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Gerd Rothmann
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Vorwort

Dr. Christiane Lange

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München

Im Victoria & Albert Museum in London wurde die Schmuckabteilung neu eröffnet. Die Besucher drängeln sich in einem gläsernen Schatzkästlein, in dem auf engstem Raum Diademe, Broschen, Ketten und Ringe Zeugnis von vergangenen Epochen geben. Die Vitrinen springen von Jahrhundert zu Jahrhundert und es funkeln die Diamanten, leuchten die Rubine, glänzt das Gold und staunen die Menschen. Das Gedränge zwischen den Schaukästen entspricht der Fülle der Auslagen. Bevor ich zu viel von allem bekomme, entdecke ich Armreifen aus Plastik, Pop-Art-Landschaften, kleine Geduldsspiele, Arbeiten von Gerd Rothmann. Auf einmal fühle ich mich privilegiert. Sicher bin ich die Einzige in diesem Raum, die etwas von dieser Ausstellung am eigenen Leibe trägt.

Seit zehn Jahren gehe ich ohne die Kette von Gerd Rothmann praktisch nicht mehr aus dem Haus. Stets umschließt ein Kreis schlichter Goldstücke meinen Hals. Jede dieser kleinen Schalen ist von den Fingerabdrücken meiner Eltern geprägt. Meine Mutter ist unglaublich praktisch, es gibt nichts, was sie nicht mit ihren Händen erschaffen könnte. So sind ihre Finger heute voller Schrunden und Falten. Leicht lassen sich ihre Abdrücke unterscheiden, wenn man genauer hinsieht. Mein Vater, ein reiner Geistesmensch, hat auch im Alter noch eine erstaunlich glatte, makellose Haut. Fast immer überrascht es Bewunderer zu hören, dass ich nicht nur ein zeitloses Schmuckstück, sondern so Persönliches trage, und ich provoziere damit auch polarisierende Kommentare. Manchen würgt der Gedanke, seine Eltern am Hals zu haben, andere sind fast zu Tränen gerührt bei der Vorstellung von solcher Nähe. Ich fühle mich beschützt durch meine Mutter und meinen Vater, die mich mit all ihren Qualitäten mit diesem Geschenk stets begleiten.

Eine kleine Geschichte von nur einer einzigen Arbeit von Gerd Rothmann zeigt, dass es sich bei ihm nur scheinbar um Schmuckstücke handelt, in Wahrheit aber ist es immer Kunst. Nicht, weil seine Werke von so ausgefeilter handwerklicher Meisterschaft zeugen, sondern ganz einfach weil Gerd Rothmann ein Künstler ist. Er stellt nicht Ringe oder Ketten für die Wünsche von Kunden her, sondern arbeitet konsequent an einem konzeptuellen Œuvre. Was zunächst vielleicht divergent erschien, wird in der Rückschau von vier Jahrzehnten offensichtlich zum notwendigen Zwischenschritt und es gruppieren sich von selbst die Reihen.

The various groups in his work reveal that Rothmann always tries to answer the same question: what does jewellery signify?

To adorn oneself, or to adorn oneself with borrowed plumes, means to improve that which is perceived as incomplete, to give something another identity and to appear more grandiose, beautiful and colorful than in reality It could also aim at hiding something, or even protect. One is soon confronted with magic, as an amulet reveals art as rooted in cult. The works in the Victoria & Albert Museum that are selected to represent the twentieth century illuminate the changes that have occurred during the past decades in the so-called applied arts: gold and precious stones find themselves equal to plate and glass. Only the object itself convinces, not its material value or craftsmanship. With some delay, jewellery has also freed itself from skill, as painting has done since the renaissance. During the modern era, the boundaries of aesthetics have become porous, and we have opened our eyes to the beauty within common objects: it is no longer just the rarity and its consequent market value that dominates the taste for jewellery This restatement of the notion of jewellery, which has developed over centuries and in large parts of the world, is in fact not so new but rather archaic. To color the human skin with pigments, or mark it with needles is as primordial as putting flowers or feathers in one's hair, or to adorn the body with shells, stones or bones. Gerd Rothmann belongs to the small, but international circle of artists that have contributed to the emancipation of this craft. The current retrospective not only facilitates an overview of his œuvre and a better comprehension of individual works, but also promises a continuation of his grappling with an age-old theme.

Die verschiedenen Gruppen machen ganz deutlich, wie Rothmann immer um den eigentlichen Begriff der Sache ringt: Was bedeutet Schmuck?

Etwas schmücken, sich schmücken, sich mit fremden Federn schmücken, heißt etwas als unvollkommen Angenommenes verbessern, eine andere Identität vorspiegeln, größer, prächtiger, bunter scheinen, als man ist. Manchmal heißt es auch etwas verbergen, um sich zu schützen. Schnell kommt da Magie ins Spiel, das Amulett zeigt die Wurzel der Kunst im Kult. Die vom Victoria & Albert Museum für das 20. Jahrhundert ausgewählten Arbeiten zeigen, was sich in den letzten Jahrzehnten im Bereich des so genannten Kunsthandwerks verändert hat: Genauso gut wie Gold und Edelsteine sind heute Blech und Glas. Nicht Materialwert oder Fingerfertigkeit, allein das Objekt überzeugt. Der Schmuck hat sich mit etwas Verspätung also ebenso vom Handwerk gelöst wie die Malerei seit der Renaissance. Die Moderne hat die Grenzen der Ästhetik längst erweitert, uns die Augen für die Schönheit banaler Gegenstände geöffnet: Nicht mehr Seltenheit und damit Marktwert dominiert den Geschmack für Geschmeide. Diese Neuformulierung des über einige Jahrhunderte in großen Teilen der Welt gängigen Begriffs von Schmuck ist nach kurzer Besinnung nicht wirklich neu, sondern vielmehr archaisch. Die Haut mit Pigmenten zu färben oder mit Nadeln zu ritzen ist genauso urmenschlich wie Blumen oder Federn ins Haar zu stecken oder sich Muscheln, Knochen und Steine um den Hals oder an andere Körperteile zu hängen. Gerd Rothmann gehört zum kleinen, aber internationalen Kreis von Künstlern, die an der Emanzipation dieses Kunsthandwerks mitgearbeitet haben. Die Bestandsaufnahme des Bisherigen erleichtert im Überblick auf das Gesamtwerk das Verständnis für das Einzelobjekt und gibt Hoffnung auf eine Fortsetzung seines Ringens um die Erneuerung dieses uralten Themas.


 
   


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