Vorwort
Rokoko, als Begriff von der Rocaille, dem Hauptornament der Epoche abgeleitet, ist der Inbegriff, das ästhetische Leitbild der modisch-luxuriösen dekorativen Künste einer im Glanz der gefühlten eigenen Bedeutung sich spiegelnden höfischen Gesellschaft des späten Absolutismus. Das asymmetrische, schwungvolle, höchst extravagante Muschelornament überwuchert Palastwände, Mobiliar und die fürstliche Tafel, mit ihm wird das Rokoko auch materiell zum glänzendsten, aufwändigsten und prächtigsten aller repräsentativen Stile des Ancien regime. Neben dem ornamentalen Überschwang umkreisen zahlreiche figürliche Darstellungen in Malerei und Plastik eine Welt des Schönen und Eleganten, des Geistreichen und Satirischen, der Mythologie und Geschichte, des Amourösen, Exotischen und des vermeintlich einfachen, leichten, volksnahen Lebens als sehnsuchtsvolles Gegenbild zur realen, von Etikette, Ritual und Anpassungszwängen bestimmten Lebenswelt bei Hofe. Wie kaum ein anderes Material ist es dabei das im 18. Jahrhundert neu entwickelte, als große Kostbarkeit europaweit begehrte Porzellan, das sich hier nicht nur für das prachtvoll dekorierte Tafelgeschirr, sondern vor allem für eine neue, höchst fein ausgearbeitete und, nicht zuletzt, farbige Plastik anbietet. Gerade sie hat nicht nur die Kleinplastik generell, sondern auch die hoch entwikkelte Kultur der thematisch komplexen Tafelaufsätze - oft sind es ganze theatralische Szenarien - revolutioniert. Überreich ist diese kleine, ursprünglich aus der vergänglichen Zuckerbäckerei der Hofkonditoreien hervorgegangene Welt: antike Götter und mythische Helden, sinnfällige Allegorien wie Jahreszeiten, Elemente oder Tugenden, Schäferinnen und Schäfer (hinter denen die verkleideten Höflinge beim amourösen Spiel kaum zu übersehen sind), Handwerker und Händler, Gaukler oder Tänzer.
Diese kleine Welt, Anlaß für gelehrte oder spielerische Konversation, für geistreiche Allusion und Wortspiel und zweifelsohne auch Reflex des zeitgenössischen Theaters, offenbart in der künstlerischen Qualität nicht selten Züge der besten großen Bildwerke der Epoche. Tatsächlich waren es stets in ihrer Zeit renommierte Bildhauer, die die Modelle für dieses seinerzeit nach dem Gold kostbarste Material geschaffen haben - Gegenstand der Leidenschaft einer fast überfeinerten, raffinierten Kultur der europäischen Fürstenhöfe - und faszinierend bis heute.
Nur wenige Jahre nach der Gründung der ersten - und nach wie vor bekanntesten - europäischen Porzellanmanufaktur im sächsischen Meissen 1710 wurde es oft teure Prestigesache zahlreicher europäischer Fürsten, an ihren Höfen eigene Porzellanwerkstätten einzurichten. Nach Wien, Fürstenberg und vielen anderen wurde schließlich am 5. April 1758 durch Herzog Carl Eugen von Württemberg in Ludwigsburg per Dekret die letzte der großen deutschen Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts als "Herzoglich ächte Porcellain Fabrique" für die fürstliche Hofhaltung gegründet. Anläßlich des 250-jährigen Gründungsjubiläums präsentiert das Museum für Angewandte Kunst Köln, als einen der Höhepunkte in der Reihe der in den vergangenen Jahren vorgestellten Privatsammlungen, das vorliegende Werk und die gleichnamige Ausstellung. Um einen Höhepunkt handelt es sich nicht nur aufgrund der Wertschätzung, die seit jeher dem Porzellan entgegengebracht wird, sondern vor allem wegen der Rarität und Qualität der in dieser außergewöhnlichen Sammlung vereinigten Werke. Mehr als ein Drittel der rund 150 wertvollen Exponate aus der Blütezeit der Ludwigsburger Manufaktur sind bislang noch nie ausgestellt worden; viele Porzellane sind als einzige bisher bekannte Exemplare nur in der Sammlung von Reinhard Jansen belegt. Das Museum, selbst Besitzer einer bedeutenden, zum Teil von keinem Geringeren als Erich Köllmann zusammengetragenen Porzellansammlung, schätzt sich glücklich, dieses aufsehenerregende Ergebnis einer rund 35 Jahre währenden (Sammel-) Leidenschaft erstmals allen Kunstliebhabern, Kennern und Fachleuten vorstellen zu können. Daß das Jubiläum der berühmten Manufaktur in Köln und nicht im heimischen Ludwigsburg gefeiert wird, ist das Ergebnis für uns glücklicher Umstände. Der freundschaftliche Kontakt von Reinhard Jansen mit unserem Museum ist dafür ebenso wichtig wie das Vertrauen, das er uns und insbesondere Patricia Brattig als Sammlungskuratorin entgegenbrachte. Ohne seine profunde Kenntnis vom Porzellan allgemein und den Kunstwerken der Ludwigsburger Manufaktur im besonderen wären Buch und Ausstellung natürlich nicht zustande gekommen. Wir sind froh, daß er ebenso bereitwillig wie lange auf die Gegenstände seiner Leidenschaft zu Gunsten einer beglückten Öffentlichkeit zu verzichten bereit war. Seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem Engagement und seiner stets hilfsbereiten Unterstützung verdanken Buch und Ausstellung viel. Dafür möchten wir herzlich Dank sagen.
Auch seine Fachkompetenz, seine Umsicht und sein Einfühlungsvermögen waren entscheidend: Tobias Friedrich, Diplom-Restaurator für Glas und Keramik, hat die Einrichtung der Ausstellung und den Umgang mit den ebenso schönen wie empfindlichen und fragilen Kunstwerken übernommen, darin unterstützt von den übrigen Restauratoren unseres Hauses. Herrn Matthias Hamann und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museumsdienstes Köln verdanken wir das reichhaltige museumspädagogische Begleitprogramm zur Ausstellung, das sich natürlich an Erwachsene, aber auf besondere Art auch an Kinder und Jugendliche wendet, um ihnen spielerisch den Zugang zur vielfältigen Kultur und Geisteswelt des Rokoko, vor allem aber zur Welt des Porzellans zu eröffnen. Auch den ehrenamtlichen Mitgliedern des Arbeitskreises am Museum für Angewandte Kunst sei an dieser Stelle gedankt, die, unter der Leitung von Frau Carola Horster, zahlreiche Führungen zur Ausstellung ausgearbeitet und angeboten haben. Unter der Leitung von Herrn Michael Albers haben die Mitarbeiter des Rheinischen Bildarchivs unter hohem Zeitdruck mit großer Hilfsbereitschaft dem Museum zugearbeitet. Dem geschulten Auge der Photographin Marion Mennicken verdanken wir die herausragenden Aufnahmen und zahlreichen Detailabbildungen der oft kleinformatigen, komplex aufgebauten Figuren und Gruppen. Fachkollegen zahlreicher nationaler und internationaler Institutionen und Museen steuerten Neuaufnahmen und Reproduktionen ihrer Ludwigsburger Porzellane sowie von Vorzeichnungen und Druckgraphiken für den Katalog bei. Ihnen allen gilt unser wärmster Dank. Der Graphiker Helmuth Malzkorn vom Graphikstudio der Kölner Museen hat die brillante Gestaltung des Kataloges und aller mit der Ausstellung verbundenen Drucksachen besorgt - eine außergewöhnliche, mit großer Anteilnahme, Engagement und Begeisterung erbrachte Leistung, für die ihm große Anerkennung und Dank gebührt. Der mit besonderer Sorgfalt edierte Katalog spiegelt den hohen Qualitätsanspruch seines Verlegers, Herrn Dieter Zühlsdorff, wider, aber auch dessen Begeisterung für Themen aus den Grenzbereichen zwischen Kunst und Handwerk. Wir wissen die verlegerische Fachkompetenz der Mitarbeiter der Arnoldsche Art Publishers insgesamt sehr zu schätzen.
Ohne die großzügige Unterstützung einiger langjähriger Freunde und Förderer des Museums für Angewandte Kunst wäre dieses Buch jedoch in diesem Umfang und in der vorliegenden Ausstattung nie erschienen. Wir danken ganz besonders herzlich Frau Brita Gerling-Koehne, Frau Lissy Bräckerbohm, Herrn Hermann R. Müller (Frühkunst Köln), Frau Karin Ohlenburger-Bauer und Herrn Horst Wolff. Mit bewundernswertem und unermüdlichem Einsatz hat Patricia Brattig die Gesamtleitung des Projekts sowie als Herausgeberin der vorliegenden, umfassenden und aufwändig gestalteten Publikation Lektorat und Redaktion übernommen. In einem eigenen wissenschaftlichen Beitrag weist sie nach, daß die Bildhauer- und Maler in Ludwigsburg mit sehr genauem Blick Mode und Habit ihrer Zeit erfaßt und wiedergegeben haben; wo sie sich nicht allein auf die eigene Anschauung verließen, vermittelten Kupferstiche literarische und theatralische Themen und Szenen. Zuverlässig und verantwortungsbewusst hat Frau Brattig überdies für die praktische Umsetzung und die anregende Gestaltung der Ausstellung gesorgt. Ihr sei an dieser Stelle besonders gedankt. Möge den genannten, ebenso wie den vielen ungenannten Helfern die positive Resonanz und der Erfolg der Ausstellung sowie der Publikation schließlich als schönster Dank zuteil werden.
Gerhard Dietrich
Stellv. Museumsdirektor