Vorwort des Herausgebers
Gerhard Stiens, ein ausgewiesener Spezialist für Angewandte Geografie sowie Stadt- und Regionalentwicklung, schlägt in dem vorliegenden Band eine Brücke zwischen dem ethisch-anthropologischen Bildungsansatz der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und seinem eigenen Fachbereich, der Stadt- und Raumplanung. Erstmals wendet er damit den Begriff der Sozialästhetik auf landschaftskulturelle Konzeptionen an - was umso bemerkenswerter ist, weil sich hier ein ausgewiesener empirischer Forscher und Planungstheoretiker in einen Bereich hineindenkt, der durch eine grundsätzlich andere wissenschaftliche Reflexions praxi s gekennzeichnet ist: in den Bereich normativer Konzeptionen und Entscheidungen.
Von Anfang an folgt Gerhard Stiens dem Konzept, Raum, Landschaft und Gesellschaft als den Kontext zu beschreiben, in dem landschaftsästhetisch orientierte Handlungs- und Lernprozesse stattfinden, um sowohl ästhetisch als auch sozial besonders vernachlässigte "Landschaften" durch Handeln kreativ umzugestalten, sie zu verwandeln. Einem solchen Gestaltungshandeln geht es im Kern immer um Demokratisierungsbeiträge. In der vorliegenden Studie geht es um den Nachweis solchen Handelns als sozialästhetische Praxis, die nicht nur in pädagogischen Kontexten stattfindet, sondern in allen Bereichen unserer Alltagswelt relevant ist.
Die Studie entwickelt aus der historisch umfassenden Sicht von Ästhetikentwicklungen und den damit verbundenen Begrifflichkeiten wie Landschaft, Raum, Ort, Region sowie entsprechenden weltanschaulichen Einordnungen eine überzeugende Argumentationslinie, die sich über historische Entwicklungen von Landschaften bis in unsere Gegenwart hinein ziehen. Dabei wird auch das Modell der "Zwischenstadt" diskutiert, das Ansprüchen sozialästhetisch orientierter Verantwortung bei der Gestaltung lebenswerter, humaner Lebensräume zu genügen sucht.
Landschaft veränderndes Handeln, dem sozialästhetisch geleitetes Erkenntnisinteresse bescheinigt werden kann, wird den Eriebniswert von Landschaft immer in einem erweiterten Sinn von Ästhetik wahrnehmen, wie ihn die Sozialästhetik formuliert: als die Ganzheit von Erleben, Wahrnehmen, Erkennen und Handeln im Interesse eines zeitgemäßen lebenswerten Gemeinwesens.
Damit sollte sich also gerade auch institutionalisierte Landschaftsentwicklung als ästhetisches Handeln im alltagsweltlichen Kontext ausweisen, als ein Beitrag im Sinne von Nachhaltigkeits- und Demokratisierungsaspekten. Dass eine solche Haltung eine Vielzahl neuer und origineller Handlungs und Lernsituationen im Kontext von Raum und Landschaft als sozialästhetischem Kontext notwendig macht, ist eine Konsequenz der Analysen von Gerhard Stiens.
Immer wieder wird der Leser herausgefordert, sich gedanklich mit der Gegenwart unserer Lebenswelt auseinander zu setzen unter den kritischen Bedingungen neuer Paradigmen und Entwicklungen. Damit werden Verwerfungen und neue Chancen im dramatischen Wechselspiel von Verfall und neuen Qualitäten, Gefährdungen und Perspektiven, von Abwärtsspiralen, Stigmatisierungen und neuen Strukturen sichtbar gemacht. Es finden Begriffe wie Heimat, Erhabenes und Mitverantwortung, Gemeinwesenkultur und gelebte Mitbeteiligung eine neue, überraschende und optimistische Sinndeutung, die mit dem Anspruch sozialästhetischer Problemlösungsfantasie gegen Verfall, Resignation, Exklusion nachvollziehbar argumentieren.
Dieses Buch informiert, stellt Fragen, provoziert und entwickelt Lösungsansätze. Es greift die Chancen der Gegenwart auf und entwickelt zahlreiche Perspektiven für Engagement und neues gemeinsames Lernen. Es ermutigt zur Überwindung traditioneller Dualismen und zur Freisetzung utopischer Energien.
Der Leser wird aber nicht verwöhnt oder getäuscht mit utopischen Aussichten, sondern ihm wird Material geliefert mit der Liebe zum Detail und zum fachgerechten Überblick. Es ist eine mit Wissen, Engagement, origineller Übersetzungsfantasie und inspirativer Vielfalt ausgestattete Studie. Wenn Gerhard Stiens über "Räume neuer Bewegungen" schreibt, dann spürt man dahinter auch den appellativen Didaktiker, der dem interessierten Leser eine Fülle von Angeboten macht für die Aufarbeitung seiner Grundthematik: der Rückgewinnung der Stadt für die Bevölkerung, für den Bewohner als einem autonomen Bewohner mit Rechten und Pflichten. Gegen den Mythos der Ohnmacht setzt er die Rationalität der Gemeinschaft, die gemeinsam Räume erlebt und erschließt, sich beteiligt an neuen Raumgliederungen, ein neues Verständnis für Vernetzungen entwickelt, lokale Intervention praktiziert und über Widerstand neue Spielräume freisetzt.
Die Studie regt vielfältig an zu bürgerschaftlichem Engagement über Gruppen mit gemeinschaftlichen Interessen und gemeinsamem Sinnhorizont. Es werden über das Pädagogische hinaus Rationalitätsmodelle angedeutet, in denen sich "wirkliches Leben" wieder ereignen kann. Es sind Korridore für Sinngemeinschaften und ein neues Zeitverständnis, für Langsamkeit und interaktionsbestimmte Leitbilder, die geprägt sind von einer "neuen Aufmerksamkeit für die Nähe und den eignen Ort". Verfall und Gefährdung auf diese Weise Widerstand entgegenzusetzen, ist das Anliegen dieses Buches, entsprechend dem sozialästhetischen Imperati das dem Menschen Mögliche zu ermöglichen.
Dieses Buch wird in der Reihe "Sozialästhetische Beiträge" einen besonderen Platz einnehmen. Erstmals äußert sich hier ein Wissenschaftler außerhalb der Pädagogik zur Sozialästhetik und zeigt damit, wie vielfältig dieser Begriff auf verschiedene Kontexte übertragbar ist. Landschafts- und Städteplaner erhalten hier wie jeder an gesellschaftlicher Gestaltung interessierte Leser eine wertvolle Argumentationshilfe. Aus diesem Grund ist es ein besonderes Vergnügen, diesen Band in der laufenden Reihe der sozialästhetischen Beiträge herausgeben zu dürfen.
Theo Eckmann
Vorwort von Thomas Sieverts
Dieses Buch ist aus Sicht des Städtebaus und der Landschaftsplanung ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung von jenen typischen urbanen Landschaften, wie sie im letzten halben Jahrhundert entstanden sind und die gegenwärtig vor tief greifenden Transformationserfordernissen stehen. Das Besondere an dem großen, bisweilen auch anstrengenden Gedankengang, auf den Gerhard Stiens den Leser mitnimmt, ist die Sichtweise, mit der er die urbanen Landschaften untersucht und darstellt:
Es ist die Sicht aus der Perspektive der Menschen, die in diesen Landschaften leben, und besonders jener Menschen, die auf diese urbanen Landschaften als Lebensräume angewiesen sind, weil sie weder die materiellen noch die immateriellen Mittel haben, sich von diesen Landschaften örtlich und geistig zu distanzieren. Diesen benachteiligten Menschen besonders möchte der Verfasser zu einer lebendigen Teilhabe an den urbanen Landschaften verhelfen.
Deshalb geht es Stiens um den alltagsweltlichen Zusammenhang, um die Bedingungen einer lebendigen Wahrnehmung der urbanen Landschaften mit allen Sinnen, um die besten Bedingungen eines gleichermaßen ästhetisch wie ethisch motivierten Handelns. Diese Haltung wird im Begriff der Sozialästhetik zusammengefasst: Sozialästhetik kennzeichnet die Grundhaltung des Verfassers zu seinem Themenfeld in den urbanen Landschaften.
Gerhard Stiens steckt das Themenfeld weit aus: Er legt zuerst einmal die historischen und philosophischen Wurzeln frei, aus denen unser gegenwärtiges Verhältnis zu Landschaft entstanden ist. Dann betrachtet er den gegenwärtigen Diskurs um die urbanen Landschaften in seinen ganz unterschiedlichen Strömungen und Argumentationssträngen. Das ist sehr nützlich, weil auf diese Weise anschaulich wird, wie tief die verschiedenen Formen unseres Landschaftsverständnisses in der Geschichte und in unseren Lebensverhältnissen verwurzelt sind.
Auf den Fundamenten dieser Grundlegungen widmet er sich seinem zentralen Anliegen, den sozial und wirtschaftlich ausgegrenzten Gebieten in den urbanen Landschaften der Gegenwart.
Er zeigt überzeugend, wie gerade auch in solchen vernachlässigten Gebieten mit sozialästhetisch begründeten und ausgerichteten Handlungsansätzen eine nachhaltige Verbesserung der Lebensverhältnisse erreicht werden kann und wie über eine Wahrnehmung und Aneignung des Lebensraums Sorge und Verantwortung von Bewohnern für ihre vernachlässigten Landschaften entstehen kann. Landschaften, denen sie aufgrund ihrer Lebensverhältnisse nicht entgehen können. Er zeigt aber auch gleichzeitig, welcher Anstrengungen und welch langen Atems es bedarf, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen.
Im vorletzten Abschnitt werden die entwickelten Begriffe veranschaulicht mit bildhaften Beschreibungen von konkreten Aneignungen, praktischen Hinweisen und Formen der Organisation sowie der Bedeutung von Kunst als sozialästhetischem Mittel der Erschließung suburbaner Landschaften für ihre Bewohner. Dieser Abschnitt ist für den Praktiker des gestalterischen Umgangs mit urbanen Landschaften besonders wertvoll, weil er die gegenwärtig praktizierten Ansätze in einen systematischen Zusammenhang bringt, mit Hinweisen auf eine reiche Literatur auch aus Feldern, die dem Planungspraktiker eher fern liegen.
Im letzten Abschnitt öffnet Stiens den Blick auf mögliche, an das Utopische grenzende Zukunftsbilder der urbanen Landschaften. Er stellt sich damit in die große, fruchtbare Tradition utopischen Denkens, dem Städtebau und Landschaftsgestaltung als Fluchtpunkt des Denkens so viel zu verdanken hat. Das Buch ist außerordentlich gedankenreich, es verarbeitet eine Fülle von Literatur aus unterschiedlichen Disziplinen und fasst damit zahlreiche Planungs- und Handlungsansätze konzeptionell zu einem Handbuch zusammen, das wertvolle Dienste in Lehre und Praxis leisten wird.
Thomas Sieverts