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Jugendstil-Schmuck aus Pforzheim // Art Nouveau Jewellery from Pforzheim
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Vorwort // Preface

Tausende von Schmuckstücken wurden tagtäglich hergestellt, von mehr als 14.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in nahezu 500 Fabriken, Werkstätten und Ateliers. Schon um 1900 war Pforzheim das Zentrum der deutschen Schmuckindustrie mit einer geradezu einzigartigen Wirtschafts- und Sozialstruktur. Eine Fabrikstadt ohne Schlote, wie sie gelegentlich genannt wurde - schließlich gab es hier weder Kohlehalden noch Hochöfen, aber eine blühende Schmuckindustrie - produzierte Schmuck für Deutschland, für Europa und für die ganze Welt. Auf raffinierten Vertriebswegen wurde der Schmuck direkt, über Agenturen und eigene Firmenvertretungen auf allen Kontinenten verkauft. Selten allerdings wusste ein Schmuckkäufer in Amerika oder in Australien, selbst in Deutschland, dass es sich um ein Produkt aus Pforzheim handelte, das er gerade erworben hatte. >

// Thousands of pieces of jewellery were once made day in day out by more than 14000 men and women employed at nearly 500 Pforzheim factories, workshops and studios. By around 1900, Pforzheim was the centre of the German jewellery industry and boasted a virtually unique economic and social structure. An industrial city without smoke-stacks, as it was occasionally called - after all, there were neither coal tips nor blast furnaces there. What was there was a flourishing jewellery industry, which produced jewellery for Germany, Europe and the whole world. A sophisticated marketing and distribution network ensured that Pforzheim jewellery was sold on all five continents directly, through agencies and through firm representatives. Rarely, however, was a purchaser of jewellery in America or Australia, or even in Germany for that matter, aware that what they had just bought was a product from Pforzheim. >

// Nicht immer waren die Ringe, Broschen, Anhänger, Ketten und Kolliers bezeichnet, viele trugen keine Herstellermarken, und manche wurden sogar erst im Ausland mit Stempeln, die aber keine Rückschlüsse auf ihren Ursprungort zuließen, versehen. Offensichtlich hatten nur wenige Hersteller ein wirkliches Markenbewusstsein, für die meisten war der geschäftliche Erfolg vorrangig, und so war es nicht wichtig oder gar nötig, eine Identifikation eines Schmuckstücks mit dieser oder jener Firma zu ermöglichen.

Wo sind all diese Schmuckstücke geblieben? Manches mag sich noch in der einen oder anderen Schatulle finden, unerkannt, vielleicht als Erinnerung an frühere Generationen wohl gehütet, mit einem sentimentalen "Touch" ein Jahrhundert lang bewahrt. Die meisten Stücke aber sind unwiederbringbar verloren, sie mögen eingeschmolzen worden sein, als sie nicht mehr aktuell waren, sie wurden möglicherweise umgearbeitet und haben jetzt nichts mehr zu tun mit dem, was sie ursprünglich einmal waren: eine zierliche Brosche zum Beispiel mit einem Frauenköpfchen in ornamentaler Umrahmung, ein Anhänger mit goldenen Blüten und farbigem Email, eine silberne Gürtelschließe mit einfachen Schmucksteinen oder mit einer Perle. Es ist bekannt, dass in Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg Schmuckstücke zu Hunderten, gerade in Pforzheim, in den Schmelztiegeln der Scheideanstalten eingeschmolzen und so endgültig vernichtet wurden. Und darunter waren, wie man noch heute hört, viele Pretiosen aus dem Jugendstil! Schon kurz nach seiner Blüte war man ihn leid geworden, diesen Stil, der um 1900 so modern gewesen war, der Vorbilder aus der Natur in ornamentaler Verwandlung und in stilisierender Geometrie zum vorherrschenden Thema gemacht hatte. Es waren auch nur wenige Pforzheimer Firmen gewesen, die sich in der kurzen Zeitspanne von 1898 bis 1905 konsequent dieser "neuen Kunst" gewidmet hatten; die meisten produzierten weiter, was sie bisher hergestellt hatten, Althergebrachtes, das mit Sicherheit geschäftlichen Erfolg und Wohlstand, keinesfalls aber das Renommee besonderer Aufgeschlossenheit und Fortschrittlichkeit einbrachte. Und so ist es sehr schwierig geworden, mehr als ein Jahrhundert danach, einen Einblick und einen Überblick insbesondere in die Pforzheimer Situation der Epoche um 1900 zu bekommen. Wie war es denn damals, als die Belegschaft einer Doublé schmuck herstellenden Firma fast 1.500 Menschen ausmachte, die als qualifizierte Spezialisten in den unterschiedlichen Berufen der Schmuckherstellung beschäftigt waren? Wer waren die Unternehmer, die Tag für Tag die Voraussetzungen schaffen mussten, damit der Betrieb auch funktionierte, dass nicht nur produziert, sondern auch verkauft werden konnte? Wer waren die Ideengeber, die nach einer entsprechenden Ausbildung entweder selbstständig oder als angestellte "Zeichner" ihre Kreativität einsetzten, um dem internationalen Schmuckmarkt immer wieder etwas Attraktives anbieten zu können? >

// The rings, brooches, pendants, necklaces and chokers were not always marked; many bore no maker's mark at all and some were stamped but not until they were in other countries and these stamps give no clue as to the country of origin. Only a few Pforzheim industrialists seem to have had real brand awareness. Since most of them gave priority to commercial success, it was not important or even necessary for a piece of jewellery to be identifiable as the product of this or that firm. Where have all these pieces of Pforzheim jewellery gone? Some of them may still be in someone's jewellery box, unidentified, perhaps cherished as a memento of earlier generations, kept for a century as a "touching" testimonial to sentiment. Most of the pieces, however, have been irremediably lost. They may have been melted down when they were no longer in style or they may have been reworked so that now they have nothing more to do with what they originally were: a delicate brooch, for instance, with the head of a lady in a decorative frame; a pendant with gold flowers and coloured enamel; a silver belt buckle set simply with gemstones or with a pearl. It is well known that during the hard times after the Second World War, hundreds of pieces of jewellery, in Pforzheim especially, were melted down in the crucibles of the gold and silver refineries and thus destroyed. And among them, as you still hear today, were many precious Jugendstil pieces! Not long after its heyday, people were tired of that style that had been so modern around 1900, which had been mainly about the ornamental metamorphosis of nature and in stylising geometry. However, only a very few Pforzheim firms had consistently devoted themselves to that "new art" in the brief time span between 1898 and 1905; most of them continued to produce what they had already been making: the stuff of tradition that is bound to have been commercially successful and brought prosperity but certainly did not enhance Pforzheim's reputation for openness to new trends and progress. Jugendstil was just a brief interlude for Pforzheim as it was elsewhere. It was soon decried; it was regarded as an aberration and even the finest pieces of Art Nouveau were removed from the display cases at leading museums and banished to the repositories. Not until the 1950s was this art movement again esteemed and appreciated. >

// Auch für Pforzheim war der Jugendstil eine nur kurze Episode geblieben. Er war bald verpönt, man empfand ihn als einen Irrweg, und selbst Spitzenstücke des Art Nouveau wurden aus den Vitrinen bedeutender Museen entfernt und in die Depots verbannt. Erst in den 1950er Jahren setzte eine erneute Beachtung und Wertschätzung dieser künstlerischen Bewegung ein.

Kaum eine der um 1900 so erfolgreichen Firmen existiert heute noch. Niemand kann mehr Auskunft geben über die Bedingungen, über die Hintergründe der damaligen Arbeitsprozesse, über die Rivalität unter den einzelnen Firmen, auch nicht über Ereignisse, die über Erfolg oder Misserfolg entschieden. Nur wenige Daten sind in öffentlichen Archiven und Bibliotheken erhalten geblieben; kaum eine Pforzheimer Firma hat ein eigenes Archiv angelegt, und wo dies doch geschehen war, wurden die Unterlagen von Bomben und Feuer im Februar 1945 vernichtet. Seltene glückliche Umstände haben hier oder dort etwas bewahrt, das doch noch einen Blick ermöglicht in die sehr spezielle Situation dieser Stadt und ihrer Schmuckindustrie.Und dennoch, der Versuch, rund 100 Jahre zurückzublicken, wurde unternommen. Im Vergleich zu den riesigen Mengen von Schmuck aus Gold, Silber und aus Doublé, mit Edel oder mit Glassteinen, mit Perlen und deren Imitaten, mit und ohne Email, die alle damals in Pforzheim hergestellt und in alle Welt vertrieben worden sind, ist das, was entdeckt, aufgespürt und gefunden werden konnte und nun hier - von nur 18 Firmen - vorgestellt wird, gerade zu minimal. Auch hat sich herausgestellt, dass von Herstellern, die einmal einen großen Namen trugen, aber sehr einfachen und billigen Massenschmuck produzierten, nahezu nichts mehr zu finden ist. Höherwertige Schmuckstücke wurden doch eher bewahrt, das eine oder andere in Familienbesitz, manches in liebevoll und kenntnisreich zusammengestellten privaten Sammlungen, in Museumskollektionen und vor allem noch im Kunst- und Antiquitätenhandel.

So gering die Ausbeute für dieses Buch im Moment auch erscheinen mag, möglicherweise öffnet diese Publikation zum einen die Augen und die Sinne, vielleicht auch die eine oder andere private oder öffentliche Schatzkammer, so dass wir noch mehr erfahren können über den "Jugendstilschmuck aus Pforzheim". Allen, die damals dafür tätig waren, die heute bei den Recherchen geholfen haben und durch ihre Unterstützung dieses Buch ermöglicht haben, sei diese Arbeit gewidmet.

Fritz Falk

Im Herbst 2008

And thus it has become very difficult indeed, more than a century later, to command an overview of the situation at Pforzheim in the era around 1900. What was it like then, when the workforce of a firm manufacturing doublé jewellery numbered almost 1500, skilled specialists in the various aspects of jewellery-making? Who were the entrepreneurs who day in day out had to create the conditions for keeping the business going, for ensuring that not only did production continue without a hitch but that the wares sold? Who were the people with the ideas who, after suitable training, either deployed their creativity in self-employment or as "draughtsmen" on the payroll in order to keep on providing the jewellery market with attractive articles? Hardly any of the firms that were so successful in 1900 exist today. There is no one to provide information on the conditions, the background of the working process then, on the competition between individual firms, or on the events that decided success or failure. Only a small amount of data has survived in public archives and libraries; only rarely did a Pforzheim firm maintain archives of its own. Where this was done, the documents were destroyed by bombs and fire in February 1945. Rare fortuitous circumstances only have saved something here and there that can give some insight into the very special situation that prevailed in Pforzheim and its jewellery industry. Still, the attempt to look back some 100 years has been made. What has been discovered, tracked down and found to be presented here - the work of only eighteen firms - is minimal indeed by comparison with the vast quantities of gold, silver and doublé jewellery, set with precious stones or glass, with pearls and simulated pearls, with or without enamel, all of it made then in Pforzheim and sold to the world. Nor has very much to speak of survived particularly of the products of those manufacturers who once enjoyed such great reputations but actually produced very simple, even cheap, jewellery. It was the more valuable pieces that tended to be preserved, some of them handed down in families, some in lovingly amassed and knowledgeably tended private collections, in museum collections and above all on the art and antiques market.

As meagre as the harvest for this book may currently seem, it is still possible that this publication may, on the one hand, open eyes and minds, perhaps also the doors of some private and public treasure chambers, so that we may learn more about "Jugendstil jewellery from Pforzheim". The present work is dedicated to all those who once worked for the Pforzheim jewellery industry, who today have helped in researching it and have made this book possible through their support.

Fritz Falk

Autumn 2008


 
   


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