Vorworte
Vorwort von Heinz von Foerster
Ganz im Gegenteil! Ganz im Gegenteil ist nicht ein Gegen-Teilen, es ist ein Mit-Teilen, ja ich würde sagen, es ist ein Er-Teilen von Fähigkeiten, die es dem Empfänger möglich machen, die zahlreichen Zauberformeln dieser außerordentlichen Sammlung unfehlbar wirken zu lassen. Die mechanische Vorrichtung dieses Programms ist ein Zauberstab, den die Verfasser "Querdenken" nennen. Man berührt mit diesem Stab gewisse Aussagen, die im Volksmund "Probleme" genannt werden, und, presto! , sie sind verschwunden. In der Umgangssprache spricht man dann von "Lösungen".
Schließt man sich einer Wortbildung an, die einen Lehrbereich gewisser Fachrichtungen mit der Nachsilbe ,,-ik" charakterisiert, wie Physik, Mathematik, Rhetorik etc., dann fällt die vorliegende Abhandlung in den Bereich der "Problemik".
Ganz im Gegenteil, höre ich die Verfasser mir zurufen, "wenn schon, dann muß es hier ,Heuristik' heißen!" Das kommt von heurekal, "Ich hab's gefunden! ", nach dem Ausruf von Archimedes, der, in seiner Badewanne sitzend, das berühmte "Archimedische Prinzip" erfand.1
Aus meinem Mißgriff kann man sehen, daß ich noch nicht bis Nachklang I dieses Werks vorgedrungen war: "Wie wir Lösungen finden, statt sie zu suchen".
Wie geht man da vor?
Wie läßt sich die Problemstruktur verstehen?
"Wer hat das Problem?"
1 "Ein in eine Flüssigkeit getauchter Körper verliert an Gewicht, das gleich dem der verdrängten Flüssigkeit ist."
"Ist es Ihr eigenes Anliegen?"
"Spielen fremde Aufträge eine Rolle?"
Etc.
Oder vielleicht: "Wer ist das Problem?"
Wenn man die Problemstruktur gesehen hat, bedient man sich des Zauberstabs "Querdenken", der das Problem auf den Kopf stellt, es von links nach rechts kippt, es vielleicht von innen nach außen stülpt oder fragt: "Wodurch können wir besonders zuverlässig erreichen, daß das Problem nicht gelöst wird?"
Zunächst glaubt man, nicht recht gehört zu haben: Das ist ja verrückt! Aber erst wenn das Problem aus seiner alten Stellung verrückt wird, kann man es anders, in der Form seiner Lösung, sehen.
Wie die Verfasser schon zu Beginn feststellen, sind solche Verrückungen gefährlich. So habe ich das selbst einmal feststellen können:
Bei Freunden kam einmal der kleine Sohn erst eine Stunde später, tränenüberströmt, von der Schule nach Hause. "Was gab's?" - "Ich mußte eine Stunde lang in der Ecke stehen!" - "Ja warum?" - "Die Lehrerin hat gesagt, ich sei frech!" - "Ja wieso?" - "Sie hat gefragt: , Wieviel ist 2 mal 3?' Ich habe aufgezeigt. ,Also wieviel?' Ich sagte: ,3 mal 2'. Alle haben gelacht, und ich mußte in die Ecke."
Ich hörte diese Trauerbotschaft und meinte, seine Antwort wäre ganz richtig, aber könnte er sie auch beweisen? Er nahm ein Stück Papier, machte darauf zwei Reihen mit je drei Punkten:
"Das ist 3 mal 2."
Aber die Lehrerin wußte offenbar nicht um die Bedeutung des kommutativen Gesetzes der Multiplikation.
Als Kinder tragen wir alle diesen gefährlichen Zauberstab des Querdenkens mit uns, daher nimmt man ihn uns in der Schule weg.
Ganz im Gegenteil gibt uns die Möglichkeit, mit Spaß, mit Vergnügen, mit Überraschung diese Fähigkeiten wieder zu erlernen.
Mit Recht warnen die Verfasser schon ganz am Anfang: "Man lese diesen Text auf eigene Verantwortung."
Ich tat es und kann mit bestem Gewissen jedem empfehlen, dieses Risiko einzugehen: Hier kann man nur gewinnen.
Heinz von Foerster Pescadero, Californien, September 1999
Vorwort von Arist von Schuppe
In diesem Buch geht es um "systemisches Querdenken" mit Hilfe einer bestimmten Methode: der systemischen Aufstellungsarbeit. Mit Hilfe dieser vorwiegend nichtsprachlichen Methode können wir lernen, die sprachlichen "Gebäude" zu betrachten, mit denen Menschen in ihren sozialen Systemen miteinander das "gebaut" haben, was ihnen anschließend als scheinbar objektive Wirklichkeit begegnet. Und wir lernen, die Qualität dieser Gebäude einzuschätzen, zu erkennen, woraus sie "bestehen":
Wie Ernst Jandl in seinem Gedicht verdeutlicht, haben wir es im menschlichen Leben - und damit auch in sozialen Systemen - "mit nichts" zu tun. Unsere Gedankengebäude, sie bestehen aus nichts. Unsere Sprache, unsere Worte, sie sind allenfalls erkennbar als winzige Unterschiede in Schallwellen. Wir sind es, die ihnen Bedeutung beimessen. Wenn wir dies tun, dann kann dieses Nichts eine unglaubliche Kraft entwickeln. Sprache kann sehr machtvoll sein, obwohl sie doch "nur" aus "Nichts" besteht. Und natürlich ist ein Mensch nicht allein mit seiner Sprache. Menschen erzählen sich selbst und gegenseitig unablässig, wie die Welt ist, und halten sie damit stabil: "Menschen sind unverbesserliche und geschickte Geschichtenerzähler, und sie haben die Angewohnheit, zu den Geschichten zu werden, die sie erzählen. Durch Wiederholung verfestigen sich Geschichten zu Wirklichkeiten, und manchmal halten sie die Geschichtenerzählerinnen innerhalb der Grenzen gefangen, die sie selbst erzeugen halfen."1 So können die von Menschen in Sprache gemeinsam erstellten Gebäude zu Gefängnissen werden. Systemisch zu denken heißt dann, "quer" zu denken, heißt, in diesen Gebäuden, mit denen wir sprachlich scheinbar harte Wirklichkeiten von dem erzeugt haben, was uns dann als "Problem", "Störung" oder gar "Krankheit" erscheint, neue, manchmal auch ungewöhnliche Fenster zu (er)finden, und Menschen dazu anzuregen, diese zu öffnen.
Ohne die Eigenart des menschlichen Denkens, mittels der Sprache soziales Leben zu gestalten und fortzuentwickeln, sind keine Errungenschaften der Menschheit denkbar. Doch die Dynamik des Denkens - und damit immer auch des Erlebens - ist zwiespältig. Sie kann beweglich sein, kann uns lebendig sein lassen, lachen, spielen lassen und eine Welt erzeugen voller Möglichkeiten, voller Kraft und voller Energie. Und sie kann uns erstarren lassen in einer von 1 Efran, ]., K. Heffner u. R. Lukens (1992): Sprache, Struktur und Wandel. Dortmund (Modernes Lernen), S. 115. unserem Denken erzeugten Welt, in der "immer das gleiche" passiert, in der uns jeden Tag neu "derselbe Trott" begegnet, in der die "Möglichkeit des Andersseins" verlorengegangen ist. Im Querdenken schließen sich die Möglichkeiten da wieder auf, wo Beschreibungen sich "festgefahren" haben, so daß wieder Kreativität sprudeln kann.
Querdenken wurde von Matthias Varga von Kibéd einmal als "Quelle der Veränderung" bezeichnet.2 Mir gefällt die Metapher. Vielleicht geht es mit unserem Denken ja ähnlich wie mit dem Wasser. Vielleicht fließt es überall hinein, wo eine Lücke ist, "umspült" es unser Bewußtsein im Alltag in jedem Moment, und vielleicht kann es unter bestimmten Kontextbedingungen wie Eis erstarren, gefrieren, hart werden, kantig und lebensverneinend. Die Aufgabe von Therapeuten ist es dann, das Denken wieder ins Fließen zu bringen, das, was "gefroren" ist, aufzutauen, die Quelle wieder zugänglich zu machen. Wärme wäre dann eine gute Rahmenbedingung dafür, daß wieder etwas fließt - und ist nicht auch Wärme, verbunden mit Wertschätzung und Achtung, eine schulenunabhängig geforderte Rahmenbedingung für therapeutische Veränderung?
In diesem Buch schreiben zwei Autoren, die sich in Philosophie, Beratung und Therapie gleichermaßen gut auskennen. Ich schätze beide persönlich, weil sie Qualitäten von menschlicher Wärme, von Brillanz des Denkens und von Kreativität in sich vereinen. Sie lehren, sich mit der Hilfe des Denkens aus den Fallen des Denkens zu befreien, mit Hilfe der Sprache den Fallen der Sprache zu entkommen. Zu einer wirklichen Kunst wird dies dann, wenn es gelingt, nicht beim Denken stehenzubleiben und "kopflastig" zu werden, sondern die Analyse mit lebendiger Erfahrung zu verbinden. Genau dies bietet dieses Buch, vor allem über die gelungene Verbindung von Querdenken und der von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd (weiter)entwickelten systemischen Aufstellungsarbeit. Die Verwirrung, die sich aus dem Sprung zwischen den Positionen das Eine, das Andere, Beides und Keines von Beiden ergibt, öffnet einen inneren Raum für Veränderung. Neue Perspektiven gewinnt man, indem man seinen Platz verändert, ihn anders ansieht und anders fühlt. Und noch etwas anderes wird an den Strukturaufstellungen deutlich: Querdenken braucht nicht unbedingt Worte, zumindest nicht unbedingt viele: Manchmal sind es gerade die wort-losen Veränderungen einer Position oder die sparsamen wenigen Worte eines ritualisierten Satzes, die unsere Geschichten entscheidend verändern, weil sie ihnen ein neues Bild hinzufügen.
Seien Sie also bitte vorsichtig mit diesem Buch: Wenn Sie sich darauf einlassen, mit neuen Bildern zu spielen, werden Sie vielleicht nach der Lektüre verlernt haben, "geradeaus" zu denken. Möglicherweise wird das Leben damit schwieriger, denn zwischen "Entweder" und "Oder" können sich ganz neue Räume von Möglichkeiten öffnen - doch vielleicht kommt man dann auch zur "fünften Position", und es stellt sich heraus: "Und auch das ist es nicht." Oh je! Doch einen Trost gibt es in jedem Fall: Quer zu denken macht einfach mehr Spaß!
Arist von Schlippe Osnabrück, September 1999