welt verändern - nicht mehr im Äußeren wie die sozialen und politischen Utopien, sondern auf dem Weg über das Innere. Aber sie war und ist immer noch Weltveränderungsprogramm, Erlösungsprogramm, sie ist eine nach innen gewendete Form der idealistischen Utopien des 19. Jahrhunderts und wurzelt spirituell in der christlichen Erlösungsphilosophie, auch wenn sie diese mit östlichen Lehren überformt hat. Sie ist im Grunde weltfeindlich, wirklichkeitsfeindlich, erdfeindlich und auf der Suche nach Erlösung von all dem irdischen Jammertal, nur dass sie Erlösung "Transzendenz" nennt. Das sieht man am deutlichsten an der Haltung zu den Eltern. Sie sind ja die Repräsentanten des Irdischen, aus ihnen ist unser Leib gemacht, unser irdisches Sein, und sie waren immer die "Feinde" in der Therapie, das, was das Individuum eingeschränkt hatte und seine Entfaltung im Innern immer noch behinderte; das, woran man sich abarbeiten, wovon man sich lösen, was man nicht selten zu diesem Zweck auch bekämpfen oder sogar, symbolisch natürlich, töten musste (eine Bekannte von mir hat vor einigen Jahren ihren Vater symbolisch in einem See versenkt, und die Therapeuten, mit denen sie arbeitete, fanden dies richtig; ein Jahr später hat sie sich selbst das Leben genommen).
Bert hat sich davon gelöst, indem er sich ganz dem Sein oder, wie er eine Zeit lang immer wieder sagte, der Erde zugewandt hat. Ich weiß nicht, ob das für seine neueste Entwicklung noch gilt, aber für mich ist es das Entscheidende: diese tiefe Zuwendung zum Sein, zur Erde, zum Leben, wie es ist, in aller Unvollkommenheit und Schlichtheit. Und den Eltern in ihrer ganzen Begrenztheit gilt seine ganz tiefe Liebe, einfach weil sie das Leben weitergeben und so im Dienst der Lebensbewegung stehen. Das ist ein Paradigmenwechsel, der weit über die methodischen Debatten hinausgeht. Einige Kritiker ahnen dies wohl, daher schießen sie aus allen Rohren. Diese Hinwendung zum Leben, die am deutlichsten wird in der Achtung und der Liebe zu den Eltern, ist eine ganz andere Form der Spiritualität, als sie im Christentum und anderen Erlösungsreligionen und Erlösungswegen (auch östlichen Erleuchtungswegen) zum Ausdruck kommt. Die Utopien des 19. Jahrhunderts, die sozialen, politischen oder romantischen Bewegungen folgen alle dieser christlichen Erlösungsidee, nur dass sie sie ins Diesseits verlegen. Und ebenso die Psychotherapie, vor allem die humanistische, die anstatt den äußeren den inneren Weg wählt - aber immer als Überwindung dessen, was ist, immer in einer im tiefsten Inneren erd- und lebensfeindlichen Haltung. Ihr "wahrer Mensch" muss das alles transzendieren.
Bert Hellinger, der ehemalige Missionar, hat sich hingegen ganz der Erde anheim gegeben. Ein radikalerer Bruch mit dem Christentum scheint mir nicht denkbar (es ist allerdings weniger ein Bruch mit den Formen und Institutionen als mit der Welthaltung, die dem Christentum zugrunde liegt und die auch in den antichristlichsten Ideen und Bewegungen, darunter auch der Psychotherapie, weiterlebt). In dieser scheinbar unspirituellen Haltung erfahre ich die tiefste Spiritualität, in diesem Sich-Aussetzen und Annehmen von Schrecklichem den tiefsten Frieden. Da ist er für mich ein großer Erneuerer, ein Pionier, der die ganze psychologische Arbeit mit Menschen revolutioniert hat. Die Diskussion, ob er denn nun der Begründer des Familienstellens ist oder nicht, erscheint mir da völlig lächerlich. Er ist viel mehr, er hat die ganze Psychotherapie vom Kopf auf die Füße gestellt. Von daher dürfen wir uns natürlich auch nicht wundern, dass die Psychotherapeuten ihn und uns nicht gerade lieben.
Heinrich Breuer
Ich kann dir nur teilweise zustimmen, freue mich aber immer wieder darüber, wie intensiv dich das, was Bert entwickelt hat, erfüllt und wie du es für dich in umfassendere Kontexte einordnest. Ich bin und bleibe da eher ein Zweifler, den vieles anspricht, der vieles aber auch nicht verstehen und begreifen kann. Vielleicht ist mein Geist zu schlicht und nicht differenziert genug, vielleicht mache ich es mir zu kompliziert, aber vielleicht stimmt ja auch manches so nicht, wie Bert es formuliert. Ich kann das nicht entscheiden.
Deine Ausführungen zur humanistischen Psychotherapie treffen so pauschal nicht zu. Natürlich gab und gibt es Therapeuten auch dieser Schulrichtung, die die Menschen in den Kampf gegen ihre Eltern führen und sie damit in den Geschichten der Vergangenheit anketten. Einsicht führt eben nicht automatisch zur Änderung, so vernunftbegabte Wesen sind die Menschen nicht. Aber ich bin immer wieder auch auf Therapeuten getroffen, die mich zur Zustimmung zur Welt bewegten, so wie sie ist. Marge und Matt Reddington, die mit uns in Snowmass gearbeitet haben, waren auch für Bert Menschen, von denen man das lernen konnte. Milton Erickson hat uns eindrücklich gezeigt, dass die Wahrnehmung der Welt bestimmt ist von dem Fokus, den wir setzen, und seine Arbeit war gerichtet auf andere Fokussierung, Kontexterweiterungen, Umdeutungen und Lösungen. Betrachtet man das Familienstellen unter diesem Aspekt, so stellt es ein machtvolles Reframing dar, das zu unendlichen Kontexterweiterungen und Umbewertungen führen kann. Bert korrigiert auf unnachahmliche Art und Weise einen zentralen Irrtum der Mainstream-Psychotherapie, die den Menschen vor allem als Ergebnis der Erziehung seiner Eltern sehen möchte. Kinder werden damit in die Irre geführt, Eltern stehen unglaublich unter Druck, denn Erfolg oder Misserfolg ihrer Kinder entscheidet darüber, ob sie gute oder schlechte Eltern sind. Und Bert geht natürlich mit philosophischen und spirituellen Beiträgen über die psychologische und psychotherapeutische Dimension hinaus. Im "Panta-Rhei-Strom" der Erkenntnis hat er gewiss seinen Platz. Wie bedeutend der sein wird, das zu beurteilen erscheint mir noch zu früh.
Wilfried Neues
Da sind wir ganz einer Meinung. Was von den Anstößen, die er gibt, überdauern wird und welche Wirkung das im Ganzen haben wird, sehe ich genauso offen wie du. Was ich geschildert habe, ist die innere Bewegung, die er bei mir angestoßen hat, und der Kontext, aus dem ich komme und in dem ich dann auch seine Arbeit verorte. Da diese Kontexte bei uns sehr verschieden sind, nehmen wir auch Berts Beitrag anders auf und ordnen ihn anders ein. Du kommst aus dem psychotherapeutischen Zusammenhang und ich, um es einmal verkürzt zu sagen, aus der Ecke der Sinnsucher oder Wahrheitssucher (wobei die Psychotherapie bei vielen natürlich auch mit Sinnsuche zusammenhängt). In gewisser Weise repräsentieren wir damit auch verschiedene "Subkulturen" in der Aufstellerszene, und es gibt deren noch viel mehr und ganz andere. Daraus ergeben sich unterschiedliche Perspektiven, auch unterschiedliche Bewertungen der Aufstellungsarbeit und unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Ich halte es für wichtig und sehr erweiternd, darüber zu sprechen, es aber nicht gegeneinander auszuspielen. Man könnte ja jetzt ganz schnell einen Streit darüber anfachen, wer Recht hat. Dabei würde es dann aber gar nicht mehr um Bert und seine Arbeit gehen, sondern um den je eigenen Hintergrund und die je eigene Lebensphilosophie und Arbeitshaltung, die man verteidigt. Das ist dann das, was sich in der Hellinger-Kritik zeigt: Es geht nicht ums Familienstellen, sondern um die Verteidigung des Eigenen - fast könnte man sagen: um die Treue und die Zugehörigkeit zur eigenen (geistigen) Familie.
In diesem Sinne machen wir vielleicht einen Schritt über unser Gewissen hinaus, wenn wir unsere jeweiligen Erfahrungen und Einordnungen einfach nebeneinander stehen lassen. Ich erlebe dies so, dass das, was von dir kommt, mich immer zwingt, mich zu öffnen, und dass es mir dann den Raum für neue Erfahrungen bietet. Insofern finde ich es, bei aller Wertschätzung für Bert, ganz wichtig, dass wir keine Hellinger-Exegese betreiben. Wir lassen seine Anstöße einfach auf uns wirken und folgen der jeweiligen Bewegung, die sie - entsprechend dem, woher wir kommen - in uns auslösen.
Auf unserem gemeinsamen Kongress in Köln konnte man ja sehen, welch wunderbare Vielfalt dadurch entstanden ist, die zugleich durch etwas Gemeinsames verbunden ist. Dieses Gemeinsame hat viel mit Achtung zu tun, Achtung vor dem Leben, auch vor dem Schrecklichen und uns nicht Genehmen, vor der Familie, die uns allen das Leben ermöglicht hat, vor dem Anderen. In den Aufstellungen teilen wir ja alle die Erfahrung, wie gut uns diese Achtung tut, dass sie viel mehr ist als ein moralischer Wert, nämlich eine unmittelbare Bereicherung für unser eigenes Leben. Und diese gemeinsame Erfahrung, die jeder für sich machen kann, verbindet. Ich denke, wir stecken da in den Anfängen eines großen Lernprozesses, in dem sowohl das Eigene wie das Andere geachtet wird und die Verschiedenheit nicht nur ausgehalten, sondern als bereichernd erfahren wird.
Breuer/Nelles
Jenseits solcher Unterschiede sind wir uns beide einig, dass Bert Hellinger mit der (Weiter-) Entwicklung der Aufstellungsmethode, seinen Beiträgen über die Ordnungen der Liebe und des Helfens, die Bewegungen der Seele und vieles andere mehr sowohl methodisch als auch inhaltlich ganz wesentliche Erkenntnisprozesse angestoßen und Meilensteine in der beraterischen und therapeutischen Arbeit gesetzt hat. Der Boom und die Aufregung darüber werden sich legen, aber die Saat wird weiter wirken und wachsen. Die in diesem Band versammelten Beiträge geben einen kleinen Eindruck davon, wie dieses Wachstum sich auf eigenständige Weise entfaltet.
Köln und Marmagen im Oktober 2005
Heinrich Breuer und Wilfried Nelles