"System or not system - Das ist hier die Frage"
Die Anspielung auf Hamlets berühmten Monolog hat nicht die Funktion, eine Art von humanistischer Veredelung vor dieses Buch zu setzen. Sie ist ernster gemeint. Hamlet ist Protagonist einer modernen Seelenlage, die sich als zaudernd, bedenkenvoll, als zerrissen darstellt. Er ist , gedankenblass' und umgetrieben von einer moralischen Forderung: einer Ehrenpflicht zur Rache zu genügen und sich nicht zur rächenden Tat entschließen zu können, einer Tat, die dann dennoch wie von selbst und auf mörderischen Umwegen geschieht und ihn selbst mit in den Tod reißt.
So schlimm steht es mit Sozialer Arbeit nicht, aber auch sie lässt sich beobachten als zaudernd, bedenkenvoll, als zerrissen. Vor allem aber weiss sie wie Hamlet nicht, wer sie ist. Ihre Konturen scheinen nicht präzise auszirkelbar, ihre Grenzen gleichen eher Verschwimmungen. Es sieht so aus, als müsse man die theoretische Beschreibung auf den Feldbegriff stützen, der außerhalb der Mathematik und der Physik nichts weiter ist als ein Ausdruck für grassierende Unscharfe im Blick auf das, was ins Feld gehört und was nicht. Vor allem ist das Feld gerade nicht ein Ausdruck für Identität.
An dieser Unscharfe etwas zu ändern, ist seit langem ein , gefühltes Bedürfnis'. Ob man Soziale Arbeit als System begreifen könne oder als ein (glücklicherweise) diffuses Feld, das wird seit einiger Zeit kontrovers diskutiert. Im .Feld' selbst scheut man systemtheoretische Festlegungen, nimmt aber gleichwohl theoretische Irritationen zur Kenntnis. Dafür gibt es mannigfache (mitunter kunterbunte) Gründe, die sehr viel mit der Selbstmoralisierung der Domäne zu tun haben, mit internen Mythologien, die durchaus als funktional begriffen werden können, aber eher in Hinsicht auf eine systemische Camouflage, auf ein Lavieren um .Härten' und .blind spots' hemm, die schmerzlich wirken, wenn es um die Persistenz des Status quo geht.
Das Experiment des vorliegenden Buches besteht darin, ohne Wenn und Aber (also gerade nicht: wie Hamlet) Soziale Arbeit als ein Funktionssystem der modernen Gesellschaft zu modellieren. Dazu gehört Courage, denn diese Entscheidung hat die Folge, dass das Webewerk der zugrundegelegten Theorie Konsistenzzwänge mit sich bringt, die auf Befindlichkeiten bzw. Empfindlichkeiten Sozialer Arbeit kaum Rücksicht nehmen. Zum Beispiel nötigt die Entscheidung für ein Funktionssystem zur Nutzung eines Kriterienkatalogs, mit dessen Hilfe über die Stimmigkeit der Entscheidung entschieden wird.
Es ist ein kluger Entschluss, als theoretische Schlüsselfigur das Theoriestück Symbolisch generalisiertes Kommunikationmedium zu nehmen. Es bezieht sich im Kern darauf, dass alle Funktionssysteme mit basalen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben, die darin bestehen, dass Kommunikationsofferten nicht übernommen werden müssen. Ich muss niemandem geben, was mir gehört; ich muss niemanden komplett im Modus der Höchstrelevanz berücksichtigen; ich muss mich nicht an kollektiv bindende Entscheidungen halten; ich muss nichts für wahr halten, etc. Symbolisch generalisierte Kommunikationen lassen sich als Lösungen solcher Probleme beobachten, in diesem Fall als Lösung durch die Medien Geld, Liebe, Macht, Wahrheit.
Olaf Maaß entschließt sich, für Soziale Arbeit, genommen als Funktionssystem, das Medium der Ansprüche zu stipulieren. Schon damit wird Distanz aufgenommen zu Vorstellungen, die entlang von Selbstbeschreibungen des Systems so etwas wie ,Hilfe' oder Fürsorglichkeit' als Medium in Anschlag bringen. Dass es um Ansprüche gehe, ist nicht nur eine kühl gehaltene These; sie gestattet es, die Strukturen im Medium weitgehend neu zu bestimmen. Diese Strukturen werden heuristisch durchdekliniert, eine Technik, die zu einer Reihe von Überraschungsgewinnen führt, die ich hier nicht vorwegnehmen möchte.
Ich gehe aber davon aus, dass dieses Buch die Diskussionslandschaft um Soziale Arbeit und ihre Art der ,Weltlichkeit' belebt. Das Beste, was man von einem Buch sagen kann, ist, dass es zur Kenntnis genommen werden muss, wenn man über das redet, wovon es jeweils handelt. Das sage ich jetzt und sage es nicht nur aus Nettigkeit, die sich daraus ergeben könnte, dass Olaf Maaß meine studentische Hilfskraft war und einer der wenigen ist, die von einer Fachhochschule aus den Sprung zur Promotion schafften. Ich denke tatsächlich, dass diese Arbeit nicht ignorabel ist.
Peter Fuchs Lohne im Februar 2009