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Das Spiel mit Unterschieden
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Vorwort zur deutschen Ausgabe

In einer Fußnote zu einem der Kapitel dieses Buches erwähnt Steve de Shazer seine "simplemindedness ". Das läßt sich vielleicht auf Deutsch mit geistiger Schlichtheit übersetzen. Er entschuldigt sich dafür, und er befürchtet, er könne deswegen den von ihm zitierten Philosophen, insbesondere Wittgenstein und Derrida, nicht gerecht werden.

Aber was er seine simplemindedness nennt, bezeugt in meinen Augen seine Stärke. Sie ermöglicht es ihm, mit frischem Blick an altbekannte Dinge heranzugehen, das jeweils Wesentliche zu erfassen, im besten Sinne des Wortes Pragmatiker zu sein und sich nicht von dem abschrecken zu lassen, was Autoritäten vor ihm gedacht und gelehrt haben. Kurzum, sie erlaubt ihm, originell und innovativ zu sein.

Diese Eigenschaften kennzeichnen Steve de Shazers Arbeit als Therapeut. Sie machen den weltweiten Erfolg der von ihm entwickelten lösungsorientierten Kurzzeittherapie verständlich. Sie kennzeichnen auch die Arbeit, die er in diesem Band darstellt, eine intellektuelle oder, wenn man so will, philosophische Arbeit, die der Theorie der Therapie und insbesondere der Theorie der Kurztherapie gilt. Wir finden darin dieselbe Frische, dieselbe Betonung dessen, was effektiv ist und Sinn ergibt, die auch seine Schriften über die mehr pragmatischen Aspekte der Therapie auszeichnet. Dies bedeutet indessen nicht, daß er Komplexität vermeidet. Er reduziert zwar Komplexität, tut dies aber in einer Weise, die diese im Blickfeld des Lesers und damit den Zugang zu ihr offen hält. Dies zeigt sich in diesem Band unter anderem daran, wie er mit Problembereichen der Semiotik und Semantik umgeht und dabei immer wieder auf begriffliche Klarheit, Präzision und Erfassen des Wesentlichen abzielt.

Ich meine, die Implikationen seiner Untersuchungen sind weitreichend. Vielleicht am wichtigsten: Steve de Shazer legt überzeugend dar, daß eine Kurztherapie - das heißt eine Therapie, die nicht länger als 10 Sitzungen und oft viel kürzer dauert - nicht nur zweitrangiges Substitut für eine dynamische Langzeittherapie, sondern oft das Beste ist, was ein Klient bekommen kann. Dies ergibt sich aus seinem Verständnis von Therapie als einer besonderen Form eines Sprachspiels. In diesem Verständnis verlieren alte Klischees, denen zufolge es sich bei Therapie um eine Art - sei es langweiliger, sei es heroischer - gegen widerständige Patienten durchgeführte Ausgrabungsart handelt, ihre Erklärungskraft. Es sind insbesondere die Schriften des späten Wittgenstein und poststrukturalistischer Denker wie Derrida und de Man, die Steve de Shazer zur Begründung seiner Position heranzieht. Von dieser Position her versteht er Therapie als ein auszuhandelndes, konsensuelles und kooperatives Unternehmen, worin der lösungsorientierte Therapeut und der Klient gemeinsam verschiedenste Sprachspiele spielen, um dadurch a) Ausnahmen, b) Ziele und c) Lösungen zu finden bzw. zu konstruieren.

Am Ende des Buches macht sich Steve de Shazer Gedanken darüber, ob das darin von ihm vorgestellte Modell eines interaktionellen Konstruktivismus für einige Leser nicht zu radikal oder zu schockierend sein könnte. Dies mag der Fall sein. Mich ließ es indessen an eine Tagebucheintragung Nietzsches denken, die mich zeitlebens beeindruckt hat: "Ein sehr verbreiteter Irrtum: Den Mut der Überzeugung haben; es kommt vielmehr auf den Mut zum Angriff auf die eigene Überzeugung an." Ich halte es für ein großes Verdienst dieses Buches, daß es uns einlädt, den Mut zum Angriff auf eigene Überzeugungen aufzubringen.

Helm Stierlin

Vorwort zur Originalausgabe

Das Spiel mit Unterschieden ist ein ungewöhnliches Buch und nicht für jedermann geeignet. Es untersucht ganz allgemein das breite Spektrum der Familientherapie (und damit indirekt jede Art der Psychotherapie) und insbesondere de Shazers eigene lösungsorientierte Kurztherapie, und zwar von "außen". Das ungewöhnliche Thema dieses Buches ist die Therapie als solche, als beobachtetes Gespräch zwischen Klient und Therapeut. Seine ungewöhnliche Methode bedient sich der Konzepte des Konstruktivismus und der poststrukturalistischen Textanalyse. Man könnte es als eine Meta-Therapie-Studie bezeichnen, eine Untersuchung, der mehr daran liegt, grundlegende Fragen zu stellen als detaillierte Antworten zu geben.

Demnach ist dieses Buch offensichtlich nicht für jene gedacht, die mit dem jüngsten Stand auf dem Gebiet der Psychotherapie, ihren Konzepten und ihren gegenwärtigen praxisbezogenen Methoden zufrieden sind. Da de Shazer die Behauptung aufstellt, wir würden noch nicht einmal wissen, was wir mit "Familientherapie" meinen, und den Vorschlag macht, wir müßten unsere Meinung über das Wesen der Therapie überhaupt ändern, wenn sie kurz und effektiv sein soll, würde dieses Buch jene zufriedenen Therapeuten vermutlich nur verwirren und irritieren.

Gleichwohl ist es aber auch nichts für jene - und dabei handelt es sich um eine große Anzahl, wenn man nach der Art vieler Bücher und Workshops auf diesem Gebiet urteilt -, die zwar nicht zufrieden sind, aber nach Rezepten suchen, nach spezifischen Verfahrensweisen für das, was sie als spezifische und individuelle Problemarten ansehen. Wenngleich dieses Buch eine ganze Reihe faszinierender Fallbeispiele vorstellt und bespricht, ist es doch kein Therapiekochbuch, vielmehr stellt es sogar den Wert solcher Kochbücher in Frage.

Diese zwei Arten von Therapeuten - jene, die mit dem Status quo zufrieden sind, und jene, die bloß auf der Suche nach einfachen spezifischen Antworten sind (während sie häufig komplizierte und zweifelhafte allgemeine Prämissen als selbstverständlich hinnehmen) - machen vermutlich die große Mehrheit unseres Berufsstandes aus. Das kann man jedoch auch nicht anders erwarten. Wir leben in einer konformistischen Zeit und arbeiten auf einem Gebiet, wo wir sowohl seitens unserer Klienten als auch seitens unserer Kollegen unter einem erheblichen Druck stehen, so zu tun, als wüßten wir bereits alle Antworten. Allerdings scheint es relativ klar zu sein, daß viele unserer Antworten nicht sonderlich gut funktionieren.

Trotzdem glaube ich, oder hoffe zumindest, daß es immer noch eine beachtliche Anzahl von Therapeuten gibt, die an diesem Buch interessiert sind und die es lesen sollten. Ich denke hauptsächlich an zwei Gruppen potentieller Leser: jene, die die Therapie und ihre Möglichkeiten ernst genug nehmen, um mit der gegenwärtigen Situation in Theorie und Praxis unzufrieden zu sein, und jene, die verspielt genug sind, um neugierig zu sein, wohin eine neuartige Betrachtung unseres Unternehmens führen könnte. Freilich sind bestimmte Personen vielleicht sogar beides - zum Beispiel Steve de Shazer.

Dieses Vorwort ist selbstverständlich eine Empfehlung dieses Buches, zumindest für einen bestimmten Leserkreis. Es ist allerdings keine vorbehaltlose Empfehlung. Wenn ich das Buch auch stimulierend und aufschlußreich fand, enthält es doch einiges, mit dem ich nicht übereinstimme. Da dies ein Vorwort und keine Besprechung des Buches ist, gebe ich hier nur zwei Beispiele. Ich bin in einem bestimmten Punkt nicht der Meinung, daß die Verwendung des Begriffes "Strategie" unbedingt einen Streit zwischen Therapeut und Klient impliziert; ich würde sogar meinen, daß de Shazer seine therapeutischen Gespräche strategisch führt. Im allgemeinen scheint es mir, daß er zwar die Ideen der Dekonstruktivisten gut verwertet, seine Anwendung ihrer Begriffe jedoch gelegentlich irreführend ist. Der Schritt von der Terminologie des "Interpretierens" eines Textes und des "Verstehens" der Mitteilungen eines Klienten zum "Fehlinterpretieren" und "Mißverstehen" ist so ähnlich wie vom Regen in die Traufe zu kommen. Impliziert der Begriff des "Fehlinterpretierens" nicht schon an sich, daß es eine "richtige" Interpretation gibt, anstatt einfach zu sagen, daß Mitteilungen immer und notwendigerweise interpretiert werden?

Ich hoffe, daß diese Vorbehalte meiner Fürsprache keinen Abbruch tun, sondern eher ihre Glaubwürdigkeit untermauern, denn trotz meiner anfänglichen Einsprüche bin ich der Meinung, daß dieses Buch viele, und zwar sehr aufmerksame Leser finden sollte.

John H. Weakland


 
   


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