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Die Fragen des Beobachters
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Vorwort

Wer aus der Entfernung oder aus der Höhe schaut, kann Muster, Wechselbeziehungen und Zusammenhänge besser wahrnehmen und beschreiben. Das war für mich unmittelbar erlebbar, als Karl Tomm mich vor drei Jahren mit seinem kleinen Flugzeug an einem klaren Tag über die Rocky Mountains zu seinem Ferienhaus an einem See flog. Ich kannte ihn schon von einigen Tagungen und Seminaren her, aber an den Abenden dort in den Bergen lernte ich seine Zuwendung, seine Offenheit und sein nicht locker lassendes Interesse, die Ideen des Gegenübers zu verstehen und zu erfassen, erst richtig schätzen.

Dort entstand auch die Idee, seine Schriften, die weit verstreut in zum Teil nicht mehr erhältlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden, in einem Sammelband herauszugeben. Seine Beiträge haben in der Zwischenzeit nichts an Aktualität und Aussagekraft verloren, und sie sind gleichzeitig wie Kultur- und Reiseführer, die zentrale Punkte der Entwicklung der systemischen Therapie auf dem Weg von der Kybernetik erster zur Kybernetik zweiter Ordnung in den letzten 15 Jahren hervorheben. Vielleicht ist ihm gerade deshalb gelungen, so grundsätzliche und zusammenfassende Artikel zur Theorie und Praxis systemischer Fragetechniken und zu den Prozessen systemischer Gesprächsführung zu schreiben, weil er aus der Ferne Westkanadas leichter eine Außenperspektive einnehmen konnte.

Zwei Entwicklungen im systemischen Feld hat Karl Tomm mit besonderer Intensität begleitet, erfaßt und mitgestaltet:

1. Das Entstehen und die Weiterentwicklung des Mailänder Modells bis hin zu den Post-Mailand-Ansätzen, zu denen er seinen eigenen Ansatz zählt. Die beiden Aufsätze über das Mailänder Modell sind eindrucksvolle Beispiele seiner Fähigkeit, das Essentielle eines Ansatzes herauszufiltern und zu bündeln. Sein besonderes Interesse galt aber dem Bestreben, die Prinzipien und Formen zirkulären Fragens zu erfassen und so zu systematisieren, daß sie zu nützlichen Leitideen für das Vorgehen systemischer Therapeuten und Berater werden. Besonders mit seinen Einsichten zum reflexiven Fragen hat er zudem einen wertvollen Beitrag geleistet. Die Beiträge zum systemischen Interviewen gehören zum Besten, was auf diesem Gebiet geschrieben wurde.

2. Eine weitere Entwicklung, die Karl Tomm voranbrachte, war die Auseinandersetzung des systemischen Feldes mit den Erkenntnissen des radikalen Konstruktivismus und deren Nutzbarmachung für die systemische Therapie.

Bereits in der ersten Hälfte der achtziger Jahre lud er Theoretiker (Heinz von Foerster und Humberto Maturana) und systemische Therapeuten (Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin) nach Calgary ein, um mit Ihnen gemeinsam therapeutische Prozesse aus dieser Perspektive zu diskutieren. Dieses Treffen hatte meines Erachtens im englischsprachigen Bereich eine ähnlich stimulierende Wirkung wie das Forum mit Heinz von Foerster, Niklas Luhmann und Francisco Varela 1985 in Heidelberg für den deutschsprachigen Raum.

Karl Tomm ist sicherlich der Therapeut, der sich am intensivsten mit den Ideen Maturanas und deren Konsequenzen für die systemische Therapie auseinandersetzte. Seitdem sieht er sich selbst nicht mehr als Konstruktivist, sondern als "Hervorbringer" (bring forthist). Carl Auer sagte in einem Gespräch mit Karl Tomm über den Unterschied zwischen den Konstruktivisten und den Hervorbringern:

"Also, von Glasersfeld hat die Tendenz, sich auf die Konstruktion und ihre Viabilität zu konzentrieren, während Maturana sowohl der Konstruktion und ihrem Existenzbereich Beachtung schenkt als auch der Viabilität beider. Das heißt, Maturana geht von der Gleichzeitigkeit des Hervorbringens von ,Gestalt und Feld' aus, wann immer eine Unterscheidung gemacht wird. Keine bestimmte Unterscheidung oder Konstruktion kann für sich alleine stehen. Sie benötigt einen Kontext oder Existenzbereich, wenn sie einigermaßen zusammenhangend und authentisch in unseren Erfahrungsaustausch gebracht werden soll. Zuerst einmal muß die Konstruktion erfahrungsgemäß auf eine komplementäre Art und Weise zu ihrer Umgebung passen, bevor sie überhaupt ins Leben gerufen werden kann, und erst dann kann sie verwandt werden, um mit unseren laufenden Erfahrungen zusammenzupassen. Mit anderen Worten: Das Hervorbringen verlangt ein vielfältiges Passen in unserer Erfahrung."1

Obwohl Karl Tomms kritische Stellungnahme zum DSM (Diagnostic Statistical Manual) und seine ersten innovativen Versuche, ein nicht Defizite betonendes und auf Interaktionsmuster basierendes Einschätzungsschema zu entwickeln, eher als vorläufige Diskussionsbeiträge gedacht sind, haben wir sie dennoch als wichtige Mitteilung in diesem Band aufgenommen. Nachdem das DSM sich weltweit durchzusetzen scheint, ohne daß unseres Erachtens die Konsequenzen und Gefahren solch individuumszentrierter, verdinglichender und pathologieorientierter Etikettierungen ausreichend diskutiert werden, scheint es uns angebracht, solcher Kritik Raum zu geben.

Gunthard Weber
Heidelberg, Oktober 1993

1 (Weber u. Simon 1990, S. 55)


 
   


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